KommentarZunehmende Hitzewellen: Europas Klimapolitik braucht mehr Anpassung, weniger IllusionenEs wird immer heisser, und das Pariser Klimaziel rückt in weite Ferne. Europas Klimapolitik braucht einen Kurswechsel: mehr Anpassung an die Hitze, mehr Technologie, mehr Kostenbewusstsein.24.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenÜberall in Europa war in den letzten Wochen kühlendes Wasser gefragt, hier in Lissabon.Antonio Pedro Santos / EPAEuropa hat eine der längsten und heissesten Hitzewellen, seit es Messdaten gibt, hinter sich. In Frankreich, Deutschland oder der Schweiz wurden zeitweise Temperaturen von über 38 Grad gemessen – und das im Juni. Hinzu kommt eine extreme Trockenheit. Mit Ausnahme des Mittelmeerraums ist Europa nicht an derartige Hitzewellen gewöhnt. Die Infrastruktur ist nicht darauf ausgerichtet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die jüngste Hitzewelle kann zwar primär mit Wetterphänomenen erklärt werden, die durch eine ungewöhnlich stabile Hochdrucklage begünstigt wurden. Doch sie ist kein Einzelfall. Der Trend hin zu längeren, heisseren und trockeneren Sommern ist eindeutig. Die letzten elf Jahre waren global die elf wärmsten Jahre, seit es Messungen gibt. Diese Entwicklung muss im Kontext der globalen Klimaerwärmung verstanden werden.Daraus sollte die Politik in Europa drei Konsequenzen ziehen. Erstens ist die Zeit definitiv gekommen, dass sich Europa auf höhere Durchschnittstemperaturen und wiederkehrende Hitzewellen einstellt. Es braucht Anpassungsmassnahmen, die das Leben und Arbeiten unter solchen Bedingungen erleichtern. Diese müssen jetzt eingeleitet werden.Zweitens ist es richtig, dass die Klimapolitik versucht, den Jahrhunderttrend der Klimaerwärmung durch eine Reduktion der globalen Emissionen von Treibhausgasen zu verlangsamen. An diesem Ziel sollte festgehalten werden.Drittens kommen mit der nötigen Anpassung an die Hitze und der Fortsetzung der Klimapolitik gleich zwei grosse finanzielle Herausforderungen gleichzeitig auf die Regierungen, Bürger und Unternehmen zu. Deshalb müssen alle Massnahmen nach höchster Effektivität und Effizienz ausgewählt werden.Geringe Zahlungsbereitschaft für das KlimaDas Wetter und das Klima sind den Bürgern wichtig. Sie erwarten von der Politik Lösungen. Doch die letzten Jahre haben auch gezeigt, dass kaum jemand bereit ist, selbst mit grösserem Konsum- oder Geldverzicht dazu beizutragen: Das Klima soll bitte schön gerettet werden, aber es darf mich nichts kosten. Die Euphorie der Klimajugend des Jahres 2019 ist verpufft, selbst ihre Ikone Greta Thunberg beschäftigt sich heute lieber mit Antikapitalismus und Antisemitismus als mit dem Klima. Von einer Bereitschaft zum Verzicht auf Auto, Flüge, Konsumgüter, stromfressende KI-Anwendungen oder grosse Wohnflächen fehlt jede Spur. Und jetzt wird auch noch nach gekühlten Büros und Schlafzimmern gerufen.Die Wirtschaft ächzt unter den Belastungen der Klimapolitik. Deutschland oder Grossbritannien zeigen, wie eine konsequent auf das Netto-Null-Ziel ausgerichtete Klimapolitik zu hohen Strompreisen und zum Niedergang der heimischen Industrie beiträgt. Denn die Unternehmen stehen im globalen Wettbewerb.Die europäischen Regierungen müssen deshalb die Kosten der Klimapolitik begrenzen und deren Wirksamkeit erhöhen. Verschwenderische Symbol- und Klientelpolitik kann sich Europa nicht mehr leisten; die Bürger akzeptieren das nicht mehr. In Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten befindet sich die Klimapolitik deshalb im Rückwärtsgang. Das ist richtig, es braucht dringend eine kritische Überprüfung der Ansätze.Das gilt auch für die Schweiz. Sie muss akzeptieren, dass das Potenzial für wirtschaftlich zu betreibende Wind- und Solarparks in dem dichtbesiedelten Land begrenzt ist. Städte wie Zürich sollten auf vernachlässigbare und teure Ideen wie etwa kommunale Klimaneutralität ab 2040 oder den Transport von verflüssigtem CO2 aus der Abfallentsorgung bis zur Nordsee zu horrenden Kosten verzichten. Niemand in der Welt wird sich an Zürichs rot-grünen Stadträten ein Vorbild nehmen und die eigenen Emissionen derart drosseln.Das Pariser Klimaziel ist gescheitertKaum jemand will es zugeben, doch die Lage ist klar: Trotz ehrgeizigen Selbstverpflichtungen und hohen Kosten der europäischen Klimapolitik ist die Welt weit davon entfernt, die Ziele des 2015 in Paris im Rahmen der Uno beschlossenen Klimavertrags zu erreichen. Kaum ein Land erfüllte bisher alle seine Verpflichtungen zur schrittweisen Reduktion der nationalen Emissionen. Ziel des Vertrags war es, die Klimaerwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, doch diese Erwärmung ist bereits jetzt Realität geworden. Der Klimavertrag von Paris ist in seinem Ziel gescheitert.Deshalb sollten die Europäer ehrlich Bilanz ziehen und erkennen: Das Ziel der Netto-Null-Emissionen ab 2050 ist im heutigen Kontext mangelnder globaler Kooperation zu kostspielig und kaum mehr zu erreichen. Die Regierungen sollten sich wieder mehr Spielraum verschaffen, indem sie bestehende gesetzliche Selbstverpflichtungen auflösen, aber trotzdem an der Richtung der Klimapolitik festhalten. Sonst droht eine zunehmende Zahl von Klimaprozessen, welche von Interessengruppen vorangetrieben werden, um die Politik zu teuren Klimaschutzmassnahmen zu zwingen, für die der demokratische Konsens bröckelt.Das bedeutet nicht, dass der Versuch nutzlos wäre, die globale Klimaerwärmung zu begrenzen. Keinesfalls. Die Emissionen von Treibhausgasen sinken in den westlichen Industrienationen weiter. In China, dem weltweit grössten Emittenten, flacht das Wachstum ab, es dürfte vor 2030 eindeutig ins Negative drehen.Selbst die USA bewegen sich weiter auf einem Pfad sinkender Treibhausgasemissionen. Die Installation von Wind- und Solarkraft nahm auch im vergangenen Jahr weiter deutlich zu, obwohl Präsident Trump Anfang 2025 den Ausstieg aus dem Pariser Vertrag angeordnet hat und die bundesstaatliche Klimapolitik von seiner Administration weitgehend abgewürgt wird. Gleichzeitig verzeichnen die USA ein ansehnliches Wirtschaftswachstum, eine rekordhohe Erdöl- und Erdgasförderung und einen gewaltigen Bauboom bei stromfressenden KI-Rechenzentren.Rasanter technischer FortschrittHauptgründe für die Erfolge der Klimapolitik sind der technische Fortschritt und die voranschreitende Elektrifizierung der Welt. Windkraftwerke und Solarpanels sind mittlerweile derart günstig, dass sie sich selbst in einem ideologisch feindseligen Teilstaat wie Texas ausbreiten. Nicht wegen staatlicher Förderung, sondern weil es ein gutes Geschäft ist. Auch die Elektrifizierung des Autoverkehrs schreitet weltweit rasant voran, da die Technologie immer leistungsfähiger und günstiger wird. Im letzten Jahr hatten weltweit bereits 25 Prozent aller verkauften Neuwagen eine am Stromnetz aufladbare Antriebsbatterie.Bei beidem spielt die Führung in Peking eine zentrale Rolle. Sie hat Windkraft, Solarstrom, Elektrofahrzeuge und Batterietechnik zu strategischen Industrien erhoben und gefördert, um sich einen geopolitischen Vorteil zu verschaffen. Die Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern und von westlichen Technologien wird so reduziert. Gleichzeitig bindet China viele Länder an sich durch Exporte günstiger Elektroautos und Technologien zur Stromerzeugung.Europa sollte für einmal dem Beispiel Trumps folgen und die Geduld aufbringen, den technologischen Fortschritt möglichst frei spielen zu lassen. Windkraft, Solarkraft und Elektroautos sind bereits so gut, dass sie an geeigneten Standorten keine Subventionen mehr brauchen. Und an ungeeigneten Standorten haben sie nichts zu suchen. Anstelle der Subventionen sollten Eingriffsmöglichkeiten durch CO2-Preise ausgebaut werden, soweit der internationale Wettbewerb dies zulässt – leider gibt es derzeit keine Hoffnung, dass ein Regime globaler CO2-Preise durchsetzbar wäre.Elektrifizierung: Vorteil SchweizFür das Klima ist der globale Trend der Elektrifizierung die beste Nachricht. Überall, wo elektrische statt fossile Energie eingesetzt wird, besteht ein Potenzial zur kräftigen Reduktion der Emissionen. 2025 wurden bereits 42 Prozent der weltweiten Stromproduktion durch erneuerbare Energien und Atomenergie erzeugt, dieser Anteil wird gemäss der Internationalen Energieagentur bis 2030 auf 50 Prozent steigen, trotz stark wachsender Stromnachfrage.Die Schweiz ist hierbei besonders gut positioniert. Dank Wasser- und Atomkraft wird der Schweizer Strom schon heute weitgehend emissionsfrei erzeugt. Deshalb ist es richtig, dass Bundesbern sich um einen weiteren Ausbau der Stromnetze und der Wasserkraft sowie die Prüfung des Baus neuer Atomkraftwerke bemüht. Auch wenn mittelfristig für eine Übergangszeit wohl der Bau einiger Gaskraftwerke nötig werden wird, ist klar: Die Schweiz sollte die Elektrifizierung feiern und nicht behindern. Strom ist die klimaschonende Energie der Zukunft. Möglichst alle Lebensbereiche sollten darauf ausgerichtet werden: Industrie und Gewerbe, das Heizen und Kühlen der Gebäude durch Wärmepumpen, der Verkehr durch Elektroautos.Nötige Anpassung an die HitzeUnd damit wird auch die Anpassung an die wachsende Zahl von Hitzetagen leichterfallen. Klimaanlagen laufen mit Strom. Für die Kühlung von Gebäuden können grundsätzlich auch Heizungssysteme mit Wärmepumpen genutzt werden; in Liechtenstein wird die Zulassung gerade geprüft.Ob sich der Einbau von Klimaanlagen in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland wirklich lohnt, um sich das Leben während vielleicht zehn oder fünfzehn Hitzetagen (mit Temperaturen über 30 Grad Celsius) angenehmer zu machen, ist Ansichtssache. Auf jeden Fall sollte die Politik diese Entscheidung den Privaten überlassen und sie ihnen nicht vorschreiben.Die Politik hat bereits mehr als genug zu tun, um den öffentlichen Raum besser an Hitze und Trockenheit anzupassen. Dabei sollte sie auf nutzlose Show-Effekte wie etwa das hastige Aufstellen kleiner Bäume in Töpfen auf städtischen Plätzen verzichten. Sinnvoll sind nur nachhaltig wirkende Massnahmen, da die Herausforderung langfristiger Natur ist.Priorität sollte der Schutz der Alten und Schwachen haben durch den raschen Einbau von Kühlsystemen in Alters- und Pflegeheimen und Spitälern. Das Entsiegeln von Böden, das Freilegen von Bächen, das Pflanzen grosser Bäume kann die Erhitzung der Städte etwas mildern. Die Anpassung an ein heisseres Klima sollte verstärkt in die Raumplanung und Architektur einfliessen. Auch wenn die Schweiz insgesamt genügend Wasser zur Verfügung hat, wird zu Recht ein Wassermanagement-System vom Bund gefordert, um möglichen lokalen Engpässen und Nutzungskonflikten zu begegnen.Viele dieser Massnahmen sind bereits angedacht. Jetzt müssen sie mit Nachdruck und Weitsicht umgesetzt werden – und mit einem disziplinierten Blick auf Wirksamkeit und Kosten.Passend zum Artikel