Ponyo will nicht zurück in den Käfig. Die Hündin liegt vor der Gittertür flach auf dem Boden und bewegt sich nicht. Billur Karabenli versucht es mit Leckerli. Sie redet dem Tier gut zu, streichelt ihm den Kopf. Schließlich erhebt sich Ponyo und stapft in den zehn Quadratmeter großen, weiß gekachelten Raum. Karabenli schließt die Tür. Der nächste Hund wartet schon.Die Istanbuler Immobilienmaklerin hat eine Tierschutzgruppe gegründet, die zweimal pro Woche in das städtische Tierheim im Stadtteil Beyoğlu kommt, um die Straßenhunde Gassi zu führen, ihr Verhalten und ihre Gesundheit zu dokumentieren. Es ist ein Pilotprojekt, das die verhärteten Fronten zwischen Tierschützern und Hundefängern aufweichen will. Und der Versuch, nach einem hochumstrittenen Hundegesetz den Tierschutz in der Türkei neu zu gestalten.Zwanzig Jahre lang galt für Straßenhunde, dass sie sterilisiert, geimpft und wieder freigelassen werden sollten. Wegen knapper Kassen geschah das aber selten. Die Population wuchs. Ein 2024 verabschiedetes Gesetz sollte das ändern. Nun sollen alle Straßenhunde eingefangen werden und die Tierheime nur verlassen, wenn sie von jemandem „adoptiert“ werden. Die Folge: Die Heime sind heillos überfüllt. Auf dem Gelände in Beyoğlu sind 79 Hunde untergebracht, obwohl es nur für 40 ausgelegt ist. Und regelmäßig kommen neue Anrufe, dass wieder ein Hund eingefangen werden soll.„Es geht darum, zumindest ein paar Leben zu retten“Kritiker sehen in dem Gesetz einen Freibrief für Massentötungen. Es sieht vor, dass ansteckende oder unheilbar kranke sowie aggressive Hunde eingeschläfert werden. In überfüllten Tierheimen, so die Kritiker, würden Hunde leicht krank oder aggressiv. Oder man deklariere sie einfach so, um Platz für neue Tiere zu schaffen.Karabenli und ihre Mitstreiter haben monatelang gegen das Gesetz protestiert. Nächtelang hielten sie Wache vor einem Tierheim, um Verstöße zu dokumentieren. Doch jetzt, da immer mehr Hunde eingefangen werden, haben sie ihren Ansatz geändert. „Es geht darum, zumindest ein paar Leben zu retten“, sagt Karabenli. Indem sie die Hunde ausführen und trainieren, wollen sie deren Chancen auf eine „Adoption“ erhöhen.Für jeden Hund haben die Ehrenamtler Aufkleber und Magnete mit QR-Code hergestellt. Wenn man ihn scannt, hört man eine freundliche Stimme, die über die Eigenschaften, das Alter, den Namen und die Rasse des Hundes spricht. Das scheint schon Wirkung zu zeigen. Im vergangenen Jahr fanden nur 22 Hunde aus Beyoğlu einen neuen Besitzer. Jetzt sind es zur Jahreshälfte schon 17. Allerdings sind das noch immer viel zu wenige.Besitzer gesucht: Die eingefangenen Straßenhunde sollen „adoptiert“ werden.Friederike Böge„Manche Aktivisten kritisieren uns“, sagt Karabenli. Die Gruppe mache sich zum Feigenblatt eines mörderischen Gesetzes, nur um das eigene Gewissen zu beruhigen, sagen die Kritiker. Knapp zwei Dutzend Freiwillige haben sich an diesem Sonntag in dem Istanbuler Tierheim versammelt. Das Gelände liegt auf einem Hügel über dem Goldenen Horn. Von hier aus kann man weit über den Meeresarm hinausblicken. Die Freiwilligen haben sich blaue Westen übergezogen. Darauf steht der Name ihrer Gruppe: Patilen Beyoğlu.„Als wir zum ersten Mal hierherkamen, waren viele Hunde so verängstigt, dass sie den Käfig gar nicht verlassen wollten“, sagt Deniz Genceolu, die als Redakteurin für archäologische Fachpublikationen arbeitet. „Wir haben uns zu ihnen in den Käfig gesetzt, damit sie sich an Menschen gewöhnen.“ Bei vielen Hunden seien die Krallen so lang gewesen, dass sie nur schwer auftreten konnten. Inzwischen hätten die Tierschützer die Mitarbeiter der Einrichtung überzeugt, sie regelmäßig zu schneiden.Genceolu engagiert sich seit Jahren in Tierschutzgruppen. Aber ein Tierheim hatte sie bisher noch nicht von innen gesehen. „Ich hatte immer eine schlechte Meinung davon.“ Die Mitarbeiter wiederum hätten den Tierschützern misstraut. „Inzwischen fühlen sie sich sicher mit uns.“ Sie nutzen unter anderem eine von den Freiwilligen erstellte App, in der Verhaltensänderungen und Anzeichen von Krankheiten der Hunde eingetragen werden.„Das hier ist wie ein Boutique-Tierheim“Sie sei dagegen, Hunde einzusperren, aber auf der Straße sei ihre Lage auch nicht ideal, sagt Genceolu. Sie könne nur im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten versuchen, im Leben einzelner Hunde etwas zu bewirken. „Wenn sie an Gras und Menschen schnuppern können, macht das einen Unterschied“, sagt die Archäologin. Man sieht den Hunden an, dass sie die Aufmerksamkeit genießen. Sie macht sich allerdings keine Illusionen: „Das hier ist wie ein Boutique-Tierheim.“ Die Situation in den meisten Massenunterkünften in der Türkei sei ganz anders.Die Ehrenamtler wollen auch am Planungsprozess für den Bau neuer Tierheime beteiligt werden. Die Kommunen sind verpflichtet, bis Ende 2028 ihre Kapazitäten auszubauen. In Istanbul leben Schätzungen zufolge 48.000 Straßenhunde. Die Tierheime der Stadt haben bisher Kapazitäten für 8000 bis 9000 Tiere. „Es ist wichtig, schon in den Bauskizzen die Bedürfnisse der Tiere mitzudenken“, sagt Karabenli. Im Gesetz gibt es keinerlei Vorgaben für artgerechte Haltung, oder um die Verbreitung ansteckender Krankheiten zu verhindern. Die Gruppe kooperiert mit der Semtpati-Stiftung (ein Wortspiel aus Sympathie und Pfote), die nach eigenen Angaben bereits mehr als 2000 Hundeadoptionen ermöglicht und beim Bau eines neuen Vorzeigetierheims in Istanbul mitgewirkt hat. Die Stiftung organisiert auch Hundetraining für Freiwillige.Sinem und Taner Gültekin aus Köln sind nur für einen Tag dabei. Sie sind gerade im Urlaub in der Türkei und wollten wissen, wo die Hunde geblieben sind, die sie bei früheren Urlauben auf den Straßen gesehen haben. „Wir hören immer, dass die Hunde eingesammelt und umgebracht werden“, sagt Sinem Gültekin. „Ich habe mir die Hunde in einem schlimmeren Zustand vorgestellt.“ Sie führen einen Labrador Gassi, der auf Kommando Pfötchen gibt. Er hat offensichtlich nicht immer auf der Straße gelebt, sondern wurde wohl von seinem Besitzer ausgesetzt.Viele Stadtverwaltungen drücken sich vor den KostenDass die Freiwilligen überhaupt Zugang zum Tierheim haben, hat viel mit Mehti Fidan zu tun. „Wenn du Angst davor hast, dass Leute reinkommen und Probleme sehen, machst du wahrscheinlich etwas, vor dem du Angst haben solltest“, sagt der Leiter der Einrichtung. „Die Ehrenamtlichen sind in diesem System diejenigen, die am meisten arbeiten, und sie geben dazu noch ihr eigenes Geld aus.“ Zum Beispiel für Impfstoffe, die die Kommune sich nicht leistet. Fidan ist Tierarzt. Er weiß, was er tut. Das gilt längst nicht für alle Einrichtungen in der Türkei, die oft eine hohe Sterblichkeitsrate haben.Gegen die Überbelegung in seiner Einrichtung ist allerdings auch Fidan machtlos. Wenn ein Anruf von einem Anwohner oder aus dem Gouverneursamt kommt, dass ein Hund eingefangen werden soll, muss er einen Mitarbeiter losschicken. Den Kommunen, die sich weigern, drohen Geldstrafen, und eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten für den Bürgermeister. Fidan versucht zwar, das Tier dann anderswo unterzubringen. „Aber dort ist auch alles voll.“ Trotzdem schließt Fidan aus, dass unter seiner Leitung Hunde getötet würden – außer, sie seien unheilbar krank. „Das wäre für mich ein Grund, meinen Job aufzugeben“, sagt er.Fidan ist kein Befürworter des Hundegesetzes, weil er glaubt, dass es nicht die erhoffte Wirkung erzielt. „Wenn ich sieben Hunde einfange und ein anderer Hund morgen sieben Junge hat, war meine Arbeit umsonst.“ Stattdessen plädiert er dafür, die begrenzten Gelder in systematische, massenhafte Sterilisierung zu investieren. So war es bis 2024 eigentlich vorgeschrieben. Doch viele Stadtverwaltungen drückten sich vor den Kosten. Nachdem das neue Gesetz verabschiedet wurde, fingen manche Kommunen ihre Straßenhunde ein und luden sie in der nächsten Stadt wieder aus, um das Geld für neue Tierheime zu sparen.„Ich kümmere mich mehr um die Katzen als um meinen Mann“Auf dem Gelände des Tierheims von Beyoğlu gibt es auch eine Katzenstation. Anders als die Hunde werden sie nicht dauerhaft dabehalten, sondern geimpft, sterilisiert und wieder freigelassen. Dabei helfen Anwohner wie Gülseren Türkyılmaz. Die ältere Frau mit Kopftuch hat zwei Taschen mit Katzen dabei. Sie arbeitet als Putzfrau, trägt Hausschuhe zum bodenlangen Rock und sagt, sie gebe ihr Gehalt für Tierfutter aus, weil es „Geschöpfe Gottes“ seien.Tierliebe ist in der Türkei nicht nur eine Sache der liberalen Mittelschicht. „Ich kümmere mich mehr um die Katzen als um meinen Mann“, scherzt Türkyılmaz. Frauen wie sie rufen regelmäßig bei Fidan an, um zu sagen, wo Katzen gefüttert werden müssten. Das findet der Tierarzt nicht so toll. Katzen zu füttern, sei für die Behörde nur sinnvoll, wenn sie sie gleichzeitig sterilisiere. Sonst wachse die Population unkontrolliert. Gefüttert wird trotzdem, um die Wähler glücklich zu machen.Bei den Hunden ist die Bevölkerung gespalten. Seit das neue Gesetz in Kraft ist, gibt es oft Streit. Manche Nachbarn rufen die Hundefänger, andere stellen sich ihnen in den Weg. „Sie betrachten die Hunde als Kinder des Viertels“, sagt Fidan. Kritiker werfen der Regierung vor, dass sie solche Kulturkämpfe bewusst schüre, um von wirtschaftlichen Problemen abzulenken.Viele Geschäfte in Istanbul haben eine enge Bindung zu einzelnen Hunden. Im Eingang der „Watsons“-Drogerie auf dem Taksimplatz lag zum Beispiel immer ein riesiger Kangal namens Prinzessin. Seit Kurzem ist die Hündin fort. Tierschützer bekamen Wind davon, dass sie abgeholt werden sollte, und brachten sie in einer spendenfinanzierten privaten Einrichtung unter. Doch auch deren Kapazitäten sind erschöpft. Innenminister Mustafa Çiftçi hat angekündigt, bis Jahresende alle Hunde von der Straße holen zu wollen.