PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenComedian Akshay RastogiDer Inder, der Deutschlands Städte testetVon Marc LatschStand: 13:06 UhrLesedauer: 7 MinutenBesticht mit intimen Einblicken in deutsche Städte wie Moers, Mülheim an der Ruhr oder Recklinghausen: Comedian Akshay RastogiQuelle: Andreas EndermannMit einem Arbeitsvisum kam Akshay Rastogi aus Indien nach Düsseldorf. Heute ist er im Internet mit witzigen Videos über die Eigenarten deutscher Städte erfolgreich – und hat sich zum ironischen Deutschland-Versteher etabliert.Als Akshay Rastogi zum ersten Mal Moers betritt, verliert er kurz die Fassung. Er steht am Bahnhof, der eigentlich nur eine Unterführung ist. Auf Englisch ruft er: „Oh mein Gott. Das ist er? Scheiße.“ Das alte Empfangsgebäude daneben steht zwar noch, ist mittlerweile allerdings ein Tattoo- und Piercingstudio. Akshay dreht sich erst mal eine Zigarette. Dann tut er, was er immer tut, wenn er für seine Videos eine neue Stadt betritt. Er spricht Passanten mit seinem zurechtgelegten Einstiegssatz an. „Kommt ihr aus Moers?“ Tun sie nicht. Und beenden das Gespräch schnell, sie wünschen ihm einen schönen Tag. „Das geht mir oft so“, sagt Akshay. „Wer will schon mit einem Fremden reden?“Ein typisches Opfer namens MoersAkshay weiß, wovon er spricht. Die Rolle des Fremden ist sein Erfolgskonzept. Eigentlich kam er im März 2022 zum Arbeiten nach Düsseldorf. Digitales Marketing, nach drei Jahren wurde er gefeuert. Irgendwann hatte er parallel mit der Comedy begonnen. Er veröffentlichte ein Video über seine Arbeitslosigkeit. Es ging viral. Das „Rumweinen“, wie er es nennt, kommt bei den Menschen an. Also machte er daraus sein Markenzeichen. Akshay dreht kurze englischsprachige „Roasts“, was auf Deutsch heißt, dass er sich über etwas lustig macht und Witze reißt. Über deutsche Eigenarten, deutsche Unternehmen, deutsche Städte. Die Videos haben oft Hunderttausende Zuschauer, 40.000 Follower hat Akshay allein bei Instagram. Moers ist sein 64. Opfer.Lesen Sie auchEigentlich hatte Akshay vor, als Erstes zum „Geleucht“ zu gehen, dem Moerser Bergbau-Wahrzeichen, mit dessen Aussprache er sich so schwertut. Erst am Bahnhof bemerkt er, wie weit außerhalb es liegt. Also erst mal Richtung Fußgängerzone, so entscheidet er mit der Routine eines Serientäters. Abgesehen von den Entfernungen hat er seinen Trip nach Moers minutiös geplant. Er hat sich über die Geschichte und Gegenwart informiert und sich bei Youtube einen Stadtspaziergang angesehen. In einer Notiz-Datei auf seinem Handy stehen vorbereitete Witze, die er an unterschiedlichen Orten aufnehmen möchte. Dass er nun Passanten anspricht, ist so etwas wie der Produkttest. Stimmt es, was er recherchiert hat? Teilen die Einheimischen seine Gedanken zu Moers?McDonald’s in Viersen, Kebab in CottbusAkshay hat seine Videos auch schon in typischen Touristenzielen wie Hamburg, Heidelberg oder Potsdam gedreht. Seine Vorliebe gilt aber jenen Städten, die außer ihm niemand auf der Tagestrip-Liste hat. Und davon gibt es gerade in NRW einige. Er spricht positiv von Mülheim an der Ruhr oder Recklinghausen. „Dort ist es nicht so schlecht, wie man denkt.“ Gelsenkirchen hingegen habe seinen Ruf verdient, sagt er lächelnd. Vor seinem Trip nach Moers hatte er sich zuletzt an Viersen versucht. Dort habe er einen Einheimischen gefragt, was man tun könne. Dem fiel nur der McDonald’s ein. Egal, wie schwer sich die Recherche gestaltet. Ein Video ist noch immer dabei herausgekommen.Der Weg vom Moerser Bahnhof in die Innenstadt führt entlang einer wenig einladenden Hauptstraße. Akshay spricht einen Pakistani an, der vor der Eingangstür seines Ladens steht. Sie verständigen sich in einer Mischung aus ihren fast identischen Sprachen Urdu und Hindi. Der Erkenntnisgewinn ist gering. Der Mann lebt zwar seit 15 Jahren hier, aber das nicht gern. Der Auftakt ist mühsam. Anderswo hat Akshay oft mehr Glück. „In jeder Stadt gibt es jemanden, der mich erkennt.“ Manchmal, wie in Cottbus, wird er gleich zum Kebab eingeladen. Oft schreiben sie ihm erst später, dass sie sich nicht getraut hätten, „Hi“ zu sagen. „Ich reise so lange Strecken, dass die Menschen nicht erwarten, dass ich in ihrer Stadt bin. Wir neigen dazu, Menschen mit Orten in Verbindung zu bringen. Und niemand weiß, wo ich als Nächstes bin.“Wilde Indien-StereotypenKurz darauf kommt Akshay am Moerser Schloss an. Es liegt idyllisch am Rand der Fußgängerzone, gleich neben einem großen Park. Nach einem Regenschauer zeigt sich die Sonne. Er setzt sich auf eine Bank, geht das Material in seiner Handy-Datei durch und findet den passenden Zweizeiler. Dann geht es ganz schnell. Ein paar Sekunden sucht er den passenden Winkel, wartet Passanten ab. Seine Stimme wird laut, sein Blick ernst. „Moers ist eine große Kleinstadt mit 100.000 Einwohnern, aber einer nationalen Sichtbarkeit eines übrig gebliebenen USB-Kabels.“ Ein Take. Der Clip ist im Kasten.Am Anfang drehte er die Videos noch dort, wo er ohnehin gerade war. Nun geht er bewusst auf Reisen. Mehr als 100 Städte stehen auf seiner Liste. Immer wieder recherchiert er und überlegt, welche sich als nächste lohnt. Ein Teil seines Online-Publikums bleibt gleich. Ein Teil hängt vom Ort ab. Bei Videos zu großen Studentenstädten liest er viele Reaktionen von Expats, in Gütersloh oder Bottrop dominieren die Deutschen die Kommentarspalten. Immer wieder berichten Lokalzeitungen darüber. Manchmal wird es darin auch politisch. In Osnabrück war ein Lokalredakteur unzufrieden mit dem Like des SPD-Oberbürgermeisterkandidaten für Akshays Roast. Sein Kommentar endete in wilden Indien-Stereotypen.Bald schon wieder in der Heimat?„Ich bewege mich immer auf dünnem Eis“, sagt Akshay beim Spaziergang durch die Moerser Fußgängerzone. Beim Roasten gehe es ihm darum, glaubwürdige Dinge zu sagen. „Ein weißer Typ, der das tut, wäre bestimmt auch erfolgreich. Aber mein Dreh ist, dass ich eine Person bin, die hier nicht hingehört und Stadt, Kultur und Menschen dennoch versteht.“ Die Rolle eines Immigranten aus einem Dritte-Welt-Land in einem Erste-Welt-Land begleite ihn dabei. Er könne so nicht einfach hassen. „Moers sieht tausendmal besser aus als die Stadt, aus der ich komme.“ Er will mit seinen Videos Menschen zu einem Besuch inspirieren. Eine Journalistin hat ihn mal einen „Infotainment-Influencer“ genannt. Das gefiel ihm.Seine Heimat Indien könnte Akshay schneller wiedersehen, als ihm lieb ist. Seit seiner Kündigung hat er keinen neuen regulären Job gefunden. Sein Visum, das an die Arbeit geknüpft ist, läuft im September aus. Einerseits arbeitet er täglich an seinem Traum, allein von der Kunst zu leben. Auf der anderen Seite schreibt er Bewerbungen, um eine neue Stelle zu finden. „Ich lebe jeden Tag mit diesem Stress“, sagt er. „Vielleicht werfen sie mich am Ende aus dem Land. Wenn es geschieht, geschieht es.“Lesen Sie auchSoziale Medien, Jobsuche, Auftritte. Als wäre das nicht genug, organisiert der 31-Jährige auch noch eine Show. In einer Bar in Düsseldorf treten jeden Dienstag englischsprachige Comedians auf. Akshay führt durch den Abend und testet dabei eigenes Material. Seine Witze unterteilt er in zwei Kategorien. Die eine nennt er Vorstellung eines braunen Mannes gegenüber weißen Menschen. Zur anderen gehört das, womit sich jeder identifizieren kann: Gesundheitsversorgung, Bürokratie, Fitnessstudio. Mit seinem Programm ist er schon quer durch Europa gereist. Am wohlsten fühlt er sich auf Englisch, als Opener für andere indische Comedians trat er aber auch schon auf Hindi auf. Sein Traum aber ist ein internationales Publikum.Deutschland „roasten“ als KnochenjobDen zweiten Clip dreht Akshay in der Fußgängerzone. Wieder geht es schnell. Er setzt nur einmal neu an. „Alles in der Stadt ist 15 Minuten entfernt. Das Zentrum, das Schloss, der Park, dein Wunsch zu verschwinden.“ Seine Liste ist nun lang genug. Die Witze, neun werden es am Ende sein, sind geschrieben. Er muss nur noch zu den richtigen Orten, um sie zu erzählen.Lesen Sie auchIn rund vier Jahren hat sich Akshay vom indischen Zuwanderer zum viralen Deutschland-Versteher entwickelt. Nur nicht bei Bürokratie und Digitalisierung, sagt er. Aber das durchblicke sowieso niemand. Seine Zeit als Moers-Versteher neigt sich mit einem Video vor dem Geleucht dem Ende zu. Er vergleicht es darin mit einem Pixar-Charakter. Ganz am Schluss steht er wieder vor dem Bahnhof. Im fertigen Video wird das die erste Szene sein. „Moers ist eine weitere Stadt mit Identitätskrise“, sagt er. „Die Stadt liegt genau auf der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Es ist, als hättest du deine Füße in zwei Booten. Und beide haben Löcher.“Es ist kurz nach 20 Uhr, als Akshay eine letzte Nachricht verschickt. Mehr als acht Stunden, nachdem er am Düsseldorfer Hauptbahnhof in den Zug nach Moers gestiegen war, ist er endlich wieder zu Hause. Er schickt ein Foto seiner Aktivitäts-App mit. 19.502 Schritte, 11,78 Kilometer. Deutschland zu roasten kann ein richtiger Knochenjob sein.Marc Latsch