PfadnavigationHomeICONISTNewsOleg Denisov & Co.Wie der Humor russischer Exil-Comedians in Berlin funktioniertVon Sören KittelVeröffentlicht am 23.08.2025Lesedauer: 6 MinutenAngekommen: Der russische Comedian Oleg Denisov floh 2022 nach BerlinQuelle: Elena DianovaDer Moskauer Comedian Oleg Denisov floh – wie viele seiner Kollegen – nach Russlands Überfall auf die Ukraine nach Berlin. Dort hat er inzwischen seinen eigenen „East-West-Comedy“-Club. Doch nicht alle Russen im Publikum finden das lustig.Irgendwann in den ersten Minuten eines Auftritts in der Neuköllner Kneipe „Das Gift“ erzählt Oleg Denisov von seiner Heimat. Wie immer versucht er, das mit einem Witz zu verbinden. Er zählt englische Begriffe auf, die häufig auf Nicht-Deutsche angewandt werden: „Expats“ und „Migrants“. Dann sagt er: „Russen haben ihren eigenen Begriff für Russen im Ausland: Deserteure.“Oleg Denisov, 36, erzählt davon bei einem Treffen in seinem Lieblings-Café in Pankow mit dem etwas umständlichen Namen „Señorita Ploff“. Für einen Comedian ist Oleg Denisov fast schüchtern, er ist kein lauter, breitbeiniger Typ. Im Englischen gibt es den Begriff „awkward“ für dieses Verhalten, im Deutschen würde man wohl „linkisch“ sagen. „Die inoffizielle Regel in Russland lautete damals: Du darfst alles sagen, solange niemand dich dabei filmt.“Er spricht etwas zu schnell, bricht einen Satz in der Mitte ab und setzt noch mal an. Auf der Bühne nutzt ihm dieses Auftreten, wenn er zum Beispiel etwas gespielt unsicher fragt, ob Russen im Raum seien. Meist meldet sich dann niemand. Oleg Denisov sagt dann: „In Russland sagen wir immer ‚Schweigen bedeutet Ja‘. Wir haben ein ganzes Regime auf diesem Prinzip aufgebaut.“ Diese etwas unangenehme Stille, die sich ausbreitet, wenn er von Russland spricht, habe der Komiker schon Hunderte Male erlebt. 2022, dem Jahr, in dem Putin den Angriff auf die Ukraine gestartet hatte, sei dieses Schweigen noch schlimmer gewesen. „Damals fühlte es sich an, als ob jede Luft aus dem Raum gesogen wurde.“ Bomben, Leichen und Kriegsverbrechen – schwierige Themen für Satire. „Das ist das Schlimmste für einen Comedy-Abend“, sagt er, „wenn niemand spricht oder lacht.“ Lesen Sie auchDabei ist der Krieg auch Teil seiner Geschichte. Wie viele andere russische Comedians hat er bald nach Putins Angriff auf die Ukraine sein Heimatland verlassen. Für Leute wie ihn, der auf einer Moskauer Bühne Putins Krieg verurteilt hat, war es zu gefährlich geworden. Denisov ging nach Berlin, trat zunächst in kleinen Bühnen auf. Als er merkte, dass seine Arbeit sich eigentlich nur dann lohnt, wenn er selbst die Shows organisiert, gründete er den „East-West-Comedy“-Club. Seitdem sorgt er gemeinsam mit Polen, Neuseeländern, Amerikanern und anderen internationalen Comedians in Berliner Kneipen für sehr ausgelassene Abende.Denisov sagt, dass sich die Situation für Satiriker in Russland schon vor dem Krieg verschärft habe. Tatsächlich, erzählt er, habe es eine relativ offene Comedy-Szene in Moskau gegeben. „Die inoffizielle Regel in Russland lautete damals: Du darfst alles sagen, solange niemand dich dabei filmt.“ Sobald aber ein Clip von einem Putin-kritischen Witz online landete, wurde es problematisch. „Einige Freunde und Kollegen von mir mussten sich vor Gericht verteidigen.“ Manche sind einfach verschwunden. Da wusste er, dass er das Land bald verlassen musste.Immerhin war es ihm möglich, von Moskau aus mit der Redaktion der ZDF-Politsatire-Show „Die Anstalt“ über Monate an der Planung einer Sendung zu arbeiten. Wegen aktueller Ereignisse und der sich ständig ändernden Lage wurde sie immer wieder umgeschrieben – die letzte Version entstand in den vier Tagen nach dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022. Denisov bekam noch einen der letzten Flüge von Moskau nach Berlin, bevor die EU ihren Luftraum für russische Airlines sperrte. In der Sendung, die am 8. März 2022 ausgestrahlt wurde, nimmt Denisov kein Blatt vor den Mund, vergleicht Putin mit dem tödlichen Coronavirus. Und er fragt, wie das gehen soll, in Russland den Krieg zu kritisieren, der unter Androhung von Strafe nicht als solcher bezeichnet werden dürfe. Schließlich bringt er es auf den Punkt: „Fuck the War“, sagt er. „Scheiß auf den Krieg“. Er war der erste Russe, der das im deutschen Fernsehen sagte. Denisov bekam seine Gage vom ZDF in bar, weil er noch kein Konto hatte. Lesen Sie auchBerlin habe er als neues Zuhause gewählt, weil es hier eine vielfältige internationale Comedian-Community gibt, die inzwischen auch von der „New York Times“ beschrieben wurde. Ob Araber, Italiener, Chinesen oder eben Russen: Sie alle erzählen Abend für Abend auf Englisch von ihrem Dating-Leben oder dem Alltag mit deutscher Pünktlichkeit und Bürokratie, meist im Stil britischer Stand-up-Shows. Denisov musste seine Comedy erst anpassen, er konnte nicht einfach seine Witze aus Moskau auf Englisch erzählen – immer musste er zunächst die Stimmung im Publikum austesten. „Unter den Russen, die schon lange in Berlin leben, gibt es viele, die Putin verehren“, sagt er, „weil sie nicht wissen, wie es sich unter seinem Regime lebt.“ Sie kennen ihn nur aus den russischen Propaganda-Medien. „Ich sage nicht, dass alle so sind, aber es gibt einige.“ Er fühle sich eher den Russen und Ukrainern in Berlin verbunden, die erst seit Kurzem in der Hauptstadt sind.Lesen Sie auchDenisov ist nicht der einzige russische Comedian in Berlin, der seine Heimat wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine verlassen hat. „Dan the Stranger“ gehört ebenso zu den neuen Emigranten wie die non-binäre Sasha Dolgopolov. Wie gefährlich es geworden ist, in Russland Witze zu machen, zeigt der Fall Artemyi Ostanin. Der russische Comedian hatte sich auf der Bühne über einen Obdachlosen lustig gemacht, dem beide Beine fehlten, weil er auf eine Mine getreten ist. Der Mann habe ihn mit einem Skateboard in der Moskauer U-Bahn angefahren. Diese zugegeben geschmacklose Übertreibung ging im Internet viral. Ostanin wurde in den sozialen Medien vorgeworfen, sich über einen Kriegsveteranen lustig gemacht zu haben. Als er wegen der zunehmenden Anfeindungen das Land verlassen wollte, setzten ihn belarussische Grenzbeamte fest. Bevor sie ihn den russischen Behörden übergaben, sollen sie ihn laut „The Moscow Times“ gefoltert haben.Berichte wie diese bestätigen Oleg Denisov, dass es richtig war, Russland zu verlassen. Mittlerweile habe er in Berlin Comedians auch aus anderen Diktaturen getroffen, arabische oder chinesische Künstler, denen es wie ihm gehe. Unter ihnen gebe es viel Solidarität. „Als ich von meinen Schwierigkeiten erzählte, ein Bankkonto zu eröffnen oder ein Visum zu bekommen, konnten sie mir helfen.“ Er ist wie sie: ein Flüchtling aus politischen Gründen. Am Ende der Begegnung im Pankower Café „Señorita Ploff“ erzählt Oleg Denisov noch einen Putin-Witz, der aus der ZDF-Sendung herausgeschnitten wurde. Er geht unter die Gürtellinie. Denisov sagt: „Nachdem die Sanktionen begonnen hatten, mussten wir in Russland alles selbst herstellen: Statt spanischen Tomaten bekamen wir Tomaten aus dem Süden, statt französischem Käse gab es Käse aus dem Norden Russlands – und statt deutschen Hardcore-Pornofilmen, wo irgendeiner Person das Hinterteil geleckt wird, haben wir jetzt Putins Kreml-TV.“