Peter Handke, wie er sich Fußsalbe aufträgt, Peter Handke mit freiem Oberkörper in einem Wasserbassin, Peter Handke, wie er „andersgelbe“ Nudeln kauft – Thomas Deichmann hat während seiner Reisen mit Peter Handke durch Jugoslawien über tausend Fotos geschossen, Fotos, die, wie er schreibt, Grundlage für ein dokumentarisches Sachbuch oder einen Bildband bilden sollten. Erschienen sind nun zwei Bände: einer mit einer umfänglichen Auswahl besagter Fotografien und einer mit einer Chronik der rund zwanzig Reisen, die die beiden Männer meist in Begleitung zweier weiterer Männer unternommen haben: des serbischen Handke-Übersetzers Žarko Radaković und des Malers und „Lebenskünstlers“ Zlatko Botokić (ihm gehörte der titelgebende rote Peugeot).Natürlich drängt sich angesichts des dicht bepackten zweihundertfünfzigseitigen Fotoalbums die Frage auf, was uns die Bilder sagen wollen, ob sie uns überhaupt etwas sagen. Was lässt sich aus der Fußsalbe schließen? Was verrät uns die Brustbehaarung des Nobelpreisträgers? Handkes kontroverse Haltung im Konflikt Serbiens mit seinen Nachbarn und der NATO ist weidlich bekannt. Über die meisten seiner Reisen hat er selbst geschrieben, sei es „Unter Tränen fragend“, „Die Kuckucke von Velika Hoča“ oder „Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“.Wir sehen ihn – wie sollte es anders sein – beim PilzesammelnIn „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ sehen wir den Autor nun an vielen dieser Flüsse stehen. Wir sehen ihn „im Gespräch“ mit Passanten oder SFOR-Soldaten. Aber immer hat er den Mund geschlossen. Überhaupt ist sein Gesicht auf den allermeisten Fotos vollkommen ausdruckslos. Manchmal lächelt er. Immer wieder sehen wir ihn, den immer älter werdenden Handke, im Kreis seiner immer älter werdenden Reisegefährten. Wir sehen ihn – wie sollte es anders sein – beim Pilzesammeln. Wir sehen ihn an sehr vielen Raststätten und in sehr vielen Lokalen vor so manchem Glas Wein sitzen. Wir sehen ihn, wie er als „symbolisches Zeichen der Solidarität“ vor der Haftanstalt Zabela steht, in der Dragoljub Milanović, der ehemalige Leiter des serbischen Fernsehens, inhaftiert ist, für dessen Freilassung sich Handke (erfolgreich) einsetzte.Thomas Deichmann: „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“Wieser VerlagEs sind dies alles im wahrsten Sinn dokumentarische Fotos, keine künstlerischen Aufnahmen, keine schönen Bilder: Die Qualität ist so eben passabel. Sie eröffnen keine neuen Perspektiven auf Handkes Jugoslawien-Auseinandersetzung. Sie sagen nur immer wieder: Handke war da.Das Vokabular der Putin-VersteherUnd in der Tat war er als einziger westlicher Autor in den Neunzigerjahren vor Ort und hat viel dafür getan, die serbische Perspektive im Westen kenntlich zu machen. Aber er hat, in der Vehemenz, in der er „Gerechtigkeit für Serbien“ einforderte, stets die andere Seite als diejenige dastehen lassen, die Serbien unrecht tut. Nicht nur die NATO, auch die Kroaten, Kosovaren und die Muslime Bosniens. Über all das ist lange diskutiert worden. Es ist eine leidige Angelegenheit.Thomas Deichmanns Band mit Berichten macht die Sache nicht besser. In Bezug auf das Massaker von Srebrenica spricht er von einer „Spirale der Gewalt“, als sei Ratko Mladić und seinen Mittätern gar nichts anderes übrig geblieben, als über achttausend bosnische Jungen und Männer zu ermorden.„Interpretationen und Sichtweisen“, die im „Mainstream der Berichterstattung“ schon ausgiebig publiziert wurden, spielen für den ehemaligen Journalisten Deichmann keine Rolle. Er gibt zwar vor, an einer rein sachlichen Darstellung der Ereignisse und Erlebnisse interessiert zu sein, und fordert alle Leserinnen zu Verständnis und Toleranz auf. Sein Buch aber ist der beste Beweis dafür, wie schwer es jedermann fällt, aus eingefahrenen Interpretationsmustern auszubrechen. „Mainstream“ der Medien, „antiserbische Kriegstreiberei“: Man fühlt sich ungut an das Vokabular der Putin-Versteher in der AfD und der SPD erinnert.Ein Frauenverächter ersten RangesBleibt noch eine letzte Unerquicklichkeit. Dass auf den vielen Fotos Frauen äußerst selten und dann zumeist als Mutter oder Ehefrau von diesem oder jenem auftauchen, verwundert wenig, stammen Handke und seine Mitstreiter doch aus Zeiten, in denen Frauen in derartigen Cliquen nichts zu suchen hatten. Als sie dann allerdings 1998 in Višegrad sind, treffen die vier Männer auf zwei Wahlbeobachterinnen der OSZE, eine Französin und eine Katalanin. Die beiden geben, wie Deichmann schreibt, „Plattitüden über Land und Leute“ von sich. Peter Handke kann das vermeintliche Geschwätz nicht ertragen und fragt die Französin, ob sie Kinder habe. Als sie das bejaht, fordert er sie auf, wieder nach Frankreich zu gehen und sich um diese zu kümmern.Unglücklicherweise bricht die Französin daraufhin in Tränen aus. Sie hätte Handke, der so gerne davon redet, die Dinge „achtsam-behutsam“ anzugehen und sich hier doch als Frauenverächter ersten Ranges entpuppt, auch nach seinen Kindern fragen können: Léocadie war, als ihr Vater sich serbische Fußsalbe zwischen die Zehen rieb, neun Jahre alt.Thomas Deichmann: „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“. Reisen und Begegnungen mit Peter Handke. Band 1: Berichte, Band 2: Fotografien. Wieser Verlag, Klagenfurt 2026. 324 und 260 S., geb., je 25,– €.