PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftArtikeltyp:MeinungVerschenktes GeschäftMacht sonntags die Läden auf!Veröffentlicht am 03.11.2025Lesedauer: 5 MinutenSonntags at Tiffany'sQuelle: Getty Images/Paramount PicturesSonntage ohne Shopping schaden der deutschen Wirtschaft, den Innenstädten und der Lebensfreude. Zeit, das Konsumverbot als das zu benennen, was es ist: reine Ideologie.In Paris ist es möglich, in London natürlich auch, in Mailand, New York, genauso wie im katholischen Rom: Sonntagsshopping. Sogar in der Vatikanstadt sind die Souvenir-Läden geöffnet. Nur in Deutschland bleiben die Innenstädte konsequent dicht. Man richtet sich lieber nach dem Aktionismus von Verbänden wie der Evangelischen Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA), die mit peinlichen Claims wie „Shoppen? Schuften? Chillen!“ den freien Sonntag predigen, mit dem pädagogischen Pathos einer Religionslehrerin auf Lichtermeer-Demo. Beim Blockieren des verkaufsoffenen Sonntags steht angeblich das Gemeinwohl im Zentrum. Der Schutz der Arbeitnehmer. So wird es verkauft. Allerdings befürwortet in diversen aktuellen Umfragen die Mehrheit eine Lockerung der bisherigen Regelungen. Die Bundesregierung will die Sonntagsöffnungen für Bäckereien ausweiten, der Einzelhandel fordert grundsätzlich mehr verkaufsoffene Sonntage.Lesen Sie auchNur Gewerkschaften, Kirchen und Sozialverbände sind sich, wie neuerdings so oft, erstaunlich einig und verteidigen den Sonntag als letzten kollektiven Ruhetag mit einer durchaus eigentümlichen Allianz. Der arbeitsfreie Sonntag ist hierzulande durch das Grundgesetz quasi sakrosankt: ein „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“. Diese Formulierung entstammt einer Epoche, in der die deutsche Volkswirtschaft weder globalisiert noch dienstleistungsgetrieben war. Lesen Sie auchWährend also bei allen konsumfeindlichen Menschen am Sonntag die Seele ruht, ruht auch die Wirtschaft. „Wir müssen mehr arbeiten“, hat Friedrich Merz angesichts der katastrophalen Konjunkturaussichten gemahnt. Aber von Aufbruchstimmung ist keine Spur. Die Volkswirtschaft dämmert dahin und hat sich an ihre eigene Müdigkeit gewöhnt. Kaufkräftige Touristen stehen in Deutschland in den Großstädten ja ebenfalls sonntags vor verschlossenen Türen. Oder sie bekommen das ganze Elend der Hauptstadt auf dem Präsentierteller serviert, wenn sie sich zu Ullrich am Zoo reintrauen. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer Welthauptstadt, die Berlin immer so gerne wäre, nicht selten beansprucht zu sein – und der Provinz, als die man Berlin immer öfter bezeichnen muss.Lesen Sie auchSonntagsarbeit schafft Arbeitsplätze, bietet Schichtflexibilität und ermöglicht Eltern, Betreuungszeiten besser zu entzerren. Dazu kommen Zuschläge, die im Niedriglohnsektor eine erhebliche Rolle spielen. Gleichzeitig wäre der verkaufsoffene Sonntag ein erster Aufwachakt: für Bewegung und die Einsicht, dass Wirtschaft auch von Stimmung lebt. Während andere Länder längst erkannt haben, dass Konsum und Lebensfreude keine Widersprüche sind, beharrt Deutschland auf dem moralischen Mehrwert des geschlossenen Geschäfts. Denn darum geht es doch: Nicht Shoppen ist das Problem. Sondern ein konsumfeindliches Klima, das in Deutschland fast schon als Tugend gilt. Was passiert stattdessen am Sonntag? Linke, die irritiert schauen, wenn man sagt, man gehe shoppen (was übersetzt einfach heißt: Innenstadt, anprobieren, abwägen), sitzen vor dem Laptop und befüllen – angefixt von sonntäglichen Newsletter-Rabatten – ihren digital auf Pump finanzierten Shein-Warenkorb. Weil sie vor lauter Pseudomoralgepredige nie gelernt haben, wie man verantwortungsvoll konsumiert. Lesen Sie auchIn die Kirche gehen sie ohnehin nicht. Und Grüne, die sonntags offensichtlich ausschließlich im Wald baden, und Erhebungen zufolge besonders skeptisch gegenüber den Sonntagsöffnungen sind, schlagen spätestens am Montag zu wie Junkies im Rausch: Funktionsgarderobe, Lastenfahrrad, E-Bikes, Fahrradzubehör, Outdoor- und Funktionskleidung zum Preis einer Designertasche oder anderen Schrott, den sie dann als Gebrauchsgegenstände rechtfertigen. Während für den eigenen Konsum eine moralische Ausnahme formuliert wird, bewertet man den Konsum anderer immer streng von oben herab.Die eleganteste Form des KonsumsDer Sonntag kann Familientag sein, man kann einkaufen, spazieren gehen oder beides und abends immer noch gemeinsam am gedeckten Abendbrottisch sitzen. Einige wenige übrig gebliebene Christen gehen morgens in die Kirche. Wieso geht das in Deutschland nicht zusammen? Weil es unchristlich wäre, nach dem Tischgebet über den Mantel zu sprechen, den man bei Max Mara gesehen hat? Dann sollte man mal den Gottesdienst in der katholischen St. Ludwig Gemeinde, um die Ecke vom Ku’damm besuchen, wo man auf besser gekleidete Menschen trifft als zur Paris Fashion Week und noch Empfehlungen für die besten Reparaturadressen von Handtaschen bekommt. Der Sonntag besitzt seine eigene Gravitas, ob ein paar Geschäfte in der Innenstadt geöffnet haben oder nicht: Er markiert das Ende eines Zyklus und den Beginn eines neuen. Ein Tag zum Sortieren, bevor man wieder in die Woche startet, funktioniert auch hervorragend mit einer KaDeWe-Tüte am Arm. Sonntags kauft man anders ein als am Samstag, dem einzigen Tag in der Woche, um all die Erledigungen zu machen, was man inzwischen an den Schlangen in den Geschäften merkt. Samstags sind die Geschäfte oft so voll, dass man sich kaum anstellen will. Auf die Umkleidekabine wartet man 20 Minuten. Ein offener Sonntag wäre die eleganteste Form des Konsums: Man trifft Menschen, lässt sich in Ruhe beraten, flaniert. Sonntagsshopping könnte sogar die Innenstädte retten. Diese prächtigen Einkaufsstraßen, die hierzulande eigentlich glänzen könnten, aber gerade wirken wie im Wachkoma, weil man sie aus Prinzip geschlossen hält.Lieber Prinzip als PragmatismusDie Politik weiß längst, dass der Sonntag nicht heilig, sondern einfach verschenktes Potenzial ist. In Bayern zeigen automatenbetriebene „Smart Stores“, dass der Bedarf an offenen Sonntagen auch bei Teilen von CSU und CDU angekommen ist. Aber was macht die SPD? Sie blockiert selbst diese Variante. Nicht einmal ein Laden ohne Personal darf am Sonntag öffnen. Die selbsternannte Arbeiterpartei, genauso wie Grüne und Linke, schützt am Ende weder Arbeitnehmer noch Arbeitsplätze, sondern einzig das Prinzip des geschlossenen Geschäfts. Man spürt das Fehlen einer funktionalen FDP, die Wirtschaftsdynamik und individuelle Freiheit zusammen denken könnte. Wir brauchen dringend wieder eine Shoppingpartei.Dieser Artikel wurde erstmals im Oktober 2025 veröffentlicht und aktualisiert.
Sonntagsshopping: Macht endlich die Läden auf! - WELT
Sonntage ohne Shopping schaden der deutschen Wirtschaft, den Innenstädten und der Lebensfreude. Zeit, das Konsumverbot als das zu benennen, was es ist: reine Ideologie.






