PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2021„Schuttberge und Trümmerhaufen wie nach einer Bombenexplosion“Stand: 07:20 UhrLesedauer: 5 MinutenMeterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr in Altenahr-KreuzbergQuelle: picture alliance/dpa/Boris RoesslerEine Flutkatastrophe richtete im Juli 2021 im Ahrtal schier unfassbare Zerstörungen an. Danach gab es viel Hilfsbereitschaft und Mitgefühl. Schnell kam aber auch die Frage nach den Schuldigen auf. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Als in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 eine Flutwelle mit unvorstellbarer Wucht durch das Ahrtal raste, war die WELT für den nächsten Tag längst gedruckt. „Klimaschutz der EU wird den Verbraucher viel Geld kosten“ stand auf der Titelseite. Und im Text hieß es, die Wissenschaft sehe in der globalen Erwärmung einen Grund für Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Waldbrände und Überschwemmungen. Ausgerechnet dieses Thema am Morgen nach der Flut. Fast wirkte die Katastrophe wie eine Mahnung, die Risiken der Urgewalten wirklich ernst zu nehmen. Denn was sich im engen Ahrtal auf einem Abschnitt von 40 Kilometern Länge abgespielt hatte, sprengte alle Vorstellungen davon, was die Kraft des Wassers anrichten kann.Am 16. Juli, einem Freitag, berichtete die WELT auf drei Sonderseiten über „Die Flutkatastrophe“, so die Schlagzeile auf der ersten Seite. Das ganze Ausmaß der Zerstörung war da noch gar nicht abzuschätzen. „Fotoaufnahmen zeigen Schuttberge und Trümmerhaufen wie nach einer Bombenexplosion“, schrieb WELT-Reporterin Hannelore Crolly. Tagelang hatte es im Westen Deutschlands geregnet. Flüsse waren über die Ufer getreten, kleine Bäche zu reißenden Strömen geworden. Betroffen waren Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Am Ende lautete die traurige Gewissheit: 185 Menschen starben, allein 135 von ihnen im Ahrtal. Eine Person aus der Ahr-Region gilt auch fünf Jahre später noch als vermisst.Die Flut hatte alles mitgerissen: Häuser, Autos, Brücken, Straßen, Schienen. Mehrere Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Der Strom war ausgefallen, Telefon und Internet funktionierten nicht mehr. In den sozialen Medien kursierten bald Videoaufnahmen von Menschen in Not und der enormen Gewalt der Ahr. Ein tonnenschweres Wohnmobil wurde an einer Wand vom Wasser wie ein Plastikspielzeug zusammengefaltet. Auf Luftbildern wurden die apokalyptischen Verheerungen sichtbar. Sie übertrafen alles, was die Region bis dahin erlebt hatte. Tausende Menschen hatten alles verloren – ihr Zuhause, ihre Heimat. Mehr als 40.000 waren von der Flut betroffen.Augenzeugen berichteten in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten von den Sekunden zwischen Leben und Tod. So musste ein Elternpaar am Telefon miterleben, wie ihre Tochter verzweifelt versuchte, dem steigenden Wasser in ihrer Wohnung zu entkommen, und es nicht schaffte. Ein Mann hörte von der anderen Straßenseite die Hilferufe seiner Schwiegermutter und konnte ihr nicht helfen, weil der reißende Strom dazwischen für ihn unüberwindbar war; die alte Dame ertrank. Mehrere Feuerwehrleute starben bei dem Versuch, Menschen in Sicherheit zu bringen.Lesen Sie auchDer Schock angesichts einer solchen Naturgewalt traf Menschen bundesweit und löste eine beispiellose Hilfsaktion für die Betroffenen im Ahrtal aus. Über Wochen reisten Freiwillige an, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Bund und Länder sagten Milliardenhilfen zu. Schnell kam aber auch die Frage nach den Schuldigen auf: Wie hatte es zu dieser Katastrophe kommen können? Gab es Versäumnisse beim Hochwasserschutz? Hätten sich mehr Menschen in Sicherheit bringen können, wenn sie nur rechtzeitig gewarnt worden wären?Vor allem gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler, wurden schwere Vorwürfe erhoben. Trotz mehrfacher dringender Hinweise hatte er erst am 14. Juli 2021 um 23.09 Uhr den Katastrophenfall ausgerufen und Evakuierungen angeordnet. Wertvolle Zeit war so verloren gegangen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ging einem Anfangsverdacht wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung durch Unterlassen nach, stellte die Ermittlungen aber ein, weil nicht sicher nachzuweisen war, dass bei einem anderen Vorgehen Todesopfer hätten vermieden werden können.Lesen Sie auchDie Katastrophe zog in der Politik weite Kreise. Der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer wurde schlechtes Krisenmanagement vorgeworfen. Umweltministerin Anne Spiegel musste später zurücktreten, weil sie nur zehn Tage nach der Katastrophe einen längeren Familienurlaub angetreten hatte. Auch Innenminister Roger Lewentz legte wegen seines zögerlichen Verhaltens während der Katastrophe sein Amt nieder. Ein Untersuchungsausschuss im Mainzer Landtag kam zwar zu dem Schluss, dass die Ahrtal-Flut mit ihrem Ausmaß „so gut wie unvorhersehbar“ gewesen sei. Es wurden aber auch strukturelle Schwächen im Katastrophenschutz moniert.Rheinland-Pfalz gründete als Reaktion auf die Ahrtal-Flut das Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz, das im Krisenfall die Koordination zwischen Land, Kommunen, Leitstellen und Einsatzkräften verbessern soll. Hunderte Sirenen wurden installiert. Auch der Bund reagierte und baute seine Warnsysteme aus. So können per Cell Broadcast jetzt Warnmeldungen an Mobiltelefone gesendet werden, ohne dass zuvor eine App heruntergeladen werden muss. Ein gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund und Ländern soll im Katastrophenfall die Krisenstäbe vor Ort unterstützen.Auch fünf Jahre nach der Katastrophe ist der Wiederaufbau noch nicht abgeschlossen. Aber es geht voran. Von den 30 beschädigten und zehn zerstörten Brücken des sogenannten klassifizierten Straßennetzes sind immerhin 14 wiederhergestellt, neun weitere sind in Planung oder bereits im Bau. Auf der 29 Kilometer langen Strecke zwischen Remagen und Ahrbrück erneuerte die Bahn 18 Kilometer Gleise, 22 Eisenbahnbrücken und fünf Tunnel. Bei zwei von 17 betroffenen Schulen ist der Wiederaufbau abgeschlossen, neun werden aktuell saniert. Von 9000 zerstörten oder massiv beschädigten Häusern durften die meisten an Ort und Stelle wieder errichtet werden – Ausnahmen gab es nur in besonders vom Hochwasser gefährdeten Bereichen.Hochwasser hatte es im Ahrtal immer gegeben, und es wird sie wieder geben. Die Menschen dort wissen, dass sie mit einem Risiko leben. Aber sie sind inzwischen besser vorbereitet als im Juli 2021. Entlang der Ahr wurden erste Überflutungsflächen angelegt, damit der Fluss beim nächsten Hochwasser nicht in die Höhe, sondern mehr in die Breite gehen kann. Es sind zudem Rückhaltebecken geplant, um bei Starkregen das Wasser aufhalten zu können. Bleibt zu hoffen, dass diese Pläne schnell realisiert werden – damit sich im Ahrtal eine zerstörerische Flut wie 2021 nicht wiederholen kann.Claudia Ehrenstein ist Redakteurin im Ressort Wissen und Gesundheit. Sie berichtete unter anderem von der Oder-Flut 1997 in Polen und dem Elbe-Hochwasser 2013.