Ein Auto, das dazulernt: Die KI definiert die Fahrzeuge der Zukunft – und markiert die nächste Weggabelung für die AutoindustrieSoftware-definierte Autos? Das war gestern. Die Fahrzeuge von morgen basieren auf künstlicher Intelligenz. Das stellt viele Autobauer vor Herausforderungen.23.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMercedes baut künstliche Intelligenz in seinen Sprachassistenten ein: Er lernt vom Fahrer und reagiert besser auf dessen Spracheingaben.PDGerade erst hat sich die Autobranche daran gewöhnt, neue Fahrzeuge auf Software-Basis zu entwickeln. Doch bereits kommt die nächste Entwicklungsphase: Gegenwärtig erscheinen erste Fahrzeuge auf dem Markt, die als KI-definiert gelten. Doch was soll das genau bedeuten?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein KI-definiertes Fahrzeug ist ein Auto, das uns wirklich versteht, aus unseren Gewohnheiten lernt und insgesamt eine Erfahrung liefert, die wirklich zu unseren Vorlieben passt. Vielleicht verdeutlicht ein vorgegebenes Szenario am besten den Sprung vom Software-definierten zum KI-definierten Auto: In unserem Beispiel setzt sich der Fahrer nach einem anstrengenden Tag müde und gestresst ins Auto und möchte nach Hause fahren.Im Software-definierten Fahrzeug könnte der Dialog etwa so verlaufen:Fahrer (seufzt schwer, setzt sich ins Auto): «Hey, Auto, fahr mich nach Hause.»Sprachassistent: «Route nach ‹zu Hause› berechnet. Die voraussichtliche Fahrzeit beträgt 42 Minuten aufgrund von dichtem Verkehr auf der A 1. Bitte bestätigen Sie die Route auf dem Bildschirm.»Fahrer: «Gibt es eine schnellere Strecke? Ich bin echt k. o. heute.»Sprachassistent: «Es wurde keine schnellere Route gefunden. Die aktuelle Route ist die effizienteste.»Fahrer: «Mir ist kalt. Und mach mal ein bisschen Musik an, irgendwas Entspanntes.»Sprachassistent: «Temperatur auf 21 Grad eingestellt. Spiele Playlist ‹Chillout Acoustic› auf Spotify.»Fahrer (schliesst kurz die Augen): «Kannst du die Massagefunktion einschalten?»Sprachassistent: «Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte wählen Sie aus folgenden Optionen: Navigation, Telefon, Medien oder Klimatisierung.»Fahrer (genervt): «Massagesitz an!»Sprachassistent: «Aktiviere Massageprogramm ‹Rücken› auf Stufe 2.»Und so könnte der Dialog im KI-definierten Auto verlaufen:Fahrer (seufzt schwer, schliesst die Tür): «Hey . . . bring mich einfach nach Hause.»KI-Assistent (mit ruhiger, sanfter Stimme): «Gerne. Ich sehe schon, das war ein harter Tag. Die Autobahn ist verstopft, aber ich habe eine alternative Route über die Landstrasse ausgewählt. Sie dauert zwar vier Minuten länger, ist aber viel entspannter zu fahren und umgeht den Stau. Einverstanden?»Fahrer: «Ja, danke. Machst du es mir ein bisschen gemütlich?»KI-Assistent: «Schon dabei. Ich habe die Innenraumtemperatur auf angenehme 22,5 Grad erhöht, das Ambientelicht auf ein warmes, beruhigendes Bernstein gedimmt und die sanfte Lordosenmassage gestartet. Möchtest du deine übliche ‹Feierabend-Jazz›-Playlist hören oder lieber einfach nur Ruhe?»Fahrer: «Lieber etwas Ruhe. Aber spiel vielleicht ein paar leise Regengeräusche im Hintergrund ab.»KI-Assistent: «Verstanden. Ich aktiviere das Active Noise Cancelling, um den Strassenlärm auszublenden, und mische ein sanftes Prasseln im Hintergrund dazu. Lehn dich zurück, ich übernehme das Fahren auf diesem Abschnitt.»Fahrer (entspannt sich merklich): «Perfekt, danke.»KI-Assistent: «Sehr gerne. Übrigens: Da du heute deutlich später dran bist als sonst, habe ich deiner Familie bereits eine kurze Nachricht geschickt, dass du in etwa 45 Minuten entspannt zu Hause ankommst.»Noch ist dieses Szenario Fiktion. Doch immer mehr Autobauer arbeiten daran, dieses Erlebnis zu ihren Kunden zu bringen. Wie zum Beispiel der amerikanische Autobauer Rivian. Er ist einer der ersten nichtchinesischen Automobilhersteller, die den Begriff KI-definiertes Auto aufgegriffen haben. Anfang Juni erklärte der Rivian-Chef Robert Scaringe, der Elektroautohersteller gehe über Software-basierte Autos hinaus und entwickle bereits KI-gesteuerte Fahrzeuge. Dies geschieht zu einer Zeit, in der chinesische Automobilhersteller wie Xpeng zunehmend eingebettete KI nutzen, um die Fahrleistungen und die Benutzerschnittstelle zu verbessern.Dabei ist der vorherige Schritt, der Übergang zum Software-definierten Auto, noch in vollem Gange. Laut dem «Software Defined Future Report 2026», der vom deutschen Center of Automotive Management in Zusammenarbeit mit Accenture erstellt wurde, sollen die Umsätze mit Software-definierten Fahrzeugen bis 2030 die Schwelle von 40 Milliarden Euro erreichen und bis 2035 auf über 115 Milliarden Euro ansteigen.Ein KI-definiertes Auto baue auf Software-definierten Funktionen auf und füge eine zusätzliche KI-Ebene hinzu, die an Bedeutung gewinnen und schliesslich entscheidend sein werde, sagt Pedro Pacheco, leitender Forscher bei der amerikanischen Marktforschungs- und Beratungsfirma Gartner. «Letztlich ist ein KI-definiertes Fahrzeug ein leistungsfähigeres Software-definiertes Auto, dessen DNA aus KI besteht», sagt er.Während Software-definierte Autos programmierbare Fahrzeuge sind, zeigen sich KI-definierte Fahrzeuge anpassungsfähiger. Software-Autos ermöglichen Funktionen wie das Herunterladen von Updates über die Cloud und die Einführung von On-Demand-Funktionen zur Monetarisierung. Sie sind datengesteuert, regelbasiert und umprogrammierbar und stehen für die Digitalisierung eines ursprünglich analogen Produkts. Software-basierte Fahrzeuge erkennen etwa Fehler, geben Warnungen aus und ermöglichen Korrekturen durch Software-Updates.Ein KI-definiertes Fahrzeug ist hingegen in der Lage, zukünftige Ausfälle vorherzusagen, Ursachen zu identifizieren und Korrekturmassnahmen zu empfehlen, bevor solche Fehler auftreten.Erste KI-definierte Autos kommen nach EuropaExperten gehen davon aus, dass der Übergang zu KI-gesteuerten Fahrzeugen schrittweise erfolgen wird. Aber für Hersteller, die bereits mit dem Software-Wandel zu kämpfen haben, dürfte es noch schwieriger werden, den weiteren Schritt hin zu KI-definierten Fahrzeugen zu vollziehen.Erstes KI-definiertes Auto: Der neue P7+ des chinesischen Herstellers Xpeng kommt nun auch nach Deutschland und in die Schweiz.PDNeben dem Aufbau einer Software-definierten Fahrzeugarchitektur als Basis für den nächsten Schritt zum KI-Auto brauche es zusätzlich die richtige Unternehmenskultur, die richtigen Mitarbeiter und die richtige Technologie mit einer angemessenen Rechenleistung im Fahrzeug und in der Cloud, schreibt Evangelos Simoudis, Chef der Venture-Capital-Firma Synapse Partners, in seinem Buch «The Flagship Experience». Dies sei das Problem aller etablierten Automobilhersteller, meint er.Stattdessen rüsteten sie ihre bestehenden Fahrzeuge nach, schreibt er in seinem Buch. «Deshalb konnten sie, obwohl sie enorme Summen investiert haben – wie wir bei Unternehmen wie VW, General Motors und anderen sehen –, keine Software-definierten Autos entwickeln, die die richtige Grundlage für das bieten, was wir mittlerweile als KI-definierte Fahrzeuge bezeichnen.»Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach, bringt es in seinem mit Accenture erstellten Report auf den Punkt: «Das Software-definierte Fahrzeug ist das Eintrittsticket in die nächste Evolutionsstufe der Automobilindustrie – das KI-definierte Auto.» Für Bratzel steht fest, dass Autohersteller, die heute keine skalierbaren Software- und Datenplattformen aufgebaut haben, Gefahr laufen, dass KI im Fahrzeug nicht zum Innovationsmotor wird, sondern für mehr Komplexität sorgt. Das sind für Autokonzerne wie VW und GM keine guten Nachrichten.Experten rechnen mit einem Abflauen des KI-SturmsTrotz den Prognosen wäre es falsch anzunehmen, dass KI-gesteuerte Fahrzeuge die Software-gesteuerten Autos komplett ersetzen.«Der Automobilsektor durchläuft derzeit eine Phase der KI-Euphorie. Viele Unternehmen wollen einen besonderen Mehrwert schaffen, noch bevor sie eine solide KI-Basis aufgebaut haben», sagt Pacheco gegenüber dem Fachblatt «Automobilwoche». «Diese Euphorie wird zwangsläufig in Ernüchterung umschlagen, weil diese Unternehmen ihre hochgesteckten KI-Ziele nicht erreichen können.»Die Technologie-Analysten von Gartner gehen davon aus, dass nur eine Handvoll Automobilhersteller auch in den kommenden fünf Jahren noch ambitionierte KI-Initiativen verfolgen werden. Unternehmen mit einer starken Softwarebasis, technologisch versierter Führung und einer konsequent langfristigen Ausrichtung auf KI werden sich ihrer Einschätzung nach deutlich von der Konkurrenz abheben können und eine wachsende Wettbewerbslücke im Bereich künstliche Intelligenz schaffen.«Software und Daten sind die Grundpfeiler von KI», so Pacheco. «Unternehmen mit einem hohen Reifegrad in diesen Bereichen haben einen natürlichen Vorsprung. Darüber hinaus neigen Automobilunternehmen, die von Führungskräften mit fundiertem technischem Know-how geleitet werden, eher dazu, KI zu ihrer obersten Priorität zu machen, anstatt an den traditionellen Prioritäten eines Automobilunternehmens festzuhalten.»Wem der Sprung vom Software-definierten zum KI-definierten Fahrzeug gelingt, der dürfte sich einen deutlichen Vorsprung vor der Konkurrenz verschaffen. Viele Mitbewerber sind aber noch nicht einmal mit dem Software-definierten Fahrzeug beschäftigt. Ihr Rückstand könnte fatal sein.Software ist die Basis für alles WeiterePassend zum Artikel
KI-definierte Fahrzeuge: der nächste Sprung für die Autoindustrie
Software-definierte Autos? Das war gestern. Die Fahrzeuge von morgen basieren auf künstlicher Intelligenz. Das stellt viele Autobauer vor Herausforderungen.








