Bisher dauerte die Entwicklung eines neuen Pkw in Deutschland 54 Monate. Das Problem: Chinesische Autohersteller schaffen das in 36 oder sogar 30 Monaten. Da zieht Volkswagen jetzt gleich. „Auch wir werden mit Unterstützung von KI Autos deutlich schneller entwickeln und bauen“, sagt IT-Vorständin Hauke Stars bei ihrem Redaktionsbesuch bei Tagesspiegel Background. „In China gelingt uns das bereits, und in Europa setzen wir es jetzt genauso um. Der ID.Every1 mit Marktstart im kommenden Jahr wird der erste Volkswagen werden, der in rund 30 Monaten entwickelt wurde.“Hauke Stars ist studierte Informatikerin und arbeitete für Konzerne wie Bertelsmann, Thyssenkrupp und Hewlett Packard. Acht Jahre saß sie im Vorstand der Deutschen Börse, seit 2022 ist sie bei Volkswagen für den Geschäftsbereich „IT und Organisation“ verantwortlich.Als sie zu VW kam, waren die Unmengen an Daten noch in Silos eingesperrt. Der Datentransfer sei eine Riesenherausforderung gewesen, erinnert sich Stars. Mit ihrem Team baute sie im Unternehmen Infrastrukturen so auf, dass Daten für möglichst viele Anwender zugänglich werden. Über eine Art „Amazon-Shop“ bekommen die Kolleg:innen Daten aus allen Unternehmensbereichen, wenn sie dafür die Genehmigung haben. Inzwischen ist ein großer Teil des „Datenschatzes“ verfügbar.„Es gab bei Volkswagen nie eine Abwehrhaltung gegen KI“Stars ist schon durch ihre vorherigen Aufgaben offen für KI. Sie kann aber auch über ihren heutigen Arbeitgeber sagen: „Im Konzern haben wir den ChatGPT-Moment 2022 als große Chance gesehen.“ Durch den Stellenabbau gebe es eine Arbeitsverdichtung. „KI hilft, damit umzugehen“, ist Stars überzeugt. Dabei stimme sich das Management eng mit der Arbeitnehmervertretung ab. „Es gab bei Volkswagen nie eine Abwehrhaltung gegen KI.“Der Autokonzern hat im Moment mehr als 1400 KI-Applikationen im Einsatz. „Der Mehrwert ist sehr klar.“ Die Technologie wird nur eingesetzt, wenn sie sich rechnet. Das war vor zwei Jahren noch anders, als man mehr ausprobierte. Alle digitalen Arbeitsplätze im Konzern sind für Basis-KI befähigt. Perspektivisch soll ein Großteil davon auch professionelle KI-Funktionen bekommen. Insgesamt gibt es rund 325.000 Lizenzen konzernweit.Bis Ende des Jahrzehnts investiert VW nach den bisherigen Plänen eine Milliarde Euro in KI und erwartet bis 2035 Kosteneinsparungspotenziale von mehreren Milliarden.Der Autokonzern setzt KI in sehr unterschiedlichen Bereichen ein:Generative KI: Die Technologie hilft bei anstrengenden und detailreichen Aufgaben, zum Beispiel bei der Erstellung von Lastenheften und standardisierten Vertragswerken.Entwicklung: Hier geht es um virtuelle Konstruktion, KI-basierte Softwareentwicklung und automatisierte Tests. Ziel ist eine integrierte, KI-gestützte Entwicklungskette mit hoher Geschwindigkeit und Qualität in einer sicheren Infrastruktur. Die aktuell mehr als 400 Entwicklungssysteme sollen auf deutlich unter 100 integrierte, KI-basierte Module konsolidiert werden.Tests: Bis 2030 sollen virtuelle Tests zum Standard bei allen Konzernmarken werden und damit aufwendige physische Erprobungen von Fahrzeugkomponenten weitgehend ersetzen.Produktion und Logistik: Maschinen in der Fertigung werden optimiert, zum Beispiel, um Energie und Material noch effizienter zu nutzen. Das spart Geld und reduziert den CO₂‑Ausstoß. Zum Beispiel laufen die Druckluftkompressoren durch KI energieeffizienter, was zehn Prozent Strom spart.Qualitätssicherung: Künstliche Intelligenz unterstützt das menschliche Auge und die Erfahrung der Expert:innen in den Werken. Das macht kostspielige Nacharbeiten überflüssig. So überprüft eine KI-basierte Anwendung am Geräusch, ob Getriebeteile in der Montage perfekt ineinanderpassen, ohne zu reiben.Wissensverknüpfung: KI verknüpft Informationen und unstrukturierte Daten im gesamten Unternehmen. Das reduziert Bürokratie und Prozesse schneller. Eine Anwendung hilft Konstrukteuren, Designern und Einkäufern zum Beispiel mit Werkstoffempfehlungen. Das erspart teure Bemusterungen.IT-Sicherheit: KI-Systeme überwachen den unternehmensweiten Datenverkehr und schlagen Alarm bei Unregelmäßigkeiten.Software-Coding: Der Github Copilot unterstützt die Entwickler:innen als Prüfinstanz und korrigiert Fehler automatisch. Das spart ebenfalls Zeit.Autonomes Fahren: Die Fahrzeuge agieren nicht mehr starr nach Verhaltensregeln, die extra für jede einzelne Verkehrssituation programmiert werden müssen, sondern lernen mit jeder neuen Situation dazu – wie ein Mensch. In China wird auch VW dieses Jahr autonomes Fahren auf Level 2++ anbieten.Im Moment ist es für viele Unternehmen ein brisantes Thema, dass die Kosten für KI explodieren und damit zum Teil die Wirtschaftlichkeit der Anwendung gefährden. Stars sagt dazu: „Wenn KI-Unternehmen dreistellige Milliardenbeträge in ihre Modelle investieren, ist es absehbar, dass für die Anwender die Kosten steigen.“ VW habe aber gute Verträge geschlossen und nutze auch eigene Rechenkapazitäten. Gleichwohl werde die Kostenfrage in Zukunft sehr wichtig.Sehr genau wahrgenommen wurde in der Branche, dass der VW-Konzern eine private Cloud mithilfe von T-Systems aufgebaut hat. „Wir wollen mehr Daten selbst im europäischen Rechtsraum und aus Deutschland heraus verarbeiten“, erklärt Stars. „Wir prüfen noch, welche Anwendungen wir aus bestehenden Clouds in unsere Umgebung verschieben.“Nicht nur mit Blick auf China, sondern auch auf andere Regionen sagt Stars: „Wir denken Resilienz in unseren IT-Systemen seit jeher mit. So bereiten wir uns auf geopolitische Umbrüche vor und können unabhängig weiterarbeiten.“ Resilienz bedeute aber nicht Abschottung.EU-Projekt IPCEI für KI „wichtige Initiative“Deshalb arbeitet VW auch mit Tech-Unternehmen wie Dassault, Mistral oder Spread AI zusammen, womit diese Firmen selbst werben. VW treibt und unterstützt auch Catena-X. „Das ist ein guter Weg, um Industriedaten austauschen zu können“, sagt Stars. „Diese Systeme allein zu bauen, wäre für niemanden finanzierbar.“ Catena-X ist das erste offizielle, kollaborative Datenökosystem für die europäische Automobilindustrie. Es verbindet Hersteller, Zulieferer und Händler, um Lieferketten lückenlos nachzuverfolgen und einen sicheren, standardisierten Austausch von Daten zu ermöglichen.Seit Anfang 2025 bereiten mehrere europäische Mitgliedstaaten, koordiniert durch das Bundeswirtschaftsministerium, ein gemeinsames Projekt für industriespezifische KI vor. Dieses IPCEI (Important Project of Common European Interest) sieht Stars positiv: „Das ist eine wichtige Initiative.“Gerade im Wettbewerb mit den USA und China ist die Regulierung von KI in Europa eine Gratwanderung. Hauke Stars betont, dass VW staatliche Vorgaben nicht grundsätzlich ablehne. „Eine maßvolle Regulierung von KI ist sinnvoll, weil KI eben auch Risiken birgt“, sagt sie. „Aber wir dürfen regulatorisch nicht übertakten. Immer neue Regeln schaffen keine Innovation.“Deshalb begrüßt die IT-Vorständin es, dass der sogenannte AI Omnibus auf EU-Ebene die Möglichkeit eröffnet, regulatorische Defizite gezielt anzugehen. Rat und Parlament hatten sich im Mai vorläufig auf einen Vorschlag geeinigt, mit dem bestimmte Vorschriften für KI gestrafft werden sollen. Der Vorschlag ist Teil des Omnibus-VII-Gesetzgebungspakets im Rahmen der Vereinfachungsagenda der EU.
Gespräch mit IT-Vorständin Stars: Wie VW Künstliche Intelligenz nutzt und wo der Autobauer auf Hürden stößt
Am Donnerstag wird VW-Chef Blume erklären, wie er mit KI den Konzern effizienter machen will. IT-Vorständin Hauke Stars darüber, wo der Autobauer KI schon nutzt und mit welchen Einsparpotenzialen man kalkuliert.









