Ruinen als Motor der Entwicklung: Wie man Troja, Karthago und Pompeji auch sehen kannMartin Zimmermanns Buch «Versunkene Welten» bietet einen alternativen Blick auf die Zeugnisse der Antike. Romantische Wehmut angesichts untergegangener Kulturen ist ein modernes Phänomen.Clemens Klünemann23.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Reiz der Ruine: das beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verschüttete, aber unter der Vulkanasche konservierte Pompeji, Aufnahme von 1880.Roger Viollet / KeystoneAn nahezu allen Ecken des römischen Stadtzentrums begegnen dem Besucher die Fotos eines Stadtmodells, das den Zustand Roms unter Kaiser Konstantin zeigt. Der «Plastico di Roma Imperiale» entstand in den 1930er Jahren und prägt seither die unterbewusste Wahrnehmung der Stadt: «So also hat es ausgesehen», suggeriert das Modell im Massstab 1:250 – der Unterschied zum heutigen Bild der Stadt führt dann zu einer Art melancholischer Ruinenromantik, wie sie seit der «Entdeckung» Pompejis in der Mitte des 18. Jahrhunderts aufkam und durch die Idealisierung der römischen Antike seitens der französischen Revolutionäre befeuert wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor allem aber führen solche Antike-Bilder dazu, «die antike Stadt als intaktes und funktionsfähiges Architekturensemble zu imaginieren», wie Martin Zimmermann zu Beginn seines Buchs «Versunkene Welten» schreibt, in dem es um Ruinenstädte in der Antike geht. Mithin um die antike Wahrnehmung von Ruine und Verfall, für die ja in dem idealisierenden Modell ebenso wenig Platz ist wie in digitalen Stadtansichten, in denen antike Städte wiederbelebt und Vorstellungen von ihnen konserviert werden.Kein einziges Buch habe sich bisher mit Städten beschäftigt, die bereits in der Antike Ruinen waren, stellt Zimmermann fest und skizziert seine Absicht, die moderne Wahrnehmung von Ruinen als eine Aneignung zu zeigen, die eher das eigene Geschichts- und Weltbild stabilisiert, als die Zeitwahrnehmung von Menschen der Antike zu berücksichtigen. Daher geht er sogar so weit, von einer «Mentalität des Nach-vorne-Schauens» der Menschen in der Antike zu sprechen, deren mythische Konstruktionen die Entstehung und den Niedergang von Städten als ein Kontinuum einer immerwährenden Stadtgeschichte deuteten.Der Neid der Neuzeit«Myth-historisch» nennt der Althistoriker Zimmermann solche Konstruktionen, um auf die fliessende Grenze zwischen Geschichtsschreibung und Narrativ hinzuweisen. Ob man von der einen Mentalität antiker Menschen sprechen kann bei einem Spektrum, das sich in den drei die konkreten Ruinenstädte betreffenden Kapiteln von Troja und Atlantis über Theben, Ninive, Babylon, Korinth und Karthago bis hin nach Rom und Pompeji erstreckt, sei dahingestellt. Recht zu geben ist Martin Zimmermann zweifellos darin, dass sich heutige Betrachter davor hüten sollten, «den uns fremden Menschen [der Antike] die eigene Sicht auf Verfall und Untergang sowie Ruinenstädte zu unterstellen».«Urruine der griechischen und später auch der römischen Welt»: Überreste Trojas auf dem Hügel Hisarlik in der Türkei.De Agostini / GettyUnd nachvollziehbar ist angesichts Trojas, der «Urruine der griechischen und später auch der römischen Welt», dass «neuzeitliche Spurensucher fast neidisch auf die antiken Kulturen blicken», denen sich die Frage nach dem Verhältnis von Mythos und Geschichte nicht in letzter, und das heisst einander ausschliessender Konsequenz stellte.Als Symptom dieses neuzeitlichen Malaises nennt Martin Zimmermann die sogenannte Tübinger Troja-Debatte, die der Augsburger Althistoriker Gregor Weber seinerzeit als «neue Kämpfe um Troja» bezeichnet hat: In ihr stritten sich Anfang der 2000er Jahre die Archäologen Manfred Korfmann und Frank Kolb um die Authentizität der in Troja ausgegrabenen Ruinen. Zimmermanns Kommentar ist ein implizites Plädoyer für die Position Kolbs, der die Verortung des Mythos in der Topografie als «Traumgebilde» bezeichnete: «Es gab und gibt ein verstörendes Interesse daran, einer fiktiven Geschichte einen wirklichen Ort zu geben, dichterische Fiktion buchstäblich zu materialisieren.»Zweifellos liegt die grosse Stärke dieser sich über 500 Seiten erstreckenden Studie darin, die Leserinnen und Leser dafür zu sensibilisieren, dass der Blick auf die Ruinen zeitbedingt ist – und dass es nicht nur die Ruinen sind, die den Blick der antiken Betrachter prägen, sondern ihr im Wortsinn monumentaler, das heisst: ihr erinnernder und ermahnender Charakter.Nichts anderes als Trümmer?So waren Ruinen, die beim Wiederaufbau der Athener Akropolis nach den Zerstörungen durch die Perser 489 v. Chr. in den Neubau integriert wurden, Identitätsmarker vermeintlicher Unbesiegbarkeit: «Die Überwindung des Verfalls durch imposante Neubauten war die Bedingung dafür, dass alte Überreste überhaupt vorzeigbar waren.» Zur Ruine gehörte also ein Bewusstsein der Gründe des Verfalls; gleichzeitig können Ruinen Ausdruck sozialer Verhaltensweisen sein, die durch sie von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sobald diese Weitergabe unterbrochen wird – darauf wies vor Jahren schon Alain Schnapp in seinem Buch «Was ist eine Ruine?» hin –, sind die Ruinen nichts anderes als Trümmer.Womöglich zeichnet sich die den meisten antiken Menschen unbekannte Ruinenromantik der Neuzeit dadurch aus, dass an die Stelle der Weitergabe eines Narrativs der ästhetische Genuss getreten ist: Stendhals Betrachtung, dass das Kolosseum «heute, wo es in Trümmer fällt, vielleicht schöner ist als in Tagen seines höchsten Glanzes», wäre dann in der Tat das Paradigma einer modernen Ruinenbetrachtung. Die Ruine verweist dann nicht mehr auf eine zivilisatorische Vergangenheit, sondern wird zur Inszenierung der Natur als Gegenspielerin der Kultur – so hat Georg Simmel 1907 den «Reiz der Ruine» beschrieben: «Was den Bau nach oben geführt hat, ist der menschliche Wille, was ihm sein jetziges Aussehen gibt, ist die mechanische, nach unten ziehende, zernagende und zertrümmernde Naturgewalt.»Aber entspricht dieser Naturgewalt nicht das «tempus edax rerum» («die Zeit, die alles verschlingt») aus Ovids Metamorphosen? Gibt es also nicht sowohl in der Neuzeit wie auch in der Antike eine nostalgische Betrachtung untergegangener Städte? Im Epilog seines Buchs unterstreicht Martin Zimmermann den grundsätzlichen Unterschied zwischen antiker und moderner Bedeutung der Ruinen – dieser liege weniger in dem, was die Ruinen beim Betrachter auslösten, sondern im Umgang mit ihnen: Während die moderne Archäologie die zu Ruinen verfallenen Gebäude isoliert, konserviert oder gar in einem Modell rekonstruiert, wurden sie in der Antike schlechterdings ignoriert, «wenn sie im Alltag nicht gewinnbringend für die Formung des eigenen Selbstbewusstseins zu instrumentalisieren waren».Insofern ist Martin Zimmermanns Studie eine überaus reiche Illustrierung der Unterscheidung, die der Anthropologe Claude Lévi-Strauss (im Buch «Das wilde Denken») zwischen «kalten» und «heissen» Gesellschaften machte: Während Erstere «eine besondere Weisheit erworben oder bewahrt haben, die sie veranlasst, jeder Veränderung ihrer Struktur, die ein Eindringen der Geschichte ermöglichen würde, verzweifelt Widerstand zu leisten», seien «heisse Gesellschaften» solche, «die Geschichte verinnerlichen, um sie zum Motor ihrer Entwicklung zu machen». Insofern Letzteres auf die Antike und ihren Umgang mit Ruinen zutrifft, zeigt Martin Zimmermanns Buch eine interessante Alternative zum konservierenden Umgang der Moderne mit der Vergangenheit.Martin Zimmermann: Versunkene Welten. Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji. Verlag C. H. Beck, München 2026. 544 S., Fr. 56.90.Passend zum Artikel
Martin Zimmermanns «Versunkene Welten»: Neuer Blick auf antike Ruinen
Martin Zimmermanns Buch «Versunkene Welten» bietet einen alternativen Blick auf die Zeugnisse der Antike. Romantische Wehmut angesichts untergegangener Kulturen ist ein modernes Phänomen.









