Wenn die Industrie im bayerischen Chemiedreieck über hohe Energiepreise klagt und im größeren Stil Arbeitsplätze abbaut, dann kann ein Unternehmen wie die Rheinmetall-Tochter Nitrochemie in Aschau am Inn auch diese Krise als seine Chance begreifen. Die Firma ist in der jüngeren Vergangenheit stark gewachsen, seit dem neuerlichen russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 ist die Zahl der Mitarbeiter um 80 Prozent auf jetzt 800 gestiegen. Mehr als 1400 sollen es in ein paar Jahren sein, kündigt Rheinmetall-Chef Armin Papperger an, und qualifizierte Fachkräfte gibt es in der Umgebung eben gerade genug. Sie alle sollen dann in der größten und der modernsten Pulverfabrik Europas arbeiten.Und auch wenn „Pulver“ – oder genauer: „Schießpulver“ – immer noch ein bisschen nach Vorderlader und Zündhütchen klingen mag: Das Produkt, das die Tochterfirma des deutschen Rüstungsriesen Rheinmetall in Aschau herstellt, ist angesichts von Kriegen und Krisen in der Welt gerade gefragt wie kaum je zuvor. Die bayerische Staatsregierung hält ebenfalls wieder große Stücke auf die deutsche Rüstungs- und Verteidigungsindustrie, etwa ein Drittel davon sitzt laut Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Freistaat. Und so sind am Mittwoch neben Deutschlands Verteidigungs-Staatssekretär Nils Schmid (SPD) auch Söder und Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) nach Aschau gekommen, wo Rheinmetall den Grundstein für eine Erweiterung des ohnehin schon weitläufigen Werksgeländes gelegt hat.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Von 90 auf 110 Hektar soll das Areal wachsen. Produziert werden das Pulver und die Treibsätze für groß- und mittelkalibrige Artillerie-Projektile und für Panzergeschosse dann im wirklich industriellen Maßstab. Denn bisher walzen, rollen, pressen und formen die Mitarbeiter das Pulver und die Treibladungen praktisch im Manufakturprinzip mit sehr viel Handarbeit. Zwischenprodukte werden teils in Handwagen über das möglichst blickdicht von Bäumen umstandene Gelände gezogen. Etwa 400 einzelne, kleinere Gebäude verteilen sich momentan darauf – aus Sicherheitsgründen mit großem Abstand zueinander, damit es auch im allerschlimmsten Fall nicht zu einer einzigen, riesigen Explosion kommt.Manche dieser Gebäude und speziell der Lagerbunker machen einen fast historischen Eindruck. Rheinmetall, das die Nitrochemie im Jahr 1994 übernommen hat, bezeichnet das Werk in Aschau selbst als „traditionsreichen Standort“. Schon in der NS-Zeit waren hier im Wald südwestlich von Mühldorf am Inn große Rüstungswerke versteckt worden. Damals allerdings nicht zur Verteidigung der Demokratie in der freien Welt, wie Rheinmetall heute betont, sondern um die deutsche Wehrmacht für den Zweiten Weltkrieg aufzumunitionieren. Aus Teilen jener alten Werke ist nach dem Krieg die Stadt Waldkraiburg geworden. Im Rest werden immer noch Rüstungsgüter produziert, nämlich hier im heutigen Aschauer Ortsteil „Aschau-Werk“, der ausgedehnter ist als der Ortskern selbst.Für die Aschauer lagen die Rüstungsbetriebe immer schon „hinter dem Zaun“, und diesen Sicherheitszaun werden die Arbeiter in den kommenden Monaten an zwei Stellen ein Stück weiter ziehen müssen. Die „Sicherheit“, um die es hier geht, bezieht sich beileibe nicht nur auf den Brandschutz und die Explosionssicherheit. „Die Nato ist nicht kampffähig ohne dieses Werk hier in Aschau“, sagt Rheinmetall-Chef Papperger, dessen Rüstungskonzern gleichzeitig auch an 14 anderen Orten weltweit Werke baut.Derzeit ist die Arbeit in der Pulverfabrik noch ähnlich einer Manufaktur, das soll sich in Zukunft deutlich ändern. Foto: Alexandra Beier/AFPAllein das Pulverwerk in Aschau soll nach dem Ausbau bis zum Jahr 2028 insgesamt 4200 Tonnen Pulver und eine Million Treibladungsmodule pro Jahr herstellen und damit laut Papperger alleine 700 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen. Derzeit werden hier jährlich 1700 Tonnen Pulver produziert und 300 000 Module. Bis zu sechs solcher Module jagen – je nach gewünschter Reichweite – eine Artilleriegranate aus dem Rohr einer Panzerhaubitze. Konzernweit will Rheinmetall bald 20 000 Tonnen Pulver pro Jahr produzieren.In die Werkserweiterung in Aschau steckt Rheinmetall laut Papperger 350 Millionen Euro. „Dieses Geld ist gut investiert“, versichert der Konzernchef, dem zuletzt Fragen nach seiner Strategie gestellt wurden, nachdem ein großes Fregatten-Geschäft mit der Bundesmarine geplatzt und der zuvor scheinbar unaufhaltsam steigende Börsenkurs der Rheinmetall-Aktie um ein gutes Stück eingebrochen war.Das Produkt aus Aschau wird nach Pappergers Überzeugung aber immer und immer dringender gebraucht. Rheinmetall liefert aus anderen Werken auch die Geschütze und Geschosse. Einen Teil dieser Produktpalette hat Rheinmetall zur Grundsteinlegung im Festzelt präsentiert und vor dem Zelt das besonders große Kriegsgerät, aus dem etwa die Nato-weit standardisierten 155-Millimeter-Projektile verschossen werden können. Das liefert Rheinmetall im Auftrag einzelner Staaten derzeit auch in die Ukraine.Der Grundstoff für das nötige Pulver ist und bleibt Nitrozellulose aus der althergebrachten Schießbaumwolle. Nach Aschau kommt das Material aus dem deutlich kleineren Schwesterwerk in Wimmis in der Schweiz, das ebenfalls ausgebaut wird. Der ursprüngliche Rohstoff stammt aber immer noch überwiegend aus China. Rheinmetall arbeitete laut dem Aschauer Werkleiter Oliver Becker intensiv daran, sich auch andere Quellen für die nötige Baumwoll-Zellulose zu erschließen.In den aufgeschnittenen Munitionshülsen ist das gepresste Pulver zu erkennen. Foto: Alexandra Beier/AFPDie daraus hergestellten Treibladungen haben laut Becker eine garantierte Haltbarkeit von mindestens zehn Jahren, danach sollten sie auf weitere Tauglichkeit überprüft werden. Eingesetzt werden sie idealerweise nie: „Nie wieder Krieg – genau deswegen machen wir das hier“, sagt Söder. Es gelte sich vorzubereiten und abzuschrecken, um „die Demokratie weder Aggressoren von außen noch Radikalen im eigenen Land“ zu überlassen.„In Aschau, da lassen wir es krachen“, sagt Söder, der nicht zum ersten Mal hier zu Gast ist. So war er im Herbst 2024 schon einmal hier hinter dem Zaun, zum Spatenstich für den Ausbau der Bayern-Chemie. Das zweite hier ansässige Rüstungsunternehmen gehört zum MBDA-Konzern aus Schrobenhausen und stellt in Aschau mit etwa 300 Mitarbeitern Antriebe für Raketen etwa vom Typ Patriot und Iris-T her.