Leif-Erik Holm hält kurz inne und blinzelt in die Sonne. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. „Nun wird mir warm hier. Was ist denn das da oben?“, sagt er auf Plattdeutsch.Mitte Juli, Holm steht auf einer Bühne mitten in Schwerin. Gut hundert Leute sind gekommen. Vor ihm sitzen Männer in Kurzarmhemden und Frauen in Sommerkleidern auf Bierbänken. Gehobener Altersdurchschnitt, einige schwenken Deutschlandflaggen. Sommerfestatmosphäre mit Wahlkampfeinschlägen.Am Rande schwere Jungs in Shirts, deren Zahlensymbolik man so oder so auslegen könnte. Dazwischen Wahlkampfhelfer mit AfD-blauer Sonnenbrille. Ein Rauhaardackel. Wahlkampf in Schwerin: Zum Auftritt von Leif-Erik Holm haben Besucher und Helfer Deutschland- und AfD-Fahnen mitgebracht. © Stefanie Witte Holm – verheiratet, vier Kinder – tritt für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten an. In Sitzungswochen ist der Bundestagsabgeordnete in Berlin. Seit den Anfängen der AfD, seit 2013, hat Holm den Landesverband mit einer kurzen Unterbrechung geführt. Innerhalb der Partei gibt er sich gemäßigt.Sollte die AfD einmal Regierungsverantwortung übernehmen, könnte das Modell Holm dafür eine Blaupause sein. Wenn die CDU – oder zumindest Teile der Partei – eine Koalition mit der AfD oder zumindest eine Tolerierung durch die AfD rechtfertigen wollten, ließe sich das mit jemandem wie Holm erheblich besser umsetzen als etwa mit einem Spitzenkandidaten wie Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt.Vor seinem Auftritt hatte ein Busfahrer der Linie 11 Holm durchs Fahrerfenster zugewinkt. Man kennt ihn hier. Nicht, weil er so laut polarisiert, sondern weil er seit Jahren auf derselben Frequenz sendet. Manche hier haben ihn noch als Radiomoderator im Ohr, als der Holm lange Jahre gearbeitet hat. Nun moderiert er auf der Bühne das AfD-Programm an.In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen derzeit bei um die 40 Prozent und damit weit vor der CDU. Steigert sie sich dort noch um ein paar Prozentpunkte, könnte es für die absolute Mehrheit reichen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD, die neben Holm als Bewerber für den Ministerpräsidentenposten auch mit Enrico Schult als Spitzenkandidat antritt, mit um die 36 Prozent nicht ganz so weit vor der SPD.Aber ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern hat soeben ein CDU-Landtagsabgeordneter angekündigt, er wolle zur AfD überlaufen. Auf kommunaler Ebene stimmt man auch schon mal gemeinsam. Kandidat für den Posten als Ministerpräsident: AfD-Landeschef Leif-Erik Holm stellt Mitte Juli die Plakate für seine Kampagne vor, hier zusammen mit dem AfD-Spitzenkandidaten Enrico Schult. © dpa/Philip Dulian Laut einer aktuellen NDR-Umfrage würden es 62 Prozent der Bürger in dem Land für akzeptabel halten, wenn Anträge im Landtag nur mit AfD-Stimmen verabschiedet werden könnten. 50 Prozent hätten nichts gegen eine Regierungsbeteiligung der Partei. Allerdings ist ebenfalls die Hälfte gegen einen AfD-Ministerpräsidenten.Die Landes-CDU bekennt sich indes weiterhin zur Brandmauer.„Wenn man die Programme übereinanderlegt, fragt man sich, wo das Problem liegen soll. Eigentlich könnte man das hier mal probieren“, sagt Holm nach seinem Auftritt. „Es gibt hier schon Gespräche mit einzelnen CDU-Vertretern, und auf kommunaler Ebene ist die Brandmauer ohnehin sehr porös.“ Da die Union noch nicht so weit zu sein scheine, sei die Alleinregierung „klares Ziel“. Sonst ändere sich nichts.Tatsächlich müssten für die CDU auf dem Papier viele AfD-Forderungen annehmbar sein. Beide Parteien setzen sich dafür ein, dass Kinder ausreichend Deutsch lernen, bevor sie die Schule besuchen. Beide wollen die innere Sicherheit stärken und sind gegen das Gendern.Holms Partei wirbt hier mit Slogans wie „Werde zum Heimatretter“, „Abschieben“ und „Für ein bezahlbares Leben“. Der Kandidat selbst spricht viel über Atomkraft, russisches Gas und Bürokratieabbau. Und dann sagt er bei der Vorstellung der Plakate wieder Sätze wie den, „dass man schon Angst hat, seine Meinung frei und offen herauszusagen“. Ein AfD-Klassiker. Bei Holm kommt er fast beiläufig.Als der Kandidat von den Plakaten zur Bühne geht, fängt ihn ein Mann im braunen Bayern-München-Shirt und mit auffälligem Schnauzbart ab, legt ihm eine Hand auf die Schulter und beginnt sein Anliegen mit: „So, mein Jungchen …“ Die eigens angeheuerten Sicherheitskräfte sehen darin offenbar kein Problem. Holm lässt es geschehen. Er kenne den Mann schon länger, erzählt er später.Holm wirkt wie ein Überlebenskünstler. Seine Positionen sind eher Weidel-nah, aber er scheint sich nicht am Weidel-Höcke-Netzwerk zu beteiligen.Oliver Lembcke, Politikwissenschaftler von der Ruhr-Universität BochumDie Landtagsabgeordnete Petra Federau kündigt den Kandidaten enthusiastisch auf der Bühne an, als studierten Ökonomen und Bundestagsabgeordneten. Es sei ihr eine „große Ehre“, Holm hier begrüßen zu dürfen. Jubel, Applaus.Holm sprintet auf die Bühne, sagt: „Was für eine Ankündigung. Petra, mach das noch mal. Das war so schön. Es sieht so schön aus. Guten Abend, Schwerin.“ Dieser Ton würde auch im ZDF-Fernsehgarten funktionieren. Holm weiß: Was die Leute einschalten, ist nicht nur das Programm. Es ist die Stimme, der sie vertrauen.Der Kandidat kritisiert das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, gegen das er zuvor im Bundestag gestimmt hat, und macht sich über den Namen der Krankenkassenreform lustig: „Wer kann das aufsagen?“ Buhrufe. Keine Verbitterung Holm wurde Mitglied der Partei, als deren Markenkern noch der professorale Widerstand gegen die Eurorettung war. Bis heute hat er durchgehalten – oder sieht vielmehr weiterhin keine Unterschiede zwischen sich und der Parteilinie.Über die CDU sagt er: „Ich sehe mich als bürgerlichen, liberalen Konservativen. Dies hat die Partei unter Frau Merkel nicht mehr abgebildet.“ Der Atomausstieg, die Eurorettung – das habe sich angesammelt wie bei einem Staudamm. „Beim Thema Griechenland ist er dann übergelaufen.“Der heimatlose Konservative – so beschreiben sich viele in seiner Partei. Aber im Gegensatz zu einem verbittert wirkenden Alexander Gauland tritt Holm wie einer auf, dem die Heimatlosigkeit gut bekommen ist.Zwar gilt auch in Mecklenburg-Vorpommern, dass die AfD rechts von sich keinen Raum lassen will. Aber Holm gehört im Gegensatz zu seinen Kollegen in Sachsen-Anhalt oder Thüringen nicht zu denen, die permanent rechtsextrem blinken, um auch den letzten Wähler aus diesem Bereich sicher an die Urne zu führen. Seine Zitate schaffen es selten in überregionale Nachrichten.Im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern kommt Holms AfD fast nicht vor. Im Gegensatz zu anderen Landesverbänden wird sie dort nicht als „gesichert rechtsextremistisch“ geführt. Eher ungewöhnlich für einen Landesverband im Osten. Was allerdings nicht heißt, dass nicht auch hier nationalistisches und völkisches Gedankengut vorkomme.„Holm wirkt wie ein Überlebenskünstler. Seine Positionen sind eher Weidel-nah, aber er scheint sich nicht am Weidel-Höcke-Netzwerk zu beteiligen“, beobachtet Politikwissenschaftler Oliver Lembcke. „Das könnte ihn auf Dauer verwundbar machen. Irgendwann könnte er gezwungen werden, sich zu einem Lager zu bekennen – und herausgefordert werden von jemandem, der das offensiver tut.“Davon ist an diesem Abend jedoch nichts zu spüren. Auch wenn der Tag lang war, bleibt Holm höflich. Die verbalen Hassreden einer Alice Weidel scheinen ihm selbst dann fernzuliegen, wenn er minutenlang über die Zustände im Land schimpft.Wo andernorts von „Asylanten“ gesprochen wird, steht im AfD-Wahlprogramm für Mecklenburg-Vorpommern der Begriff „Asylbewerber“.Viele halten Holm dennoch für einen Populisten. Der behauptet etwa auf seiner Internetseite, die „Massenmigration hält unbegrenzt an“ – während die Zahlen stark sinken und die EU Deutschland auffordert, endlich mangels Grund seine Grenzkontrollen wieder aufzugeben.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Bei TikTok bezeichnet Holm den Bundeskanzler als „Pinocchio-Fritze“, zeigt sich ansonsten mal mit einem Bier, mal mit Weihnachtsbaum oder als Heimwerker mit Bohrmaschine.Auf die Frage, was er davon halte, dass Delegierte beim AfD-Parteitag in Riesa „Alice für Deutschland“ skandierten – in Anlehnung an die verbotene SA-Parole –, sagt Holm: „Das ist doch witzig.“Auch, wenn alle Delegierten in der Halle den Kontext, nämlich den nationalsozialistischen Bezug, kannten? „Das ist doch nicht als Übernahme einer Parole zu verstehen, sondern als kreative Replik darauf, dass man so banale Dinge nicht mehr sagen dürfen soll“, antwortet Holm. „Da ist nichts dabei.“ Verschwörungstheorie im Wahlprogramm Im Wahlprogramm, das der Kandidat vertritt, heißt es: Die Landesregierung arbeite darauf hin, „die deutsch geprägte Gesellschaft durch eine multikulturelle Gesellschaft zu ersetzen“. Dieser Satz erinnert an die Verschwörungserzählung vom Bevölkerungsaustausch durch eine angebliche politische Elite.Holm argumentiert, dass jedes Jahr Menschen in der Größenordnung einer Stadt wie Rostock nach Deutschland einwanderten, während mehr Deutsche auswanderten. „Das ist ein Riesenproblem, denn damit geht zunehmend die eigene Kultur und Identität verloren“, sagt Holm.Seit drei Jahren sinkt die Zahl der Zuzüge. Wanderungsbewegungen sind in der Geschichte der Bundesrepublik nicht ungewöhnlich. Was hat eine Landesregierung damit zu tun?Holm argumentiert, diese trage „aktiv zu diesem Umbau der Gesellschaft bei, zum Beispiel bei Einstellungen durch das Kriterium interkulturelle Kompetenz“. So könnten Bewerber mit Migrationshintergrund vorgezogen werden.Auf die Anspielung auf die rechtsextreme Verschwörungstheorie geht Holm dagegen nicht ein.All das ist an diesem Freitagnachmittag auf der Bühne kein Thema. Auf dem benachbarten Pfaffenteich, einem der vielen Schweriner Seen, planschen Möwen in der Sonne. Holm spricht über Bürgergeldempfänger in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Hälfte dieser Bürgergeldempfänger – von denen möglicherweise auch der ein oder andere auf den Bierbänken vor ihm sitzt – seien „Migranten, die zum Teil eben illegal in unser Land gekommen sind“. Entspannung am Pfaffenteich, während nebenan die AfD für ihr Programm wirbt. © Stefanie Witte Man erkläre die AfD zu Ewiggestrigen, sagt Holm gegen Ende. „Ja, es war halt besser gestern. Und wir wollen, dass es so gut ist, wie es mal war. Wir werden Deutschland wieder zu dem machen, wie es schon einmal war.“Ein korpulenter Mann in hellen Shorts, der zuvor ein ZDF-Team angepöbelt hat, klatscht so energisch, als wolle er jemanden verprügeln, brüllt „Ja“ über den Platz.Holm fährt fort: „Wir können die Politik ändern. Und wenn wir sie in den Ländern ändern, dann werden wir sie auch im Bund ändern.“ Und: „Dann wird auch die Brandmauer nicht weiter durchgehalten werden können.“Zum Schluss erlaubt er fünf Fragen aus dem Publikum – es ist spät und warm. Aus dem Monolog der AfD-Politiker wird für ein paar Minuten der angekündigte Bürgerdialog. Ein Mann will über seinen Pflegegrad sprechen.Eine Besucherin fragt Holm: „Wie demokratisch ist das, wenn viele Wähler Ihre Partei wählen und andere Parteien einfach meinen, Sie können nicht mitregieren? Das ist Diktatur.“ „Richtig“, ruft ein anderer.Holm fällt ihr ins Wort: „Diktatur würde ich das jetzt nicht nennen“, aber dass man die Stimme der AfD-Wähler „nicht hören“, sie stattdessen „ausgrenzen“ wolle, das sei schon undemokratisch. „Das empfinden wir natürlich genauso.“ Die Frau lässt weder locker noch vom Mikrofon ab. Holm sagt das Gleiche noch einmal mit anderen Worten, betont geduldig, scheint sehnsüchtig auf die nächste Frage zu warten.Zum Schluss singen Politiker und Besucher gemeinsam die Nationalhymne. Leif-Erik Holm steht da als der Mann, mit dem sich die AfD regierungsfähig geben kann: unaufgeregt, freundlich, hochgekrempelte Ärmel.Neben ihm steht Sebastian Münzenmaier, einer der einflussreichsten Netzwerker der Bundespartei. Holm mag das gemäßigte Gesicht dieser AfD sein. Außerhalb der Partei steht er nicht.