Leif-Erik Holm hat gerade über die vergangene Sitzungswoche im Bundestag gesprochen. Über seinen Antrag, das stillgelegte Gaskraftwerk in Lubmin zu erhalten, das an die Ukraine abgegeben werden soll. Da meldet sich aus dem Publikum eine Frau zu Wort. „Seien Sie doch mal bitte der Viktor Orbán“, fordert sie den AfD-Politiker auf. Wenn Holm Ministerpräsident in Mecklenburg-Vorpommern werde, solle er bestimmen, das Gaskraftwerk werde nicht abgebaut – und zwar kompromisslos. „Wir wollen nicht mehr mit irgendeinem verhandeln“, sagt die Frau. „Sie sagen jetzt, wo es langgeht.“ Die Schärfe bei diesem Bürgerdialog Ende Mai in der Kleinstadt Altentreptow in Vorpommern, sie kommt also nicht von Holm. Sie kommt aus dem Publikum.Gewissermaßen passt das zu dem 55-jährigen Bundestagsabgeordneten der AfD. Leif-Erik Holm gilt in seiner Partei nicht als Scharfmacher. Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September will er Ministerpräsident werden. Wer also ist der Mann, der Manuela Schwesig (SPD) herausfordert. Und wie passt er in eine Partei, die sich seit ihrer Gründung immer weiter radikalisiert hat?Holm hat diese Entwicklung offenbar nicht gestört. Dabei hat er den gesamten Prozess aus nächster Nähe miterlebt. 2013, als er zur AfD kam, galt die Partei als Protest- und Professorenprojekt, als „eurokritisch“. Auch Holm war einer von jenen, die im Zuge der Eurokrise zur AfD kamen. Zuvor ging der gelernte Elektriker und studierte Volkswirt jahrelang beim Radio auf Sendung – als Moderator für den NDR, für Antenne MV und Hit Radio FFH in Frankfurt am Main. Holm habe die „besten Sprüche weit und breit“, hieß es einmal in einer Zeitung für Kunden und Partner von Antenne MV über ihn. Ende der Neunziger war das, als Holm die Morgensendung moderierte. Er selbst gab in dieser Zeit in einem Steckbrief auf der Homepage des Senders Auskunft über sich. Darüber, welches Essen ihm schmeckt („der Wrukeneintopf meiner Oma“). Welchen Wein er mag („94er Cabernet Sauvignon von Ernest & Julio Gallo“). Oder was ihn aufregt: „lahme Linksfahrer“ zum Beispiel, „Verbohrte“. Und „Populisten“.Fast drei Jahrzehnte später baut der Mann, der Populisten früher nicht mochte, auf einer Wiese in Altentreptow einen Stand der AfD auf. Bevor der Bürgerdialog beginnt, will Holm am Straßenrand um Wähler werben, hat sich dafür aber einen unglücklichen Zeitpunkt ausgesucht. Auf dem Marktplatz, wenige Gehminuten entfernt, steigt gerade das Kinderfest. An den Stand der in weiten Teilen rechtsextremen AfD kommen vor allem jene, die es ohnehin mit der Partei halten. Ein Mann in dunkler Arbeitshose und schwarzem T-Shirt zum Beispiel. Flyer oder Werbematerial will er nicht, zu Hause sei ohnehin alles blau. Er wettert über die Diesel-Preise und den Tankrabatt. Ein E-Auto könne er sich nicht leisten, sagt er. Holm stimmt ihm zu: „Das ist alles aus der Hauptstadtblase gedacht.“ Wenig später fährt eine Frau im Auto vorbei und ruft: „Ihr müsst mehr werden, mehr.“ Stehen bleibt sie aber nicht.Dafür hat sich ein Mann in roter Hose und Badelatschen an Holms Stand eingefunden. Er komme sich vor „wie zum Ende der DDR“. Wenn er den Fernseher anschalte, werde er belehrt. Der Tatort sei kein Krimi mehr, sondern Belehrung. Einst sei er Mitglied der SPD gewesen, heute sei er in der AfD. Ihn muss Holm also nicht überzeugen. Bei einem anderen Mann gelingt es ihm nicht. Bernd Scholze engagiert sich bei der Anti-Windkraft-Partei „Freier Horizont“, die energiepolitisch zwar Schnittmengen mit der AfD aufweist, Holm und seinen Leuten will Scholze seine Stimme trotzdem nicht geben. „Lieber fault mir ein Finger ab, bevor ich die AfD wähle.“Merz bei der CDU in Mecklenburg-Vorpommern:Hier sind sie stolz auf den unbeliebten KanzlerFriedrich Merz hält bei der CDU in Mecklenburg-Vorpommern eine eindringliche Rede, in der er vor dem „Big Bang“ warnt, wenn die Reformen nicht klappen. Über den freundlichen Empfang freut er sich aufrichtig.Seinem Ziel, Ministerpräsident zu werden, ist Holm durch den Infostand in Altentreptow also nicht sonderlich näher gekommen. Sollte er es verfehlen, fällt er allerdings weich. Auf der Landesliste seiner Partei kandidiert er nicht, fordert Manuela Schwesig aber im Kampf um ein Direktmandat in Schwerin heraus. Sollte er weder Direktkandidat noch Regierungschef werden, bleibt Holm Bundestagsabgeordneter in Berlin. Laut der jüngsten Umfrage von Infratest Dimap ist das gut möglich. Seine Partei steht demnach bei 36 Prozent. Um am Wahlabend nicht zittern zu müssen, hat Holm 45 Prozent als Ziel ausgegeben. Das soll für die Alleinregierung reichen.Andere Machtoptionen gestalten sich schwierig. Zwar haben führende Köpfe des BSW angekündigt, ihre Partei werde Manuela Schwesig nicht zur Ministerpräsidentin wählen. Parteichefin Amira Mohamed Ali schloss im NDR zuletzt allerdings auch eine Koalition mit der AfD aus. Sie pocht auf einen Ministerpräsidenten, der „mit wechselnden Mehrheiten regiert“. Fraglich ist derzeit aber, ob Wagenknechts Leute es überhaupt in den Landtag schaffen. Die jüngste Umfrage von Infratest Dimap sieht das BSW in Mecklenburg-Vorpommern bei fünf Prozent.Holm ist erfahren genug, um vor einer Wahl nichts auszuschließen. Also erklärt er, er sei natürlich immer offen für Gespräche, auch mit der Union. „Es gibt mit einzelnen CDU-Mitgliedern hier im Land sehr gute Kontakte“, sagt er am Rande des Infostands in Altentreptow. Namen nennt er keine, sagt allerdings: „Das sind Leute aus dem Landtag sowie von der Kreisebene, und die haben hohes Interesse an neuen Optionen.“ Er glaube aber, dass in dieser Sache „Berlin das Sagen hat“. Die Generalsekretärin der Landes-CDU, Katy Hoffmeister, verweist auf Anfrage auf den Unvereinbarkeitsbeschluss ihrer Partei, der „Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit“ sowohl mit der Linken als auch mit der AfD ausschließt. „Es gilt die Beschlusslage der CDU. Und die ist eindeutig“, teilt Hoffmeister mit. Und schiebt hinterher: „Herr Holm macht sich bekanntermaßen gern wichtiger, als er ist.“Den Krawall überlässt er anderen, den ganz Rechten in seiner Partei stellt er sich aber nicht in den WegIm Wahlkampf setzt der ehemalige Radiomoderator auf eine Sprache, die weniger radikal daherkommt als die seiner Parteikollegen. Den Krawall überlässt er anderen. Im Umgang mit jenen, die selbst in der AfD ganz weit rechts stehen, verfolgt Holm aber einen ähnlichen Ansatz wie die Parteiführung: Er stellt sich ihnen nicht in den Weg – im Gegenteil. Beobachten kann man das an einem Samstag Ende Mai im Kulturhaus „Treffpunkt Europas“ in Grimmen. Hier hat sich die AfD getroffen, um ihr Wahlprogramm zu beschließen und einen Generalsekretär zu wählen, den 32-jährigen Dario Seifert, einen ehemaligen Neonazi. Seifert war zwischen 2012 und 2014 Mitglied der Jugendorganisation der NPD, die sich heute „Die Heimat“ nennt. Holm schlägt ihn für das Amt vor und bescheinigt Seifert ein „unglaubliches“ Organisations- und Kommunikationstalent. Seiferts Vergangenheit? „Eine jugendliche Verirrung“, sagt Holm am Morgen im Gespräch mit Journalisten.Dass die AfD jemanden wie Seifert so nonchalant in eine Führungsposition wählt, gilt als Beleg ihrer Radikalisierung. Dass die Partei in ihrer Geschichte weiter nach rechts gerückt ist, will Holm im Gespräch in Altentreptow nicht gelten lassen. Die Themenlage habe sich eben verändert, sagt er. „Wir haben 2015 das Thema der illegalen Einwanderung dazubekommen, was sehr emotionalisiert.“ Ob seine Partei zu dieser Emotionalisierung nicht beitrage? „Nein, wir versuchen, das möglichst sachlich zu handeln.“Wie sich diese Sachlichkeit anhört, kann man auf dem Parteitag in Grimmen feststellen. Dort bittet Holm den stellvertretenden Fraktionschef der AfD im Bundestag und einflussreichen Strippenzieher, Sebastian Münzenmaier, auf die Bühne. Der spricht darüber, warum das Thema Tourismus aus seiner Sicht eng mit Migration verbunden ist. Seine Begründung: „Wer geht denn gerne durch eine deutsche Innenstadt, wenn er genauso gut nach Kabul fliegen könnte.“ Leif-Erik Holm, der Populisten einst nicht mochte, hat sich mit solchen Tönen arrangiert.