Während sein Team Remco Evenepoel im Ziel seinen Sieg feierte, saß Florian Lipowitz in einem Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Triumph und Unglück, Jubel und Schmerz lagen dicht beieinander. Die beiden Stars des Red-Bull-Bora-hansgrohe-Teams standen am Dienstag beim Einzelzeitfahren in Thonon-les-Bains zum letzten Mal bei dieser Tour de France gemeinsam am Start.Bedauern allenthalben. Und auch bei Red Bull war die Stimmung gedämpft. „Wir haben heute zwar gewonnen, aber es ist jetzt nicht Friede, Freude, Eierkuchen bei uns“, sagte Teamchef Ralph Denk. Den Grund für Lipowitz’ Sturz wollte er nicht auf die Strecke und die enge Kurve schieben. „In einem solchen Zeitfahren gehst du halt volles Risiko. Man hat auch nur ein kleines Zeitfenster, um die Strecke zu begutachten, und da musst du dir 26 Kilometer einprägen. Im Endeffekt war er einfach zu schnell.“Evenepoel geht nach seinen beiden Etappensiegen am Sonntag und Dienstag als Zweiter in die nächste Etappe. Viereinhalb Minuten liegt er in der Gesamtwertung hinter Pogačar. An ein Überholmanöver am Meister aller Klassen vorbei verschwendet er keinen Gedanken. Auch ihm scheint der Slowene, der seinem fünften Tour-Sieg entgegenfährt, unantastbar. Ein Messi auf Rädern, dem nur Bewunderung entgegenschlägt, selbst von seinen stärksten Kollegen.Die Doppelspitze ist Geschichte: Das Red-Bull-Experiment mit zwei Stars als Kapitänen ging nicht auf.Picture AllianceDer Sturz traf nicht nur Lipowitz. Er traf auch Evenepoel. Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die viel diskutierte Doppelspitze zugunsten von Evenepoel aufgelöst hatte, verlor der Belgier den Mann, auf dessen Hilfe er nun angewiesen war. Die neue Rollenverteilung war klar: Evenepoel der Kapitän, Lipowitz der Steuermann, der ihn über die schwersten Tour-Berge bringen sollte.Der Steuermann ist nicht mehr da. Evenepoel muss die entscheidenden Tage ohne den stärksten Bergfahrer im Team bestreiten. Die Hoffnung ruht jetzt vor allem auf Jai Hindley. Der Australier hat 2022 den Giro d’Italia gewonnen und weiß, wie man eine große Rundfahrt übersteht. Bei dieser Tour hat er bislang allerdings nicht den Eindruck erweckt, Evenepoel bis weit in die entscheidenden Anstiege begleiten zu können.Wer wächst in der dritten Woche über sich hinaus?Dabei beginnt die eigentliche Prüfung erst jetzt. Col du Télégraphe, Col du Galibier, Col de Sarenne, zweimal Alpe d’Huez – ein Horrortrip über Pässe und Anstiege, der jede Ordnung noch einmal ins Wanken bringen kann. Gegen Pogačar und seine starke Bergmannschaft wird Evenepoel ziemlich allein dastehen, vielleicht auch verloren.Aber er muss sich ohnehin an anderen orientieren, wenn es um Platz zwei geht: an Pogačars Edelhelfer und Protegé Isaac Del Toro, dem jungen Franzosen Paul Seixas, dem Spanier Juan Ayuso und all jenen, die in der dritten Woche noch einmal über sich hinauswachsen. Der Brite Tom Pidcock ist ein solcher Kandidat.In seiner Heimat ist der Belgier längst ein SuperstarNun ist Evenepoel wieder in der Rolle, die er liebt und seit jeher für die angemessene hält: die des Chefs. Er wird sie genießen, die Aufmerksamkeit, die sich nun allein auf ihn richtet. In Belgien ist er längst ein Superstar, für viele das größte Tour-Versprechen seit Eddy Merckx. Und er wird es all jenen zeigen wollen, die noch immer meinen, er sei kein Mann fürs Hochgebirge.Den Sprintsieg auf der Bergetappe vom Sonntag gegen Pogačar hat er auch deshalb so gefeiert, weil er ihn als Eintrittskarte in den elitären Kreis der besten Rundfahrer sieht. Diese gibt es nicht beim Giro d’Italia, nicht bei der Spanienrundfahrt, die gibt es nur bei der Tour de France.Evenepoel kennt es nicht anders, als an der Spitze zu sein. Eigentlich wollte er Fußballprofi werden. Er war Kapitän der belgischen U-17-Nationalmannschaft, und erst mit 17 wechselte er endgültig zum Radsport. Dort übersprang er alle üblichen Stufen. Schon ein Jahr später wurde er bei den Junioren Welt- und Europameister, im Straßenrennen und im Zeitfahren. Die U-23-Klasse ließ er aus, mit 19 wurde er Profi.Helferdienste, jahrelanges Lernen im Wind, das geduldige Warten auf eine Chance: All das kam in seiner Laufbahn nicht vor. Evenepoel war vom ersten Tag an ein Projekt, der Auserwählte, der Fahrer, um den sich alles drehte. Kein Mann für eine Doppelspitze. Seinen Ärger über diese Konstruktion ließ er immerhin nur einmal in seiner impulsiven Art heraus, als er nach der sechsten Etappe Lipowitz öffentlich kritisierte, weil er ihm eine Hilfestellung verweigert haben sollte.Evenepoel verblüfft am PlateauDie Doppelspitze war lange eines der beherrschenden Themen dieser Tour. Kaum eine Pressekonferenz, auf der nicht nach der Rollenverteilung gefragt wurde. Red Bull versuchte, die Frage offenzuhalten. Sportlich schien das plausibel. Evenepoel war der große, teure Neuzugang, Olympiasieger, Weltmeister, Sieger der Vuelta. Lipowitz hatte sich seinen Platz mit Rang drei bei der Tour im vergangenen Jahr verdient.Zwischendurch sah es aus, als sei Lipowitz der Stärkere am Berg, doch am vergangenen Sonntag verblüffte Evenepoel am Plateau de Solaison mit einer bärenstarken Leistung durch den gewonnenen Sprint gegen Pogačar. Dort, sagte Lipowitz einen Tag später mit bemerkenswerter Nüchternheit, habe man gesehen, „wer auf welchem Level fährt“. Evenepoel habe nun Priorität. Er werde so lange wie möglich bei ihm bleiben und ihm helfen.Lipowitz, kein Star von der Jugend auf, sondern ein bescheiden auftretender Überläufer vom Biathlon, war bereit, sich in die Dienste des Chefs zu stellen. Genau deshalb wiegt sein Ausfall so schwer. Red Bull verlor keinen zweiten Kapitän. Es verlor den Steuermann, der den Kapitän durch die Alpen bringen sollte.Ganz abgeschlossen war die Sache trotzdem nicht, denn es hätte genügend Szenarien gegeben, in denen die Rangordnung noch einmal hätte kippen können. Niemand weiß, wie Evenepoel Bergetappen mit Alpenriesen wie Télégraphe, Galibier, Sarenne und die Zielauffahrt nach Alpe d’Huez übersteht. Niemand weiß, wie seine Beine nach fast drei Wochen auf die Höhe, die Länge und die Summe der kommenden Anstiege reagieren.Lipowitz wäre zugleich der Mann gewesen, der das Kommando wieder übernimmt, falls der Kapitän nicht mehr kann. Sein Sturz nahm ihm und seinem Team auch diese Möglichkeit.
Remco Evenepoel bei der Tour de France ohne Florian Lipowitz
Nach Florian Lipowitz’ Sturz bei der Tour de France ist Remco Evenepoel wieder in der Rolle, in der er sich seit jeher sieht. Die Frage ist nur, wer ihm nun über die Berge helfen soll.













