Wenig Schlaf als Ausweis von Charakterstärke, ist das nicht ein bisschen ein Mythos aus den 1980er-Jahren, der Wall-Street- und American-Psycho-Ära? Im deutschen Leistungssystem verdichtet im Zitat des früh gestorbenen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Es könnte auch ein Spruch der japanischen Premierministerin sein, zu deren Selbstdarstellung es gehört zu behaupten, quasi ohne Schlaf auszukommen.Kürzlich postete Sanae Takaichi auf X, dass sie seit ihrem Amtsantritt für gewöhnlich nur null bis drei Stunden schlafe – mit wenigen Ausnahmen: „Zum ersten Mal seit Längerem konnte ich ganze fünf Stunden schlafen“, heißt es in dem Beitrag. Weiter schrieb sie, der Nachmittag sei „eine kostbare Zeit“ gewesen, sie habe sich „ab Mittag an einen großen Stapel gewaschener Taschentücher und Unterwäsche gemacht, die noch gebügelt werden mussten, und auch etwas genäht“. Sie wolle sicherstellen, dass ihr für die offiziellen Termine bis zum Ende der laufenden Parlamentssession genügend Kleidungsstücke zur Verfügung stehen.Die 65-jährige Takaichi hatte bereits im Wahlkampf versprochen, dass sie „arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und arbeiten“ werde. Ihr enormer Fleiß hat sie durch die bisherige politische Karriere begleitet, vor allem in der von Männern geprägten konservativen Regierungspartei LDP. Bereits einen Monat nach ihrem Amtsantritt berichtete unter anderem die Japan Times, dass Takaichi zur Vorbereitung einer Parlamentssitzung eine Besprechung mit ihren Mitarbeitern für drei Uhr morgens in ihrem Büro angesetzt hatte.Auch ihre jüngste Botschaft lief im Land über alle Nachrichtenkanäle, löste dort allerdings nicht die Bewunderung aus, die Takaichi damit vermutlich gewinnen wollte. Stattdessen gab es bissige Kommentare, nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch bei den großen Sendern und in den Zeitungen. Denn einerseits ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass Gesundheit und auch Leistungsfähigkeit ihren Höchstwert erreichen, wenn man zwischen sechs und acht Stunden Schlaf pro Nacht bekommt. Man wünscht sich heute doch eher jemand Ausgeruhten in einer Position, in der man über eine Armee befehligt und über Schicksale entscheidet.„Karoshi“ heißt übersetzt: Tod durch ÜberarbeitungAndererseits passt Takaichis Post zur politischen Diskussion darüber, die Obergrenze für Überstunden in Japan anzuheben, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Damit allerdings sind viele Japanerinnen und Japaner überhaupt nicht einverstanden. Denn das berühmte Arbeitsethos, das das kleine Land zur viertstärksten Industrienation der Welt gemacht hat, führt auch zu Herzinfarkten, psychischen Erkrankungen und Suiziden. „Karoshi“ wird das Phänomen in Japan genannt: „Tod durch Überarbeitung“.Die japanische Kultur ist tief geprägt vom Zurschaustellen von extremem Fleiß, Überstunden und Wochenendarbeit. Beim Verlassen des Büros verabschiedet man sich mit der höflichen Formel „Osaki ni shitsurei shimasu“, was übersetzt bedeutet: „Entschuldigen Sie, dass ich vor Ihnen gehe.“ 50- bis 60-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit, für Berufsanfänger sind nur zehn Tage Urlaub pro Jahr vorgesehen. Nach der Arbeit muss man noch mit zum Karaoke oder sich in einer Bar zügig betrinken, um seine Aufstiegschancen zu sichern. Auch deswegen schlafen so viele Menschen in der Toktioter U-Bahn.Schlaf lässt sich auch in der U-Bahn nachholen, aber so richtig erholsam ist das nicht. Kike Calvo/APDoch der Glaube an die Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung des Landes erodiert in Japan genauso wie in Deutschland. Wer nicht erbt oder mit einem Kniff sehr reich wird, sagt sich: Dann lieber etwas vom Leben haben, solange man gesund ist.In Yokohama, einer Vorstadt von Tokio, gibt es seit Kurzem die „Tenshoku Sodan Bar“ (etwa „Bar für Jobwechsel“), in der es kostenlose Getränke und Rat für diejenigen gibt, die aus dem „stahlharten Gehäuse“ der Moderne ausbrechen wollen, wie Max Weber das protestantische Arbeitsethos im Kapitalismus beschrieben hat. Man bekommt dort auch morgens um elf Uhr schon einen Highball und gute Tipps, wie man besser leben und arbeiten kann.Eine Bürgermeisterin geht in Elternzeit und wird zum Rücktritt aufgefordertEs gibt sogar eine eigene Religionsgemeinschaft für Leistungsverweigerer, „Motohiro to People“ heißt sie. Ihr Anführer, Motohiro Hisano, verlangt keine Spenden und auch keine Gefolgschaft von seinen Anhängern, er ruft sie lediglich dazu auf, unnötige Überstunden abzulehnen, bezahlte Urlaubstage voll auszuschöpfen, Elternzeit zu nehmen und unbeliebte Veranstaltungen wie Firmenpartys auszulassen. Man solle nutzen, dass das japanische Arbeitsrecht „Diskriminierung aus religiösen Gründen“ verbietet.Die Sache ist als Gag gemeint. Wie viel Wahrheit aber in dieser Satire steckt, zeigt der Fall von Shoko Kawata. Die 35 Jahre alte Bürgermeisterin einer Kleinstadt südlich von Kyoto kündigte jüngst ihren Mutterschaftsurlaub an. „Ich war sehr überrascht, weil die Reaktion darauf so heftig ausfiel“, sagte Kawata der BBC. Die Reaktionen waren nicht nur heftig, sondern auch gespalten. Kawata berichtet von Glückwünschen für den mutigen Schritt – aber auch von Rücktrittsforderungen.In diesem Sinne ist Sanae Takaichi als erste Premierministerin des Landes zwar ein Vorbild für Frauen, aber gleichzeitig keine Vorstreiterin für deren Rechte. Immerhin räumte sie bei einer Diskussion im Parlament ein, dass ihr Schlafmangel nicht nur gute Seiten habe, „ich habe das Gefühl, das schadet meiner Haut“. Vielleicht aber wollte sie mit dieser Klage noch mal darauf hinweisen, wie viel sie arbeitet.