Wenn es ums Erbe geht, kann es auch unter grundsätzlich wohlmeinenden Menschen zu Differenzen kommen. Bei einem vermeintlich so großen Erbe wie dem „Kulturerbe Bayern“ ist das nicht anders. Rein organisatorisch besteht das „Kulturerbe Bayern“ aus einem 2015 gegründeten Verein und einer 2018 eingerichteten Stiftung gleichen Namens. Der Verein wie die Stiftung haben sich den englischen National Trust zum Vorbild genommen und wollen geschichtsträchtige Orte in und für Bayern erhalten. Zugleich stellt sich angesichts des abschmelzenden Stiftungsvermögens die Frage nach der Selbsterhaltung – auch auf der Mitgliederversammlung des Vereins an diesem Samstag.Der Jurist Heiko Huß schlägt den Vereinsmitgliedern in einem Antrag vor, die Doppelstruktur mit der Stiftung zu entflechten. In der Tat üben etliche Mitglieder Ämter in beiden Organisationen aus, speziell im Stiftungsrat als dem entscheidenden Gremium der Stiftung. Auch einige zuvor vom Verein angestellte Mitarbeiter werden inzwischen von der Stiftung bezahlt. Doch aus Huß' Sicht teilen Verein und Stiftung zwar ihr Ziel, haben aber sonst nicht notwendig die gleichen Interessen. Insgesamt hänge der Verein finanziell von der Stiftung ab und lebe – abgesehen von staatlichen Förderungen – vor allem auf Kosten des Stiftungsvermögens.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Dieses Vermögen bestand im Wesentlichen aus einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aus dem Vermächtnis eines der acht Gründungsstifter. Dieses Geld soll nach und nach in Immobilien investiert werden und wird in wenigen Jahren planmäßig aufgezehrt sein. Die Stiftung muss also dringend um Zustifter, Spender, Sponsoren und Fördergelder werben, am besten mit Verweis auf ihre bisherigen Projekte. Nennenswerte direkte Einnahmen kann sie weder aus dem gerade mit hohem Aufwand beispielhaft sanierten Berggasthaus am Streichen im Chiemgau erwarten noch aus dem historischen Stadthaus an der Judengasse in Rothenburg ob der Tauber.Kritiker wie Huß fragen sich, wie die Stiftung unter diesen Umständen die Sanierung ihrer dritten Immobilie stemmen soll, des zuletzt vom Porzellanfabrikanten Philip Rosenthal bewohnten und innen spektakulär ausgestatteten Schlosses Erkersreuth im oberfränkischen Selb. Huß ist selbst über dieses Projekt Mitglied bei Kulturerbe Bayern geworden. Wie etliche andere Menschen in Oberfranken befürchtet er, dass das Schloss zu einer Art Stiefkind der Stiftung werden könnte, seit diese sich von ihrer Vorstandsvorsitzenden Ursula Scriba getrennt hat.Auch Scriba hat sich schon lange Zeit im Verein Kulturerbe Bayern engagiert. Ihre Berufung an die Spitze der Stiftung im Frühjahr 2025 sollte eigentlich eine lange Phase mit ständigen personellen Wechseln beenden. Was das Stiftungsvermögen betrifft, hat sie sich ähnliche Sorgen gemacht wie Heiko Huß und auf eine weniger großzügige Linie gedrängt.Gasthof Streichen im Chiemgau:Kulturerbe mit Bergblick und PerspektiveGemeinde oder Investoren? Fast hätte die Frage nach der Zukunft des Berggasthofs am Streichen ein ganzes Dorf gespalten. Jetzt wird er nach aufwendiger Sanierung wieder eröffnet – gesucht wird nur noch ein Wirt.Allerdings kam es schnell zum Zerwürfnis mit Mitarbeitern, Stiftungsräten und auch mit ihrem Stellvertreter Nikolaus Walther. Der im Gegensatz zu Scriba politisch bestens vernetzte Münchner Unternehmer ist inzwischen ihr Nachfolger. Scriba hat nach ihrer Absetzung durch den Stiftungsrat auf Wiedereinsetzung in ihr Ehrenamt geklagt. Der Prozess am Amtsgericht München endete ohne Urteil, was nun einen für alle Seiten gesichtswahrenden Abschied Scribas ermöglichen soll.Am Projekt Erkersreuth will man bei Kulturerbe Bayern ohnehin keine Zweifel aufkommen lassen. Seit einer Weile läuft die Sanierung des undicht gewordenen Dachs, zuletzt wurde ein Architekturbüro mit Planungen betraut. Huß schlägt den Mitgliedern des Vereins trotzdem vor, dass sie künftig mehr Stiftungsräte benennen sollen, die nicht aus Oberbayern kommen. Den Mitgliedern hat er seine Vorschläge nach eigenen Angaben nicht im Voraus unterbreiten können, weil er deren Adressen nicht erhalten habe.Bei der Versammlung am Samstag in München wird ohnehin nur ein kleiner Teil der insgesamt etwa 3000 Mitglieder erwartet. Denn dem Verein Kulturerbe Bayern sind auch viele Menschen von weit außerhalb des Freistaats beigetreten – gegen einen vergleichsweise geringen Mitgliedsbeitrag und mutmaßlich wegen einer Kooperationsvereinbarung, die freien oder ermäßigten Eintritt etwa in den Schlössern und Herrenhäusern des englischen National Trust bietet.