14 Frauen, 14 Gravelbikes und 40 Kilometer Strecke. Was für die einen nach hartem Programm klingt, ist für die Teilnehmerinnen beim Girlsride pure Freude. Das ist auch den Gründerinnen Ann-Kathrin Ernst und Angela Linzen am wichtigsten: „Hauptsache, ihr habt Spaß am Sport.“ An diesem Dienstagabend haben sich die Frauen vor der Wintersporthalle im Süden Frankfurts getroffen. Sie wollen die Strecke über Schotterpisten rund um den Frankfurter Flughafen gemeinsam zurücklegen. Alle sind ausgestattet mit einem Fahrradhelm, Hose, Trikot und genügend Wasser für die knapp drei Stunden Fahrt, die vor ihnen liegen.Doch bevor in die Pedale getreten wird, gibt es erst einmal die Sicherheitseinweisung. „Wir achten aufeinander, hier geht es um den Spaß am Sport, nicht um Ambitionen“, sagt Ernst. Sie mahnt: immer genügend Abstand zur Vorderfrau halten, Handzeichen beachten, Helm tragen.Handzeichen als RadfahrercodeBei den Handzeichen, die die Frauen während der Fahrt zeigen, handelt es sich um eine Art Code unter den Radfahrerinnen. Mit einer Hand schräg hinter dem Rücken links oder rechts zeigt man an, dass auf der jeweiligen Seite ein Hindernis kommt. Ein hochgestreckter Zeigefinger gilt als Anweisung, eine Einser-Reihe zu bilden, wenn der Weg enger wird. Das ist vor allem beim „Graveln“ der Fall, also beim Fahren auf Schotterpisten.Wichtig sei nur, potentielles Unwohlsein während der Fahrt klar und direkt zu kommunizieren, damit die Leitung schnell handeln könne, sagt Linzen. „Wer nicht klar kommuniziert, dem kann nicht geholfen werden“, fasst sie in ihrer pragmatischen Art zusammen. Ursprünglich haben sich die beiden Initiatorinnen des Girlsride 2012 beim Lauftraining für einen Triathlon kennengelernt. Während gemeinsamen Trainingseinheiten haben sie noch eine Gemeinsamkeit entdeckt: Sie hatten genug davon, sich immer wieder von Männern „plattfahren“ zu lassen.Die Idee für eine Radgruppe nur für Frauen kam 2018, die erste Tour folgte im September desselben Jahres. Linzen hat zuvor schon im Taunusgebiet und im Ausland Touren mit dem Mountainbike geführt. Trotz des Altersunterschieds der beiden Frauen von 25 Jahren – Ernst ist 35, Linzen 60 Jahre alt – haben sich die beiden auf Anhieb gut verstanden und gemeinsam das Projekt angestoßen. „Es hat einfach gut gepasst“, sagt Ernst. Bei Girlsride bieten sie Rennrad-, Gravel- und Mountainbike-Touren im Rhein-Main-Gebiet an.Gründerin vom Girlsride: Ann-Kathrin Ernst hatte 2018 die Idee für eine reine Frauen-Fahrradgruppe.Emil EichingerDie Frauen, die sich der Tour angeschlossen haben, schätzen es, sich keine Gedanken über die Streckenführung machen zu müssen. An diesem Abend leitet Linzen die Gruppe. Sie fährt vorweg. Ernst bildet das sogenannte „Schlusslicht“. Dabei achtet sie darauf, dass niemand den Anschluss verliert und behält so den Überblick über die Gruppe. Bei einer kurzen Pause dreht Linzen sich um und ruft ihr zu: „Ehrlich gesagt, habe ich die Route nur ganz grob im Kopf, ich fahre gerade einfach nach Gefühl.“ Ernst, die sich lieber von einem kleinen Bordcomputer leiten lässt, winkt nur ab. „Ich vertraue ihr da voll und ganz, mit Angela kommt man immer ans Ziel.“Als die Gruppe einen kurzen Stopp einlegt, um Wasser aufzufüllen, bleibt Zeit für einen kurzen Plausch. Trotz der gepolsterten Fahrradhose klagt eine Teilnehmerin eher scherzhaft über ihren schmerzenden Po. Linzen kennt die Probleme. Manche Sättel müsse man erst „einsitzen“, bevor es irgendwann gemütlicher werde, sagt sie. „Aber nicht jeder Poppes ist gleich – vielleicht brauchst du auch einfach einen anderen Sattel.“Solidarität unter Frauen ist spürbarDie Gruppe fällt auf. Eine Spaziergängerin ruft erstaunt vom Wegrand: „Das ist ja die Tour de Frauen!“ Die Rücksicht und Solidarität unter den Teilnehmerinnen sind spürbar. Als es einer nicht gut geht, fällt das Ernst direkt auf. Sie schließt zu ihr. Angelina, die zum ersten Mal dabei ist, gesteht etwas kleinlaut: „Mir ist übel von dem Riegel, den ich vorhin gegessen habe.“ Als könnte das alles erklären, fügt sie hinzu: „Bananenbrot-Geschmack.“ Ernst verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Gewagte Wahl. „Was kann die Gruppe tun, damit es dir besser geht?“, will sie wissen. Ob sie das Tempo vielleicht etwas drosseln sollen. Angelina stimmt zu – entschuldigt sich für die Umstände. Ernst unterbricht sie mitten im Satz: „Unser Motto ist: Wir fahren zusammen los und kommen zusammen an.“ Entschuldigen müsse sich niemand.Guide und Mitgründerin: Angela Linzen (links) hat früher selbst an Triathlons teilgenommen.Emil Eichinger„Man muss auf alles vorbereitet sein“, sagt Ernst. Es könne immer etwas passieren. Vor allem wenn jemand die erste richtige Tour fahre, sei das Risiko hoch, sich zu überschätzen. Sie erzählt von einem Vorfall, der erst wenige Wochen zurückliegt: „Eine Radfahrerin wurde von einem Autofahrer übersehen und angefahren.“ Zum Glück sei niemand ernsthaft verletzt worden, der Schreck aber saß tief, der Zusammenhalt sei groß gewesen. Die leicht verletzte Teilnehmerin sei bis zur Haustür begleitet worden, ihr Fahrrad habe eine andere Radfahrerin abgeholt, die in der Nähe des Unfallortes wohnt. „In solchen Situationen wird mir noch mal klar, warum wir das Ganze eigentlich machen“, meint Ernst.Die Fahrerinnen des Girlsride versammeln sich vor der Wintersporthalle zur Abfahrt der Gravelbike-Tour um den Frankfurter Flughafen. Fotografiert am 7.7.2026 in Frankfurt am Main.Emil EichingerZu den Samstagsausfahrten treffen sich die Frauen immer bei Fahrrad Böttgen, einem kleinen Fahrradladen im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Den Inhaber Jürgen Henss kennt Ernst schon länger. „Die sind unsere größten Supporter“, sagt sie über das Team im Laden und der Werkstatt. Die Frauen durften sogar einen Kühlschrank in dem Laden deponieren. Darin lagern kalte Getränke und Eis, um nach der gemeinsamen Ausfahrt noch ein bisschen zusammensitzen zu können.„Wir als Frauen sind auf die Community angewiesen. Lange haben sich in diesem Sport hauptsächlich Männer zusammengeschlossen. Es gab keine weiblichen Vorbilder“, sagt Ernst. Für sie zähle vor allem der Gemeinschaftsgedanke und „dass Frauen miteinander connecten“, wie sie sagt. Welche Cremes helfen am besten gegen wunde Stellen unter der Fahrradhose? Welche Brille passt zu mir? Ernst ist überzeugt davon, dass „all diese Fragen gemeinsam leichter zu beantworten sind“.Noch stemmten Ernst und Linzen die Organisation und auch die Finanzierung allein. Die Teilnahme am Girlsride ist kostenlos, lediglich um eine Anmeldung über die Plattform Grouprides wird erbeten. Unter der Woche – die Touren finden in regelmäßigen Abständen dienstags oder donnerstags statt – fahren um die 15 Frauen mit, begleitet von zwei Guides. Samstags können 21 Frauen teilnehmen, dann unterstützen drei Guides die Ausfahrt.An diesem Abend endet die Ausfahrt bei der Eisdiele Pallina Gelato – eine gute Tourenplanung ist alles. Himbeer-Minze, Mango und dunkle Schokolade – Eis ist genau das, was sie jetzt brauchen. Die Gesichter der Sportlerinnen sind vom Staub verkrustet, die Beine und Arme mit einer gräulichen Schicht überzogen, aber sie strahlen. Wie sich die Frauen nach der gemeinsamen Zeit im Sattel fühlen? Als wäre es ein einziges Wort, antwortet eine Teilnehmerin: „Zufriedenmüde.“