Nicht in Parma und nicht in Mailand, sondern nördlich der Alpen liegt ein Verdi-Zentrum, das sich seit mehr als zehn Jahren schon um die vermutlich erste chronologische Aufführung aller frühen Opern Giuseppe Verdis kümmert. Nach „Attila“ im vergangenen Jahr ist bei den Opernfestspielen Heidenheim nun „Macbeth“ an der Reihe. Im Sinne der Aufführungschronologie wird nicht die übliche Pariser Fassung von 1865 gespielt, sondern die 1847 fertiggestellte Urfassung. Die Nähe zum Belcanto des frühen 19. Jahrhunderts tritt hier noch stärker zutage – mehr Piccoloflöte, mehr um-ta-ta, weniger Abgründigkeit.Auch auf die bekannteste Arie des Werks „La luce langue“ wartet man vergeblich; statt der finsteren Seelenschau schrieb Verdi der Lady Macbeth 1847 noch eine verkünstelte Triumpharie. Leah Gordon verleiht den hämisch angespitzten Koloraturen expressive Tiefe, ohne an Präzision zu verlieren – die Übereinstimmung mit der colla parte geführten Holzbläsergruppe bezeugt es. Hier, wie auch in ihrer Schlafwandelszene, führt sie mit ihrem beeindruckend wandelbaren Sopran eindrücklich vor, welch tiefe Charakterzeichnungen sich solchen Ziergesangspartien abringen lassen.Taschentuchfalle: Marian Pop als Jago und Adam Sánchez (rechts) als Cassio in „Otello“Oliver VogelDamit übertrumpft sie gerade im musikalischen Aufeinandertreffen ihren Bühnengatten, den Thomas Weinhappel zwar spielerisch eindrücklich zeichnet, aber auch mit übermäßigem Vibrato und einer schwächelnden Tiefe ausstattet. Andreas Baeslers Regie fällt indes vor allem durch Beliebigkeit auf. Die windgepeitschte Finsternis Schottlands ersetzt er durch das raue Klima an einem Theaterhaus. Es ist der alte Meta-Griff, weil man sich von Hermelinpelz und Krone nicht lösen kann und sich den Vorwurf der Altbackenheit nicht gefallen lassen will.Bei Baesler ist der Schottenkönig ein Sänger, der in seiner Karriere-Gier von den Hexen angestachelt wird. Die werden zu intriganten Bühnenarbeiterinnen, die auch mal augenzwinkernd mit Besen ausgestattet ihr Unwesen treiben. Sie, wie auch das Volk, werden von den Mitgliedern des Philharmonischen Chors Brünn verkörpert, der sich in Heidenheim als Residenzchor etabliert hat und vom Publikum für seinen fein abgestimmten Gesamtklang stets mit besonderem Lob geehrt wird.Verhängnisvolle Einflüsterungen: Jago (Marian Pop, links) manipuliert Otello (Sung Kyu Park).Oliver VogelÜberhaupt ist Heidenheim ein Ort der Wiederkehrer; viele der Solisten kennt das Publikum seit Jahren, und die Musiker des Festspielorchesters Cappella Aquileia hat der Intendant und Chefdirigent Marcus Bosch teils sogar noch aus seinen Zeiten beim Landesjugendsinfonieorchester rekrutiert. Boschs Beständigkeit und der weitsichtigen künstlerischen Planung ist es zu verdanken, dass die Stadt auf der schwäbischen Ostalb überregional nicht mehr nur mit wechselhaftem Fußball assoziiert wird; und dass zum Premierenabend des „Macbeth“ sogar Ministerpräsident Cem Özdemir den Festspielen die Ehre erweist, ist Zeugnis seiner kulturpolitischen Bemühungen. Schließlich bietet im näheren Umland nur Ulm ein Opernhaus mit regulärem Betrieb.Böse Jungs in NetzstrumpfhosenMit dem 1887 uraufgeführten „Otello“ hat man sich dieses Jahr noch einen Kassenschlager auf die Bühne geholt und damit eine Gegenüberstellung von Verdis Belcanto-Frühwerk und seinem wagneresken Altersstil begonnen. In der Inszenierung von Rosetta Cucchi, der Intendantin der Wexford Festival Opera, ist Otello Kopf der „San Marco Gang“, die so aussieht, wie sich eine Opernintendantin die „bösen Jungs“ eben vorstellt: in schwarzer Lederkluft, Netzstrumpfhosen und Klebetattoos geben sie sich bei Besäufnissen Stampf-und-Klatsch-Choreographien hin, die an Bewegungsworkshops erinnern. Wie bei Baesler fällt das in die Kategorie „kann man so machen“, enttäuscht aber durch seine Harmlosigkeit.Musikalisch hingegen bereitet der Abend viel Freude; Marian Pop wertet den Jago mit seinem schneidenden bis samtig-einlullenden Bariton zur dritten Hauptfigur auf, und den heldentenoral strahlenden Cassio von Adam Sánchez kann man sich bald in der Titelrolle vorstellen. Noch wird die aber von Sung Kyu Park gesungen, der Otello mit italienischer Stimmführung zeichnet – stark in der Höhe, mit durchdringendem Edelton, doch auch mit teils mangelnder Technik, die er durch Kraft wettzumachen versucht. Als Desdemona erreicht Camille Schnoor mit dem musikalischen Höhepunkt im Weidenlied und dem Ave-Maria auch den vollen stimmlichen Glanz ihres hell-silbrigen Soprans.Indes merkt man den Stuttgarter Philharmonikern bei ihrem ausgewogenen Zusammenspiel und der Klangbalance gegenüber der Cappella ein höheres Maß der Vertrautheit an; bei Boschs Dirigat tritt allerdings auch hier jene voranpreschend-mechanische Präzision zutage, die schon im Sinfoniekonzert aufgefallen war. Da ritt durch das Hirtenidyll in Ludwig van Beethovens „Pastorale“ ein stahlgepanzertes Kavallerieregiment, hier nun marschiert Boschs Dirigat über die Vielschichtigkeit des „Otello“ ein wenig hinweg, als wolle er den Vorwurf klischeehafter italianità entkräften. Ein flexibleres Dirigat hätte einige Ensembleszenen genauer abgestimmt, eine Tempodrosselung lyrische Momente wie Desdemonas Huldigungschor oder ihr „Dio ti giocondi“ gebührend aufblühen lassen.Wer damit wirbt, „in einem Atemzug mit wichtigen Sommerfestivals wie Aix-en-Provence oder Glyndebourne“ genannt zu werden, muss sich auch mit solchen vergleichen lassen – ein Anspruch, mit dem man sich, jedenfalls noch, keinen Gefallen tut. Zu deutlich treten Unterschiede in den künstlerischen Ansprüchen, gerade im szenischen Bereich, zutage. Dabei braucht es solche Kraftmeierei gar nicht, denn am Zuspruch des treuen Publikums zeigt sich, dass gerade diese Art, Oper zu machen, hier funktioniert.Marcus Bosch, künstlerischer Leiter der Opernfestspiele HeidenheimdpaDeshalb zu behaupten, das Heidenheimer Publikum sei weniger anspruchsvoll, griffe aber zu kurz, denn dann gäbe es die Serie der frühen Verdi-Opern nicht, und auch eine Perkussionsekstase wie Péter Eötvös’ „Speaking Drums“ würde keine Jubelstürme entfachen. Wer hier die Silben und Tonformungen fremder Sprachen nur aufsagt, kann das Werk schnell zur Fremdscham-Belastungsprobe machen. Wer sich aber wie Alexej Gerassimez mit Haut und Haaren in die Urschreie und den Rhythmusexzess hineinschmeißt, erntet schon nach dem Kesselpaukensolo der „Nonsense Songs“ ein verblüfftes Lob in breitestem Schwäbisch: „Isch der cool! Mei lieber Mann!“