Kurz vor dem Tod scheint die Demenz überwunden, und Betroffene werden geistig klar: wie es dazu kommen kannFachleute sprechen von terminaler Luzidität, wenn Demenzkranke ihre Angehörigen plötzlich wieder erkennen. Solche Fälle werden seit Jahrhunderten beschrieben. Was darüber bekannt ist.Adrian Ritter22.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Meine Mutter war schwer dement, als sie mit 85 Jahren starb. Sie hatte sich nicht mehr klar ausdrücken können. In den zwei Tagen vor ihrem Tod allerdings gab es Momente, in denen sie klar mit mir redete. Wie ist das möglich? Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Es scheint wie ein Wunder: Sterbende, die an einer Demenzerkrankung oder ähnlich schweren neurologischen Störungen leiden und kurz vor dem Tod kognitiv plötzlich wieder klar sind. Und das, obwohl solche Krankheiten mit Nervenschädigungen einhergehen, die als irreversibel gelten.Dieses Phänomen der geistigen Klarheit kurz vor dem Tod erleben Menschen schon lange. Es ist bereits in früheren Jahrhunderten beschrieben worden. Die Forschung hat ihm aber erst in jüngster Zeit mehr Beachtung geschenkt – und auch einen Fachbegriff dafür geschaffen: terminale Luzidität, frei übersetzt: Geistesklarheit am Lebensende. Vor allem der Psychologe Alexander Batthyany, Leiter des Viktor-Frankl-Forschungsinstituts in Budapest, beschäftigt sich damit. Immer wieder hörte er ähnliche Fallberichte terminaler Luzidität von Angehörigen Sterbender und begann, das Phänomen systematisch zu erforschen.In seinem Buch «Das Licht der letzten Tage» legt er eine Auswertung von mehreren hundert seiner detailliert beschriebenen und analysierten Fälle vor. Dazu gehört der Bericht einer Enkelin. Sie erzählt vom letzten Tag vor dem Tod ihrer an Alzheimer erkrankten Grossmutter. Bereits ein Jahr lang erkannte diese ihre Angehörigen nicht mehr und hatte zu sprechen aufgehört. Beim letzten Besuch der Familie zeigte sie plötzlich ein komplett anderes Verhalten.In den Worten der Enkelin war der Schleier der Abwesenheit in ihren Augen einem «Ausdruck strahlender Vitalität» gewichen. Die Grossmutter sprach jede der anwesenden Personen mit Namen an und sagte, sie sei froh, «wieder da zu sein». Nach einer halben Stunde in dieser Klarheit schlief sie ein – am nächsten Tag erhielt die Familie die Nachricht von ihrem Tod.Zwischen Durst und letzten AnliegenDas Beispiel zeigt gemäss Batthyany einige typische Befunde seiner Auswertung: Die geistige Klarheit tritt meist kurz vor dem Tod auf und dauert zwischen zehn Minuten und mehreren Stunden. Dabei stellten die Forschenden verschiedene Formen fest. In fast 80 Prozent der Fälle waren die Betroffenen zu klarer, kohärenter Kommunikation fähig. Batthyany spricht von einer vollständigen Wiederherstellung des Erinnerungs- und Kommunikationsvermögens.In selteneren Fällen waren die Personen zwar klar und präsent, aber ihre Kommunikation für die Anwesenden nicht nachvollziehbar. In einigen wenigen Fällen beschränkte sich die Kommunikation auf nonverbale Formen wie Gesten und Blicke.Falls die Betroffenen sprachen, ging es vor allem um folgende Inhalte: Erinnerungen an das eigene Leben, das Wissen um den bevorstehenden Tod, letzte Anliegen und körperliche Bedürfnisse wie Durst. Wodurch eine luzide Phase ausgelöst wird, lässt sich gemäss Batthyany aufgrund der bisherigen Forschung nicht sagen.Newsletter «Wohl & Sein»: Die Wissenschaftsredaktion beantwortet Fragen zu Psychologie und Gesundheit. Jeden Donnerstag neu.Jetzt abonnierenEine letzte UmorganisationAngehörige sprechen gemäss seinem Buch zum Teil von einem «letzten Sich-Aufbäumen» vor dem Tod. Wie dies möglich ist, dazu gibt es bis anhin nur Hypothesen. Eine Gruppe von Forschern, mehrheitlich aus den USA, fasste diese in einer Studie zusammen. Dass es sich um Nervenzellen handle, die sich trotz der Demenzerkrankung erholten, sei unwahrscheinlich.Eher sei es so, dass neuronale Signalwege oder Netzwerke sich kurzfristig neu organisierten. Dies könnte mit einem Anstieg von elektrischer Aktivität oder der Ausschüttung von Neurotransmittern zu tun haben – ausgelöst allenfalls von einem Sauerstoffmangel im sterbenden Gehirn. Zudem könnten physiologische Faktoren am Lebensende wie ein Abfall des Blutdrucks mitspielen, die sich ebenfalls auf das Nervensystem auswirkten.Noch gibt es nur wenig Forschung zu terminaler Luzidität. Das hat auch damit zu tun, dass solche Situationen unerwartet auftreten. Möglich ist zudem, dass geistesklare Episoden unbemerkt bleiben, weil sie niemand miterlebt.Verwirrende ErfahrungBei Angehörigen kann das unerwartete Geschehen zu grosser Verwirrung führen: Ist die Demenz verschwunden? Sind die Betroffenen auf dem Weg der Besserung? Umso gravierender kann es sein, kurz nach einem Moment der geistigen Klarheit den Tod der betreffenden Person miterleben oder erfahren zu müssen. Batthyany ist es denn auch wichtig, die Relationen zu betonen: Terminale Luzidität sei ein eher seltenes Geschehen. Er nennt eine Studie, in der von 6 Prozent der Sterbenden die Rede ist, die solches erleben. Andere Studien nennen zum Teil deutlich höhere Anteile.Als Angehörige dürfe man nicht zu grosse Hoffnungen haben, dass Demenzkranke terminale Luzidität erlebten, schreibt Batthyany. Für ihn wirft das wundersame Geschehen am Lebensende nicht nur medizinische, sondern auch psychologisch-philosophische Fragen auf: Gibt es einen Wesenskern des Menschen, der auch bei Krankheit und an der Schwelle zum Tod unversehrt bleiben kann? «Noch haben wir weit mehr Fragen als Antworten», schreibt er dazu in seinem Buch.Sie haben auch eine Frage rund um Gesundheit oder Ernährung? Schreiben Sie uns an [email protected].Passend zum Artikel
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Fachleute sprechen von terminaler Luzidität, wenn Demenzkranke ihre Angehörigen plötzlich wieder erkennen. Solche Fälle werden seit Jahrhunderten beschrieben. Was darüber bekannt ist.









