Spanien ist die unantastbare Supermacht des Weltfussballs – und ein Ende der Dominanz ist kaum absehbarNie wurde eine Auswahl so souverän Weltmeister, nie hielt ein Land so viele Titel gleichzeitig. Was macht Spanien besser als andere Fussballnationen?Florian Haupt, Barcelona22.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach 2010 ist Spanien im Weltfussball wieder das Mass der Dinge: Am Sonntagabend empfing Madrid seine WM-Helden.Pablo Blazquez Dominguez / GettyWas für ein Empfang. Rund zwei Millionen Menschen begleiteten am Sonntagabend die Spazierfahrt der neuen Fussballweltmeister in einem offenen Bus durch Madrid und die Siegesparty an der Plaza de Colón.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Ersatzstürmer Borja Iglesias brillierte als DJ, der spanische Nationaltrainer Luis de la Fuente sang das Lied «Quijote» von Julio Iglesias, und Ferran Torres, der einzige Torschütze im WM-Final gegen Argentinien, trug eine rote Maga-Kappe mit der Aufschrift «Make Spain great again». Ob aus Bewunderung für Donald Trump oder aus Spott, blieb offen.Das vom US-Präsidenten wegen politischer Differenzen wiederholt diffamierte Spanien hat sich in den vergangenen Wochen als unantastbare Supermacht des Fussballs erwiesen. Als erstes Land überhaupt ist es nun zugleich Weltmeister, Europameister und Olympiasieger.Mit 38 Spielen in Serie ohne Niederlage schreibt de la Fuentes Team dabei an einer Rekordserie, deren Ende kaum absehbar ist. Der Regierungschef Pedro Sánchez sagte beim Empfang des nunmehr zweimaligen Weltmeisters: «Warum nicht davon träumen, dass 2030 aller guten Dinge drei sind?»An der WM erhielt Spanien nur ein GegentorWenige Titel im Fussball sind so klar zu definieren wie die der spanischen Auswahl: Es sind Triumphe der «Spielidee», wie de la Fuente es nennt, wobei diese mal etwas riskanter, mal etwas sicherheitsorientierter interpretiert wird.Die EM 2024 gewann Spanien mit so vielen Toren wie zuvor noch keine Mannschaft, nämlich deren 15. Und an der WM 2026 erhielt die «Furia Roja» nur ein Gegentor – nie war eine Mannschaft defensiv solider. Mit der gleichen Spielweise gewann Spanien auch die Frauen-WM 2023. Nur in der Nations League der Männer 2025 sowie an der Frauen-EM im gleichen Jahr verpasste die Nation jüngst den Titel – und das erst im Penaltyschiessen.Wurde an der EM 2025 zur besten Spielerin des Turniers gewählt: die spanische Mittelfeldregisseurin Aitana Bonmatí.Jose Breton / ImagoDie einmalig breite Dominanz der spanischen Auswahlen geht auf die Epoche von Johan Cruyff als Trainer in Barcelona zwischen 1988 und 1996 zurück. Der einstige Stürmer aus Amsterdam vereinte die mediterrane Kreativität der Katalanen mit dem Wettkampfgeist hinzugekaufter Profis aus dem Baskenland und etablierte auf allen Klubebenen die Grundlagen der niederländischen Fussballphilosophie.Die Fusion war erfolgreich, attraktiv und erwies sich als ideal für die technischen und körperlichen Voraussetzungen spanischer Fussballer. Schon bald wurde sie auch beim spanischen Verband verbindlich für sämtliche Jugendteams.Mit diesem Pass-, Positions- und Pressingfussball feierte das zuvor jahrzehntelang erfolglose Spanien zwischen 2008 und 2012 ein Triple aus zwei EM-Titeln und der Weltmeisterschaft 2010. Die fussballerische Identität vereinte das Land und widerlegte das zuvor gängige Klischee, aufgrund der Zentrifugalkräfte im Königreich fehle es der «selección» am letzten Kitt, am Feuer des Nationalstolzes, an den weichen Faktoren.Heute hält die Auswahl dem politisch zerstrittenen Königreich als leuchtendes Vorbild für Mannschaftsgeist den Spiegel vor. Viele Spanier bringen von Natur aus Sozialkompetenz und Freude am Zusammensein mit – so gelingt der Auswahl jene Team-Harmonie, die andernorts schwerfällt, fast mühelos.Zumal die Spielphilosophie eben unumstritten ist. Von ihr wich der Verband selbst dann nicht ab, als das A-Nationalteam nach 2012 eine Phase des Misserfolgs durchmachte. Vielmehr engagierte er mit Luis Enrique (2018) und dem vormaligen Nachwuchs-Nationalcoach de la Fuente (2022) besonders starke Verfechter des spanischen Wegs. Die beiden Trainer revitalisierten einen Stil, der unberührt von den Turbulenzen an der Verbandsspitze blieb. Sieben (Interims-)Präsidenten sah Spaniens Fussball im letzten Jahrzehnt, etliche mussten von Gerichten abgesetzt werden, doch die Basis konnte das nicht erschüttern.Ein sauberer Spielaufbau, kollektives Denken und eine hohe Kompetitivität: Diese Tugenden werden schon bei Kindermannschaften in Stadtteilvereinen eingefordert; sie sind die Grundpfeiler des spanischen Erfolgs. Passen und bewegen, passen und bewegen, das System potenziert den Einzelnen: Jeder spanische Profi hat das verinnerlicht, seit er ansatzweise organisiert gegen den Ball tritt. Im Vergleich zu Gegnern, die weniger stilsicher sind, hat Spanien so fast immer die Spielkontrolle. Was schon mal eine ziemlich gute Grundlage ist.Zwischen 2008 und 2012 gewann Spanien zwei Mal die EM und einen Weltmeistertitel – hier jubeln der Captain Iker Casillas und sein Team 2008 mit dem EM-Pokal.Frank Augstein / APDas schlimmste Szenario für Spanien schien an dieser WM jeweils ein 0:0. So wie es die Kap Verdier im ersten Gruppenspiel errangen, die Portugiesen im Achtelfinal bis in die Nachspielzeit hielten und die Argentinier im Final bis in die Verlängerung hinein. Die Gegner konnten nur ertragen und erdulden. Eigene Torchancen hatten sie so gut wie keine.In der Expected-Goals-Statistik, die aus der Qualität der Chancen die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs berechnet, kamen Spaniens acht WM-Gegner zusammen auf einen Wert von 2,31 – oder 0,29 pro Spiel. Spanien selbst erreichte einen Wert von 15,28 insgesamt oder 1,91 pro Match. Souveräner kann man kaum Weltmeister werden.De la Fuentes Team steigert sich im TurnierverlaufWie von de la Fuente seit Turnierbeginn prognostiziert, steigerte sich sein Team dabei von Match zu Match. Was die nächste unbequeme Nachricht für die Rivalen ist: Spanien war an dieser WM zwar eine Mannschaft ohne Schwächen und im Vergleich zur EM 2024 defensiv sogar noch stärker und sicherer im Spielaufbau. Das hat viel mit dem 19-jährigen Innenverteidiger Pau Cubarsí zu tun, der vor zwei Jahren noch nicht zur Auswahl gehörte. Aber Spanien war eben auch ein Team, das über weite Strecken ohne seine besten Offensivspieler auskommen musste, die Flügelzange aus Lamine Yamal, 19, und Nico Williams, 24. Nach Verletzungen vor dem Turnier spielte Yamal gehemmter als üblich, Williams reichte es nur zu Kurzeinsätzen.Ein Ende der spanischen Dominanz ist nicht in Sicht – der Coach Luis de la Fuente (Bildmitte) ist der Baumeister des Erfolgs.Charlotte Wilson / Offside / GettyEs spricht also viel dafür, dass die spanische Ära weitergeht. Von den Schlüsselspielern befinden sich nur der Stratege Rodri, 30, sowie der Abwehrchef Aymeric Laporte, 32, bereits im fortgeschrittenen Fussballalter.Doch im WM-Final konnten sogar sie ausgewechselt werden, ohne dass das Spiel der Spanier darunter gelitten hätte. Vielmehr fiel danach der Siegtreffer. Das System fängt fast alles auf, das Vertrauen ist grenzenlos, und die nächste WM wird schon freudig erwartet: Sie findet zu grossen Teilen in Spanien statt.Passend zum Artikel