Spanien ist der logische Weltmeister – das Team vereint Klasse und GeschlossenheitDer neue Weltmeister lässt sich von Argentinien nicht provozieren. Jetzt gehört diese Mannschaft zu den grossen der Fussballgeschichte.20.07.2026, 04.16 Uhr6 LeseminutenSpaniens Ferran Torres feiert seinen Treffer zum 1:0 gegen Argentinien. Es sollte das einzige Tor in diesem Final bleiben.ReutersManche Bilder eines WM-Finales überdauern Jahrzehnte. Die Szene von 1990, als Franz Beckenbauer in Rom in Feldherrenpose über den Rasen schritt, gehört dazu. Allein, abseits der feiernden Mannschaft, die gerade Argentinien bezwungen hatte. Kontemplativ, ohne eine Spur von Triumphalismus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unmittelbar nach dem Schlusspfiff des Finals zwischen Argentinien und Spanien sass Lionel Messi abseits des Teams. Zurückgelehnt, die Hände rücklings auf den Rasen gestützt, fast so, als warte er auf das Elfmeterschiessen.Torres entscheidet den Match spätSo weit war es an diesem Nachmittag aber nicht gekommen, doch die Argentinier wirkten während 120 Minuten so, als sei es ihr einziges Ziel, ins Penaltyschiessen zu gelangen. Sehr spät besiegelte Ferran Torres die Niederlage des Titelverteidigers, der während 120 Minuten ohne echte Chance geblieben war – und dürfte bei all jenen für Erleichterung gesorgt haben, die Fussball nicht als destruktives Spektakel verstehen, das von Spielern betrieben wird, deren optische Anmutung einer Strassengang auch in der Spielästhetik ihre Entsprechung findet, mochte der geschlagene Messi auch für die sentimentalen Bilder des Abends sorgen.Dabei wirkte der Auftritt wie ein Déjà-vu, fast wie eine Blaupause des Finales von 1990. Auch damals hatte Argentinien mit 0:1 verloren, durch ein Tor von Andreas Brehme. Mindestens ebenso hart ging Argentinien seinerzeit zur Sache, auch damals gab es einen Platzverweis, wie heute die Gelb-Rote Karte gegen Enzo Fernández. Und auch damals konnte man rasch den Eindruck gewinnen, dass es von vornherein ausschliesslich darum ging, die Entscheidung im Elfmeterschiessen zu suchen. 1990 hiess das Genie Maradona, das die Deutschen nicht ins Spiel kommen liessen; der Torhüter hiess Sergio Goycochea, der zuvor zwei Shoot-outs entschieden hatte. Ein Spezialist von hohen Graden also, genauso wie Emiliano Martínez, der heutige Keeper, der den Spaniern gleich mehrmals die Führung verwehrte.Argentiniens Auftritt hatte etwas Gespenstisches. Es wirkte so, als könne das Team seiner Rolle partout nicht entfliehen. Wie vor 36 Jahren, als Maradona Argentinien in den Final führte, genügt es nicht, sich auf die Eingebung des diensthabenden Genies zu verlassen – erst recht nicht, wenn der Gegner dieses so konsequent aus dem Spiel nimmt, wie es die Spanier im Fall von Messi taten. Keinem anderen Gegner gelang dies zuvor, und als Trainer Luis de la Fuente danach gefragt wurde, sagte er: «Wir haben einen Matchplan erarbeitet» – und zählte fünf Namen auf, denen er dafür dankbar sei, die taktische Marschroute mit ausgearbeitet zu haben.Der neue Weltmeister hat seinen Weg zum Titel auf eine eindrückliche Weise beschritten. Denn wer diese Mannschaft des Trainers Luis de la Fuente betrachtet, erkennt die Ähnlichkeit mit ihren grossen Vorgänger-Teams – wobei die spanische Erfolgsgeschichte noch nicht so tief reicht wie die argentinische. Den ersten WM-Titel gewann sie 2010, zwei Jahre zuvor hatte sie mit dem Gewinn der Europameisterschaft eine 44 Jahre währende Durststrecke beendet.Die Wendung, wonach die Spanier wunderbare Fussballer seien, aber mit der Nationalmannschaft versagten, sobald ein grosses Turnier anstand, war mehr als nur eine Binse – bis Trainer Luis Aragonés das Team übernahm und den Kern jener Mannschaft formte, die den Weltfussball in den kommenden Jahren dominierte: Europameister 2008, Weltmeister 2010 unter Vicente del Bosque und erneut Europameister 2012. Getragen von einem Stil, der sich Tiki-Taka nannte und den Gegner partout nicht an den Ball kommen liess. Und der so für grosse Frustrationsmomente sorgte.Lionel Messi (l.) wurde von Spanien neutralisiert, aber auch Lamine Yamal hatte es schwer.Julio CortezSpanien liess sich nicht provozierenXavi, Andrés Iniesta, Sergio Busquets und Sergio Ramos waren die Stützen jenes Teams – Figuren, die in der Mannschaft von de la Fuente Wiedergänger gefunden haben. Denn auch sein Team beherrscht das Kombinationsspiel besser als die Konkurrenz – und versteht es zudem, die Härte des Gegners anzunehmen, ohne sie im selben Grad zu erwidern. Die Provokationen der Argentinier, die an dieser Weltmeisterschaft so häufig erfolgreich waren, liefen ins Leere, auch nach dem Schlusspfiff, als sich die Argentinier als schlechte Verlierer zeigten.Es braucht nur einen Blick auf Rodri, den Captain, der ohne Zweifel der Leader dieser Mannschaft ist, aber auf eine ganz spezielle Art. Kein Mann der lauten Töne, im Gespräch mit dem Schiedsrichter wirkt er genauso diskret, wie es sein Spiel ist. De la Fuente attestierte ihm nach dem Final, «der beste Spieler der Welt» zu sein.Auch die Aussenverteidiger Marc Cucurella und Pedro Porro sind Meister der Selbstbeherrschung, ebenso wie Pau Cubarsí, der Innenverteidiger vom FC Barcelona, dem die Argentinier immer wieder hart zusetzten. Nach dem Spiel durfte er sich über die Auszeichnung als bester Nachwuchsspieler des Turniers freuen, doch der Rolle eines Nachwuchsmannes ist er eigentlich längst entwachsen. Was Cubarsí konstant über dieses Turnier zeigte, genügte durchgängig Weltklasse-Massstäben – und trug so massgeblich zum Titelgewinn der Spanier bei.Ein Kollektiv seien sie, das hat es immer wieder über die Spanier geheissen. De la Fuente würde es nicht bestreiten, denn die Mannschaft ist geschlossen, diszipliniert und von einer Selbstlosigkeit, wie sie selten ist.Vor zwei Jahren, als die Spanier zur EM reisten, traute de la Fuente ihnen Grosses zu, schliesslich habe er „die besten Spieler der Welt". Damals wurde er zu Beginn des Turniers belächelt, nach dem Final nicht mehr. Gegen England standen die Gratulanten Schlange. Denn im Grunde hatte de la Fuente ja eine Wahrheit ausgesprochen, die aber oft übersehen wird: Sein Team ist durchgängig hochklassig besetzt.Olmo spielt eine herausragende RolleEs sind ja nicht nur Rodri und Cubarsí, es sind auch die fabelhaften Aussenverteidiger Cucurella und Porro. In vorderster Linie wirkt mit Lamine Yamal einer der Zauberkünstler des Gegenwartsfussballs. Seite an Seite mit ihm agierte Dani Olmo, der durchaus für sich beanspruchen könnte, die gegenwärtig vielleicht am meisten unterschätzte Offensivkraft des Weltfussballs zu sein. Es war kein Zufall, dass Olmo von den Argentiniern mit ungeheurer Härte angegangen wurde. Er war ihr gewachsen.Und doch war es ein hart erkämpfter Sieg im Final, für den die Spanier viel arbeiten mussten. Verwunderlich war das nicht, schliesslich hatte die Mannschaft ihre beste Turnierleistung schon hinter sich; eine Steigerung nach dem 2:0 gegen die Franzosen war kaum möglich. Zumal Argentinien traditionell ein äusserst harter Finalgegner ist. Auch das deutsche Team errang 2014 seinen Sieg erst in der Verlängerung gegen die Argentinier.Aber es gehört eben auch zu einem Champion, die notwendige Geduld aufzubringen und auf den Augenblick zu warten, in dem sich das Spiel entscheiden lässt. Sich weder von verbalen Provokationen und harten Fouls irritieren zu lassen, noch von vergebenen eigenen Torchancen, zeichnet eine grosse Mannschaft aus. Und insofern ist es nur folgerichtig, dass de la Fuente nach dem Halbfinal gegen Frankreich sagte: Man habe damals gegen eine der besten Mannschaften der Welt gespielt, aber Spanien sei «das beste Team der Welt.»Eine solche Aussage schafft eine enorme Fallhöhe. Ein Trainer muss sich seiner Sache äusserst sicher sein – oder sie als Stilmittel einsetzen, um seine Mannschaft zu motivieren. Die schwarze Pädagogik eines Trainers wie Didier Deschamps, der es fertigbrachte, den Veteranen N'Golo Kanté kein einziges Mal einzusetzen, ist ihm jedenfalls fremd.Es ist nicht falsch, dieses Team schon jetzt zu den Grossen der Geschichte dieses Wettbewerbs zu zählen. Weniger ist dabei eine Gala wie gegen die Franzosen der Gradmesser als die Art und Weise, wie die Spanier mit Widrigkeiten umgehen. Sie zeigen eine geradezu mustergültige Wettkampfmentalität, ohne sich in martialische Posen zu werfen: Gegen Kap Verde mit 0:0 ins Turnier zu starten, nährte Zweifel an ihrer Favoritenrolle – doch ein solcher Verlauf ist alles andere als untypisch für Champions, wie auch ihre Vorgänger zeigten. Die Weltmeister von 2010 unterlagen ebenso in ihrem ersten Spiel der Schweiz. Selten wurde mehr als ein Treffer pro Spiel erzielt, dafür erwies sich die Defensive als nahezu unüberwindlich. Ihre Signatur ist, damals wie heute, der planvolle Zwang.De la Fuente weiss, was er tutDiese Mannschaft ist ausgereifter und abgeklärter als vor zwei Jahren beim Gewinn der Europameisterschaft. Als de la Fuente darauf angesprochen wurde, was diesem Team noch zuzutrauen sei, war ihm anzumerken, dass ihm die Frage nicht sonderlich gefiel. Er sprach davon, wie bedeutsam Bodenständigkeit sei und wie nötig, einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Bei jemandem wie ihm klingt dies nicht nach einer Plattitüde. Er weiss schliesslich, wie man aus dem besten Team Europas das beste der Welt macht.Spanische Fans feiern im Zentrum von Madrid den Sieg ihres Teams gegen den Weltmeister von 2022, Argentinien.Bernat ArmanguePassend zum Artikel
Fussball-WM: Spanien ist der logische Weltmeister
Der neue Weltmeister lässt sich von Argentinien nicht provozieren. Jetzt gehört diese Mannschaft zu den grossen der Fussballgeschichte.












