Spanien ist der verdiente, logische Weltmeister – der argentinische Minimalismus wird in einem denkwürdigen WM-Final spät bestraftSpanien ringt den Titelhalter Argentinien in New Jersey mit 1:0 nach Verlängerung nieder. Die Südamerikaner bringen in 120 Minuten keinen einzigen Schuss aufs Tor zustande.20.07.2026, 00.27 Uhr4 LeseminutenAktualisiertSpäte Erlösung: Ferran Torres (rechts) schiesst den Europameister zum verdienten Sieg.Mike Segar / ReutersDer WM-Final ist die grösste, wichtigste, erhabenste Bühne des Weltsports. Und zwar völlig ohne flankierende Massnahmen. Das macht die Entscheidung der Fifa noch ein bisschen erstaunlicher, der Partie eine Staffage beizufügen, als stünde der Super Bowl auf dem Programm – groteske und überlange «Halbzeitshow» inklusive. 15 Minuten darf eine Halbzeitpause im Fussball dauern, doch im wichtigsten Spiel des Jahres waren es 27. Was kümmern die Fifa schon Regeln, und seien es die eigenen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die einstigen brasilianischen Ausnahmespieler Ronaldo und Ronaldinho liessen sich neben der Pop-Sängerin Madonna ins Stadion chauffieren, warum auch immer. Ronaldinho, 46, hat kürzlich sein Comeback beim italienischen Drittligisten Ravenna verkündet.Negativer Höhepunkt war vor dem Anpfiff allerdings eine Rede von Tom Cruise, einer Hollywood-Grösse ohne Bezug zum Fussball. Einem Mitglied der Sekte Scientology, das öffentlich einst sagte, seiner Ansicht nach solle die Psychologie verboten werden. Das ist offenbar die Art von Prominenz, welche in den Augen der Fifa zur Weltöffentlichkeit sprechen soll. Der Fussball sorge dafür, dass aus Fremden Freunde würden, das war die bahnbrechende Botschaft des 64-Jährigen, der sich auf Promo-Tour für einen neuen Film befindet.Wobei nicht undenkbar ist, dass Cruise in seiner Rolle des rücksichtslosen, gierigen Agenten Jerry Maguire von 1996 etwas Inspirierendes für manche Fifa-Funktionäre hatte. Ihr aufopferndes Bestreben, jeden nur irgendwie möglichen Dollar Profit aus der WM herauszuziehen, lebte Maguire schon vor 30 Jahren vor.11,2 Millionen Dollar für den FinalrasenMit dem Bundesstaat New Jersey lag der Weltverband in den letzten Tagen zudem im Clinch über die Verwendung des Finalrasens. Er wurde durch Steuergeld finanziert, die Fifa verkauft ihn auf ihrer Website aber in kleinen Stückchen; das Umsatzvolumen liegt bei 11,2 Millionen Dollar, was für allerlei Empörung sorgte.Argentinien gegen Spanien war am Sonntag gemäss der «New York Times» zudem die teuerste Sportveranstaltung in der Geschichte der USA, was etwas heissen will, weil sich die grossen Profiligen dort seit Jahren zunehmend von der Idee verabschieden, Volkssport zu bieten. Alleine die von der Fifa aufgerufenen Eintrittspreise in der Kategorie 1 lagen bei 10 990 Dollar. Beim Finalspiel von 1994 in den USA hatte das teuerste Ticket noch 475 Dollar gekostet. Inflationsbereinigt sind das heute knapp 1074 Dollar.Die knapp 80 000 Zuschauer, die es ins Stadion schafften, sahen eine Partie wie ein Kontrast zum Klamaukprogramm des Vorabends, als das Duell um Platz 3 zwischen Frankreich und England (4:6) in Miami 10 Tore zutage gefördert hatte. Beim Eishockey-Schauturnier Spengler-Cup wird mit mehr Sorgfalt agiert.Im Met-Life-Stadium war die Ernsthaftigkeit zurück. Der favorisierte Europameister Spanien war das deutlich aktivere, beschwingtere, bessere Kollektiv. Das war zu erwarten: Die Spanier hatten sich deutlich souveräner für den Final qualifiziert und zuletzt auch Frankreich keine Chance gelassen. Einen einzigen Gegentreffer hatten die Spanier in sieben WM-Partien kassiert: Einzig der bei Atalanta engagierte belgische Mittelfeldakteur Charles de Ketelaere hatte es geschafft, den Torhüter Unai Simón zu überwinden.Null Torschüsse für Argentinien in 120 MinutenArgentinien derweil mogelte sich durch und siegte gegen die Kapverden und die Schweiz erst nach Verlängerung. Gegen Ägypten (3:2 im Achtelfinal) und England (2:1 im Halbfinal) gewann das Team um den Superstar Lionel Messi dank Treffern in der Nachspielzeit.Gegen Spanien beschränkte sich der Titelhalter lange darauf, die Räume zuzustellen: Die Südamerikaner erspielten sich in der regulären Spielzeit null Schüsse aufs Tor und generell null Offensivaktionen. Ihr Expected-Goals-Wert lag nach 105 Minuten immer noch bei 0,00, was fast nicht menschenmöglich ist. Sie verweigerten so konsequent jegliche Angriffsbemühung, dass es niemanden mehr überrascht hätte, wenn plötzlich eine Reinkarnation von Kurt Felix mit triumphierendem Lachen auf den Platz gesprungen wäre, um die Performance als «Versteckte Kamera»-Aktion aufzulösen.Mit etwas Wohlwollen lässt sich festhalten, dass die Taktik Argentiniens an dieser WM an das Jagdverhalten einer grünen Python erinnerte: Sie kann tagelang regungslos auf Beute warten. Es hätte eine Parabel auf diese WM sein können, wären die Argentinier für diesen radikalen Ergebnisfussball und ihren unverfrorenen Minimalismus mit dem Titel belohnt worden. Aber sie schwächten sich selbst entscheidend: In der Nachspielzeit flog Enzo Fernández für ein grobes Foulspiel mit Gelb-Rot vom Platz. Der Offensivspieler des FC Chelsea hatte schon zuvor zwei Mal Glück gehabt, nicht die zweite Verwarnung zu kassieren: Nach seiner ersten Karte hatte er hämisch applaudiert, kurz darauf verhinderte er die Ausführung eines Freistosses.Der Torhüter Emiliano Martínez rettete sein Team in die Verlängerung, es gab dort weiter Einbahnstrassenfussball zu sehen; die Argentinier verteidigten teilweise mit neun Mann, weil Messi wenig Laufbereitschaft zeigte. Die Entscheidung fiel in der 106. Minute: Der eingewechselte Ferran Torres vom FC Barcelona traf auf Vorarbeit von Nico Williams zur überfälligen Führung. Es war der 12. spanische Schuss aufs Tor. Gegenüber null für Argentinien. Vermutlich war in einem WM-Final kaum je eine Dominanz erdrückender.Spanien war der logische, der verdiente Champion. Nicht nur am Sonntag, sondern über das ganze Turnier gesehen. Auf den bescheidenen, gemächlichen Auftakt mit einem 0:0 gegen die Kapverden reagierte der seit 37 Partien ungeschlagene Europameister mit starken Darbietungen. Und sicherte sich nach 2010 den zweiten Weltmeistertitel der Geschichte.Passend zum Artikel
WM 2026: Spanien ist Weltmeister – 1:0 gegen Argentinien
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