KommentarMit seinem Kabinett sendet Andy Burnham die richtigen Signale – jetzt muss er liefernDer neue britische Premierminister holt Realpolitiker statt Ideologen in seine Regierung. Doch Burnhams Spielraum für Reformen ist eng. Statt sich selbst als «letzte Chance» für das Land darzustellen, sollte er nun Lösungen erarbeiten.22.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAm Dienstag hat Andy Burnham seine erste Kabinettssitzung als neuer britischer Premierminister geleitet.Eddie Mulholland / ReutersSeit ihrem grossen Triumph bei den Wahlen von 2024 hat man die britische Labour-Partei nie mehr so euphorisiert gesehen wie am Montag: Nach zwei enttäuschenden Jahren unter dem glücklosen Keir Starmer hat Labour mit Andy Burnham wieder einen Hoffnungsträger in der Downing Street Nummer 10, der die Partei in eine goldene Zukunft führen soll. Der neue Premierminister verspricht nicht weniger als die «grössten Veränderungen seit vierzig Jahren».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Burnham hat nicht nur von seiner Partei, sondern auch von der Bevölkerung einen ordentlichen Vertrauensvorschuss erhalten. In jüngsten Umfragen hat Labour um fünf Prozentpunkte zugelegt und liegt nun gleichauf mit der rechtspopulistischen Partei Reform UK von Nigel Farage, die zuletzt abgesackt ist. Aus Sicht von Labour darf es so weitergehen.Doch die Erfahrung zeigt, dass die Beliebtheit eines Politikers rasch verpufft, sobald seine hehren Versprechen mit der harten politischen Realität kollidieren. Burnham übernimmt die gleichen Probleme, an denen schon viele seiner Vorgänger gescheitert sind: eine knappe Staatskasse, eine schwächelnde Wirtschaft, ein überlastetes Gesundheitssystem, steigende Lebenskosten und wuchernde Sozialausgaben.All diese Probleme will Burnham angehen. Die Frage ist nur, ob er das auch kann.Anleihemärkte beruhigtMit der Bildung seines Kabinetts hat der Premierminister durchaus ermutigende Signale ausgesendet. Die Personalentscheide zeigen, dass Burnham nicht auf linke Ideologen setzt, sondern auf erfahrene Politiker, die realpolitisch und pragmatisch denken. Das gilt insbesondere für John Healey, der als Schatzkanzler den vielleicht wichtigsten Posten übernimmt. Seine Ernennung beruhigt nicht nur die Anleihemärkte, sondern erfreut auch die Rüstungsfirmen.Erst vor fünf Wochen war Healey als Verteidigungsminister aus der Regierung von Keir Starmer zurückgetreten, weil die damalige Schatzkanzlerin Rachel Reeves seinen Plan zur Erhöhung der Rüstungsausgaben blockierte. Healey hingegen versteht nicht nur die verteidigungspolitischen Notwendigkeiten, sondern teilt auch Burnhams Ziel, die darbende britische Industrie wieder anzukurbeln.John Healey übernimmt das wichtige Amt des Schatzkanzlers. Er wird viel Geld auftreiben müssen.TOLGA AKMEN / EPAIn manchen Dossiers setzt Burnham hingegen sinnvollerweise auf Kontinuität: So bleibt Pat McFadden Minister für Arbeit und Renten. Er gilt als einer, der gewillt ist, die Sozialausgaben zu senken. Shabana Mahmood darf derweil Innenministerin bleiben. Sie ist vor allem mit einer harten Linie in Fragen der Zuwanderung aufgefallen. Das stört zwar den linken Flügel von Labour. Aber Burnham weiss, dass die Migrationsfrage viele enttäuschte Wähler in die Arme von Reform UK getrieben hat.Burnham stolpert bereitsDoch so gross Burnhams Gestaltungswillen auch sein mag, so klein ist sein finanzieller Spielraum. Das zeigte sich exemplarisch am Dienstag, als der Premierminister verkündete, die Mehrwertsteuer auf der Stromrechnung abzuschaffen – eine Massnahme, die den Staat jährlich 850 Millionen Pfund kosten wird. Um das zu finanzieren, wird ein anderes Projekt gestrichen: die Einführung einer digitalen ID. Doch nun stellt sich heraus, dass die dafür vorgesehenen 1,8 Milliarden Pfund noch gar nicht gesichert waren. Das Geld gibt es wohl nicht.Anstatt mit überhasteten Massnahmen den schnellen Erfolg zu suchen, sollte die Regierung nun eine seriöse Strategie erarbeiten, wie Gelder freigemacht werden können. Das braucht Zeit und schmerzhafte Entscheidungen. Insbesondere der Wohlfahrtsstaat müsste Federn lassen.Burnham stellt sich gerne als «letzte Chance» für Grossbritannien dar. Damit spielt er natürlich auf den Aufstieg von Reform UK an. Doch die Aussage ist so wenig hilfreich wie Markus Söders Satz, dass die gegenwärtige deutsche Regierung die «letzte Patrone der Demokratie» sei. Mit solchen Mahnungen überzeugt man keine Wähler. Politiker werden an ihren Handlungen gemessen. Andy Burnham hat nun die Chance, es richtig zu machen.Passend zum Artikel
Burnham verspricht den Briten «Luft zum Atmen» - aber es gibt kaum Sauerstoff im Haushalt
Der neue britische Premierminister holt Realpolitiker statt Ideologen in seine Regierung. Doch Burnhams Spielraum für Reformen ist eng. Statt sich selbst als «letzte Chance» für das Land darzustellen, sollte er nun Lösungen erarbeiten.











