Von Wespen, Tigern und Donald Trumps Reden: T. C. Boyle widmet sich der Natur des Menschen – und seinen AbgründenIn seinem neuen Band «Das Ende ist nur ein Anfang» erweist sich der amerikanische Schriftsteller einmal mehr als Meister der kurzen Form. Meistens jedenfalls.Irene Binal22.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHochaktuelle Themen in geschickter Prosa: der amerikanische Autor T. C. Boyle.Jamieson FryPünktlich zum Sommerbeginn ist beim Münchner Hanser-Verlag ein neuer T. C. Boyle erschienen. Und da der amerikanische Autor im vergangenen Jahr mit «No Way Home» einen Roman vorgelegt hat, sind diesmal wieder Short Storys an der Reihe. Zwölf davon finden sich in dem Band, der mit rund 240 Seiten ungewöhnlich schmal ausgefallen ist – aber schliesslich zählt nicht der Umfang, sondern der Inhalt, und da läuft Boyle wieder einmal zur Hochform auf. Meistens jedenfalls.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Etwa wenn er den Klimawandel ironisch umdreht und von einem eiskalten Sommer erzählt, der einem Rentnerpaar zu schaffen macht: «Als es im April wärmer geworden war, hatten wir unsere Wintersachen weggepackt, aber dann war uns nichts übriggeblieben, als sie wieder hervorzuholen. Jetzt war es Juli, und ich sass in einer Daunenweste und mit bis über die Ohren gezogener Wollmütze am Küchentisch.» Das energieautarke Haus liefert mangels Sonnenschein keinen Strom mehr, die Frau des Erzählers bricht sich das Bein, weil sie statt mit dem Elektroauto mit dem Fahrrad fahren muss, und ein Einkauf im Supermarkt wird zum lebensgefährlichen Abenteuer. Dass letztlich menschliches Eingreifen hinter den Wetterkapriolen steckt, darf bei Boyle, dem grossen Kritiker unseres Umgangs mit der Natur, nicht verwundern.Erschreckend und komischUm die Natur geht es auch in der Geschichte eines Paares, das mit einem Kleinkind ausgerechnet am drittheissesten Tag des Jahres zu einer Canyon-Wanderung aufbricht. Oder in der Erzählung von einem menschenfressenden Tiger, der in einem indischen Dorf wütet (mit einem augenzwinkernden Verweis auf den schottisch-indischen Autor und Jäger Kenneth Anderson, der als früher Kämpfer für den Naturschutz gilt). Oder auch in der Story von einem Barbecue im Garten, bei dem viel über die Natur geredet wird, bis sie sich schliesslich manifestiert: «Die Natur ist für uns etwas, das wir im Fernsehen oder in unseren Vorstadtgärten sehen. Opossums und Ratten sind am einen Ende der Skala, Schmetterlinge und Hummeln am anderen. Und dann gibt es noch die Wespen . . .»T. C. Boyle arbeitet sich durch viele weitere Bereiche der menschlichen Existenz. Er erzählt von einem Autor, der unwissentlich das Coronavirus von einer Paris-Reise mitbringt – mit fatalen Folgen. Von einer Cellistin, die sich mit Edward Elgars Konzert herumschlägt und die Frage eines Mannes nach dem Weg besser unbeantwortet gelassen hätte. Von einem seltsamen Kind in einem von Rentnern bewohnten japanischen Dorf. Es geht um Fremdheit und Anderssein, um Gewalt und Liebe, um Hybris, Irrtum und die Schatten, die ein Dasein unvermittelt bedrohen können.Scharfsichtig sind die Geschichten, präzise gearbeitet, oft erschreckend und gleichzeitig komisch, wenn es um die «zukunftsorientierte Haltung eines Einundachtzigjährigen» geht, oder um eine republikanische Abgeordnete, die in einem Schutzgebiet für Schmetterlinge partout ein Tarnunternehmen für Kinderhandel sehen will. Und dann wird Boyle ganz explizit politisch, in einer boshaften Groteske, die im Jahr 2036 spielt.Grönland wurde von den USA «befriedet», vermeintliche Regierungskritiker landen auf schwarzen Listen, und Sträflinge müssen sämtliche Reden des Präsidenten auswendig lernen, was dem Protagonisten einige Mühe bereitet: «Was lernte ich durch das Lesen? Dass es praktisch nichts gab, an dem der Präsident nichts auszusetzen hatte, und dass der beklagenswerte Zustand der Nation und der ganzen Welt einzig und allein der Unfähigkeit der vorigen Regierung geschuldet war, auch wenn deren Regierungszeit so lang her war, dass sich niemand mehr daran erinnerte. Wenn die Sprache dieser Reden rudimentär und monoton war, so war das Absicht und spiegelte das Genie des Präsidenten wider, denn dieser verstand es, seine Pläne so darzulegen, dass selbst die schlichtesten Gemüter sie sogleich verstanden.» Es ist die wütendste Geschichte des Bandes, eine Geschichte, in der Boyle sich seinen Abscheu über die Trump-Regierung auf ebenso eloquente wie bittere Weise von der Seele schreibt.Verzeihliche MängelNicht alle Geschichten können freilich so überzeugen, und es ist schade, dass ausgerechnet die erste Erzählung mit dem Titel «Prinzessin» nicht unbedingt einen Höhepunkt in der Sammlung markiert. Die Geschichte einer Obdachlosen, die in ein Haus einsteigt und sich im Drogenrausch ins Bett der Teenagertochter legt, bevor sie eine Kinderleiche findet, aber es nicht wagt, die Polizei zu verständigen, hat etwas Zielloses, als hätte Boyle selbst nicht genau gewusst, worauf er eigentlich hinauswollte. Und auch eine Erzählung über ein spanisches Paar, das an einer Studie zu den gesundheitlichen Folgen streng reglementierten Alkoholgenusses teilnimmt, wirkt allzu belanglos und fast wie ein Fremdkörper in einem sonst fein komponierten Band. Aber es sind verzeihliche Mängel.Insgesamt weiss Boyle zu überzeugen mit seiner geschickten Prosa, mit seinen hochaktuellen Themen und mit seiner Fähigkeit, die Fassade des menschlichen Daseins aufzulösen und die Abgründe dahinter sichtbar zu machen. Seine Geschichten werfen Schlaglichter auf unsere Gegenwart, sezieren und analysieren sie und erinnern uns immer wieder daran, dass wir nichts weiter sind als ein Teil der Natur – jener Natur, die wir so stiefmütterlich behandeln.T. C. Boyle. Das Ende ist nur ein Anfang. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2026. 240 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel