In der Ukraine dauern die Proteste gegen die Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow an. Dabei richtet sich die Stimmung zunehmend gegen Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj. Der 60 Jahre alte Viersternegeneral führt seit Februar 2024 die Streitkräfte und reagierte nun mit einer Erklärung auf „Militarny UA“, der wohl bekanntesten, unabhängigen Militärnachrichtenseite der Ukraine. Er interessiere sich nicht für Medienarbeit, baue kein Image auf und habe keine politischen Ambitionen, schreibt Syrskyj. Doch in den vergangenen Tagen habe sich „eine ganze Mythologie über Konflikte und Sabotage um die Armee und den Generalstab entwickelt“. Deshalb melde er sich zu Wort.Trotz komplexer Probleme und unterschiedlicher Positionen habe er „unsere Beziehung als funktionierend wahrgenommen“, schreibt er über den Konflikt mit Fedorow und entschuldigt sich bei diesem: „Wenn ich dich beleidigt habe, Mychajlo Albertowitsch, tut es mir leid“, so Syrskyj. „Ich kann hart sein.“ Doch bitte er, das Persönliche hintanzustellen und sich auf das Einzige zu konzentrieren, was zähle, und das sei der Sieg. „Die Ukraine ist größer als Fedorow, Syrskyj und wir beide zusammen.“ Den Krieg auf die Konfrontation zwischen zwei Menschen zu reduzieren, „ist der größte Dienst, den wir dem Feind erweisen können“. Und doch ist seine Erklärung eine Abrechnung.Syrskyj: Eine Armee wird nicht über Whatsapp geführtSyrskyj besteht auf klarer Aufgabenteilung. Der Minister sei für Versorgung, Beschaffung und zivile Kontrolle der Armee zuständig, aber kein Kriegsstratege. „Das ist weder seine Aufgabe noch seine Verantwortung.“ Doch berührt es den Kern des Konflikts. Fedorow hatte in einer aufsehenerregenden Pressekonferenz Syrskyj beschuldigt, statt mit asymmetrischen Angriffen die Ukraine mit althergebrachter Kriegsführung gegen Russland zu verteidigen. Zudem bekannte sich Fedorow klar dazu, bei Präsident Wolodymyr Selenskyj die Ablösung Syrskyjs verlangt zu haben.Syrskyj entgegnet nun, dass Kriegsstrategie „kein öffentliches Dokument oder ein Beitrag in sozialen Netzwerken“ sei. Und er verspottet diejenigen, die ihm fehlende Visionen vorwerfen. Mit Visionen könne man ein Start-up aufbauen, aber für einen Krieg brauche man eine Strategie. „Die Vision malt die wünschenswerte Zukunft. Die Strategie beantwortet die Frage, wo man Reserven, Granaten, Menschen und Zeit für diese Zukunft herbekommt.“Geld für Drohnen statt für PersonalSyrskyj ist ein General alter Schule. Er ist gebürtiger Russe, ausgebildet noch in der Sowjetunion, und er prägt einen eisernen, autoritären Führungsstil. „Eine Million Mann starke Armee wird nicht über Whatsapp geführt“, stellt er nun klar. „Sie wird über das Hauptquartier, Befehle und die Verantwortung der Kommandeure vor Ort geleitet.“ Syrskyj ist geachtet für seine militärischen Leistungen, etwa bei der Verteidigung Kiews nach dem russischen Überfall 2022 sowie für die ukrainische Gegenoffensive, die zu einem weitgehenden Rückzug Russlands führte.Fedorow, gerade mal halb so alt wie Syrskyj, erkennt das ausdrücklich an. Doch er will Russland vor allem mit technologischer Innovation und datengetriebener Kriegsführung schlagen. Sein Ministerium soll deshalb Syrskyjs Bestellungen konventioneller Technik verzögert und Budgets in die Beschaffung von Drohnen umgeleitet haben. Drohnen seien heute ein unabdingbarer Teil der Verteidigung, schreibt auch Syrskyj. Doch ohne Artillerie, Mörser und Flugabwehr gehe es nicht. „Man muss schon alles kaufen, nicht nur das, was gerade im Trend ist.“ Das Risiko, den Kampf von heute auf morgen nur Drohnen zu überlassen, sei einfach zu groß.Ein Problem für SelenskyjSchließlich wirft Syrskyj Fedorow sehr direkt vor, ureigenste Aufgaben wie eine Reform der Mobilisierung nicht erledigt zu haben. „Ich warte auf sie, wie das ganze Land auf sie wartet.“ Die Personalgewinnung, vor allem die Zwangsrekrutierung von der Straße, wird in der Ukraine heftig kritisiert. Fedorow entgegnete, Syrskyj blockiere jede Reform. Syrskyj schreibt, auch Teile des Personalbudgets seien in Drohnen umgelenkt worden, weshalb Gehälter nicht gezahlt werden konnten. „Ich sage es offen: Das Gehalt eines Soldaten ist keine Reserve für die Umverteilung, sondern die Verpflichtung des Staates gegenüber den Menschen, die jeden Tag ihr Leben riskieren.“Präsident Selenskyj gab zu, dass der Konflikt zwischen Syrskyj und Fedorow die Streitkräfte lähmt. Er hätte gern beide Männer behalten, entschied sich aber für seinen Oberbefehlshaber. Doch auch der scheint nun vor der Ablösung zu stehen. Die Demonstranten in Kiew halten Schilder, auf denen etwa „Fedorow = mehr russische Tote / Syrskyj = mehr ukrainische Tote“ steht. Der General gilt vielen Ukrainern inzwischen als Personifizierung allen Übels, was auch für Selenskyj zum Problem wird. Denn anders als der Verteidigungsminister, den das Parlament auf seinen Vorschlag ernennt, wird der Oberbefehlshaber vom Präsidenten selbst ernannt und entlassen.Die Gesellschaft habe schlichtweg das Vertrauen in Syrskyj verloren, sagt Dmytro Kornijenko von der unabhängigen Analyseplattform Resurgam der F.A.Z. „Selenskyj hat hier einen schweren Fehler gemacht, den manche als einen der schwerwiegendsten Fehler während des Krieges ansehen.“ Die Entlassung Fedorows falle in eine Zeit, in der die Ukrainer mehr Hoffnung geschöpft hätten, dass Russland zu brechen beginne und so endlich Frieden möglich werde.„Deshalb reagieren die Ukrainer jetzt so scharf auf Selenskyjs Entscheidung“, sagt Kornijenko. „Ihr Vertrauen darauf, dass die politischen und militärischen Führungspersonen in der Lage sind, den Krieg zu einem akzeptablen Ende zu führen, ist erschüttert.“ Selenskyj selbst führt seit Tagen Gespräche mit zahlreichen Kommandeuren – offensichtlich auf der Suche nach einer Lösung für das Dilemma.