Es waren ungewohnte Töne, die da vom neuen ungarischen Ministerpräsidenten kamen. Es tue ihm leid, wenn „Kommunikationsfehler“ entstanden seien, verkündete Péter Magyar, der bislang weniger durch selbstkritische Reflexionen als durch seine unerbittlichen Angriffe auf den politischen Gegner aufgefallen war. „Die Verantwortung für die Fehler liegt ausschließlich bei mir.“Dieses Eingeständnis kam nur zwei Tage, nachdem der Tisza-Chef einen wichtigen symbolischen Sieg im Kampf gegen das Machtsystem seines Vorgängers Viktor Orbán errungen hatte. Staatspräsident Tamás Sulyok, der noch unter Orbán gewählt worden war und von Magyar als „Marionette“ des alten Regimes gegeißelt wurde, hatte am Samstag eine Verfassungsänderung unterzeichnet, die seine eigene Absetzung vollzog. Sulyok hatte zuvor ein Ultimatum Magyars zum freiwilligen Rücktritt verstreichen lassen. Deshalb griff die Parlamentsmehrheit zu dem rechtlich heiklen Schritt, einen speziell für Sulyok verfassten Zusatzartikel in der Verfassung zu verankern, laut dem die Amtszeit des Präsidenten mit Inkrafttreten dieser Bestimmung endet.Magyar gab seine Wunschkandidatin auf Facebook bekanntSulyok hätte den Machtkampf noch weitertreiben können, denn Gesetze treten erst durch die Unterschrift des Präsidenten in Kraft. Doch Magyar hatte bereits seinen nächsten Schritt angekündigt: Ein Amtsenthebungsverfahren, mit dessen Beginn die Kompetenzen des Präsidenten auf Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer von Magyars Tisza übergegangen wären.Nun muss das Parlament binnen 30 Tagen einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin wählen, bis – so Magyars Ankündigung – im Herbst ein neuer Verfassungsgebungsprozess in Gang kommt, mit dem eine Direktwahl des Präsidenten eingeführt werden soll.Doch was auf diesen Sieg folgte, war typisch für den Stil des neuen Ministerpräsidenten. Über Facebook, das in Ungarn weiterhin wichtigste soziale Netzwerk und Magyars präferierter Kommunikationskanal, gab er am Tag darauf seine Wunschkandidatin für die Position als Interimspräsidentin bekannt: die bekannte Schachmeisterin Judit Polgár. Polgár gilt als die beste Schachspielerin aller Zeiten, sie spielte in ihrer aktiven Zeit hauptsächlich bei Männerturnieren und schlug Legenden wie Garri Kasparow und Anatolij Karpow. Vor gut zehn Jahren beendete sie ihre Karriere und engagiert sich seither in sozialen Projekten.Intelligent, integer, aber politisch unerfahrenFür Magyar eine perfekte Wahl: Polgár ist in Ungarn hoch angesehen, an ihrer Intelligenz und Unabhängigkeit würde niemand zweifeln. Vor allem aber hat sie keinerlei politische Erfahrung. Das machte es für Magyar leicht, sie als Verkörperung des Übergangs nach 16 Jahren Fidesz-Herrschaft darzustellen. Es ließ aber auch den berechtigten Zweifel zu, ob das Land nicht eine politisch erfahrenere Person im höchsten Staatsamt brauchte, um der Übermacht von Magyars Zweidrittelmehrheit im Parlament ein Korrektiv entgegenzusetzen.Doch nicht nur Inhalt, sondern auch Art der Kommunikation waren typisch für Magyar. Der erfüllt sein Versprechen, Orbáns „illiberalen Staat“ zurückzubauen, mit einem so schnellen Stakkato von Gesetzes- und Verfassungsänderungen, dass inzwischen auch Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International protestieren, weil grundlegende Entscheidungen ohne angemessene Zeit für Debatten durchs Parlament getrieben würden; nebenbei ist das ein Vorwurf, der stets gegen Orbáns Fidesz erhoben worden war.Auch in der Personalie Polgár preschte Magyar voran und stellte seine Fraktion vor vollendete Tatsachen. Wer genau in die Entscheidung involviert war, blieb offen, ebenso, ob die Betroffene überhaupt ihr Einverständnis gegeben hatte. Magyar schrieb auf Facebook, er habe Polgár „vor ein paar Tagen“ getroffen und sie gefragt, ob sie bereit sei, dem Land in einer neuen Rolle zu dienen.Polgár selbst bedankte sich am Montagabend für die Initiative und nannte den Schritt, sie zu nominieren, „sehr wertvoll“. Allerdings wandte sie ein, dass sie sich nicht stark genug fühle für die historische Verantwortung, „eine geteilte Nation zu vereinen“. Deshalb, so lautete die ebenfalls über Facebook formulierte Absage, könne sie die an sie gerichtete Bitte leider nicht erfüllen.