Der neue britische Premierminister Andrew Burnham hat für seine Kabinettsrunde die Losung ausgegeben: „Wir müssen eine Regierung sein, die auf die Lebenshaltungskosten achtet.“ Die Bevölkerung müsse das Gefühl haben, „dass Hilfe nah ist“. Burnham hatte am Montagabend bis spät in die Nacht hinein die knapp zwei Dutzend Mitglieder seines Kabinetts berufen. In den Kernressorts blieb nur Innenministerin Shabana Mahmood auf ihrem Posten, deren restriktive Migrations- und Asylpolitik in der Labourpartei einige Kritik hervorgerufen hat.Zum Finanzminister (Schatzkanzler) berief Burnham zur Überraschung vieler John Healey, der in Starmers Regierung bis vor zwei Monaten das Verteidigungsressort leitete und dort überraschend zurücktrat, weil er die ihm zugebilligten Summen für Rüstungsinvestitionen als zu gering erachtete. Neuer Verteidigungsminister wird Wesley Streeting, der in der Vergangenheit einer der Konkurrenten Burnhams im Wettbewerb um die Nachfolge Keir Starmers als Partei- und Regierungschef gewesen war.Der zweite Miliband als AußenministerStreeting hatte zuletzt die Verantwortung für das Gesundheitsministerium, trat von dieser Position jedoch gleichfalls vor rund drei Monaten zurück, um Starmer als Parteichef herausfordern zu können. Als Gesundheitsminister war es ihm gelungen, eine langwierige Streikwelle der Krankenhaus-Assistenzärzte zu stoppen und die langen Wartelisten für Untersuchungen und Operationen in den Krankenhäusern zu senken.Seine Nachfolgerin im Gesundheitsressort wird Yvette Cooper, die in Starmers Regierung Außenministerin war. Ihr wiederum folgt im „Ministerium für Auswärtiges, Commonwealth und Entwicklung“, wie der vollständige Titel lautet, Edward Miliband nach, dessen älterer Bruder David vor eineinhalb Jahrzehnten in der Regierung Gordon Browns auch schon Außenminister gewesen war. Ed Miliband gilt als eine Galionsfigur der gemäßigten Linken innerhalb der Partei; er gewann 2010 nach dem Ende der „New Labour“-Ära die Urwahl um den Parteivorsitz, an der sich damals auch Burnham erfolglos beteiligt hatte.Dem von Burnham selbst proklamierten Anspruch, die Labourpartei zu einer neuen Einigkeit zu führen, hat er mit der Auswahl seiner Minister nicht völlig entsprochen. Aus der Riege der engeren Vertrauten seines Vorgängers – mindestens ein halbes Dutzend Ressortchefs – findet sich kein einziger in der neuen Kabinetts-Besetzungsliste. Dem Vernehmen nach hat Burnham Starmers wichtigster Stütze, der bisherigen Schatzkanzlerin Rachel Reeves, einen anderen Platz am Kabinettstisch angeboten, den sie jedoch ausschlug. David Lammy wiederum, der Starmers Außenminister und zuletzt für das Justizwesen zuständig war, hätte nach eigenem Bekunden gerne weiter in der Regierung „gedient“; auf seine Bereitschaft griff der neue Premierminister jedoch nicht zurück.Mehr Frauen als Männer in der neuen Labour-RegierungAuch den ersten Seitenhieb aus der abgelösten Ministerriege musste Burnham hinnehmen. Darren Jones, der Reeves und Starmer als Amtschef mit Ministerrang diente und gleichfalls keine Verwendung in der neuen Regierung fand, lobte auf der Plattform X zunächst den ersten politischen Entscheidungszug des neuen Premierministers, die Mehrwertsteuer für privaten Stromverbrauch zu streichen und die Einnahmeausfälle dadurch auszugleichen, dass die geplante Einführung eines digitalen Personalausweises nicht weiterverfolgt wird. Es sei super, dass „Familien nun ein paar Kröten sparen könnten“, befand Jones, um hinzuzusetzen, für das Ausweisprogramm seien noch gar keine Etatmittel reserviert worden.Zu den eigenen Vertrauten, denen Burnham einen Platz am Kabinettstisch gab, gehört als erste Louise Haigh, die seine Nachwahlkampagne im Wahlkreis Makerfield organisierte. Erst diese erfolgreiche Nachwahl hat dem Bürgermeister von Greater Manchester überhaupt die Möglichkeit eröffnet, sich um den Labour-Parteivorsitz zu bewerben. Haigh war einst von Starmer zur Verkehrsministerin berufen, später aber entlassen worden, als öffentlich wurde, dass sie über eine Vorstrafe wegen Betrugs verfügte; sie hatte einst den Diebstahl eines Telefons gemeldet und die Anzeige nicht zurückgezogen, als sich das Handy später wiederfand.Haigh übernimmt in Burnhams Umgebung jene Funktionen, die Darren Jones für Starmer ausübte; sie hat die Zuständigkeit für die Koordinierung der Kabinettsressorts und erhielt überdies den Ehrentitel „First Minister of State“. Die stellvertretende Labour-Vorsitzende Lucy Powell gehört dem neuen Kabinett als Bildungsministerin an; Angela Rayner, die Powells Vorgängerin als stellvertretende Parteichefin war, wird abermals für Bauen und Wohnen zuständig sein. Rayner hatte vor einem Jahr alle Funktionen niederlegen müssen, da Unklarheiten über die Höhe einer Grunderwerbssteuerzahlung entstanden waren; mittlerweile bescheinigten ihr die Finanzbehörden aber, sie habe ohne Verschulden gehandelt.Erstmals überwiegt in der neuen Labour-Regierung die Zahl der Frauen (zwölf) jene der Männer (elf) bei den Kabinettsmitgliedern. Regional zeigt sich eine starke Unwucht. Nur noch vier Kabinettsmitglieder haben ihre Wurzeln und Wahlkreise in London oder im wohlhabenden englischen Südosten, 13 hingegen stammen aus den diversen Regionen des ärmeren Nordens, wobei die meisten aus dem Nordwesten, also aus der Region Manchester/Liverpool, kommen. Von dort stammt auch Burnham selbst.
Andrew Burnham: Neues Kabinett ohne Starmers Vertraute
Einige ehemalige Minister kehren in Burnhams Kabinett zurück. Der neue britische Premierminister zeigt, dass er die Labourpartei einen will – nur die Vertrauten von Keir Starmer gehören nicht dazu.











