Ein Freund von mir handelt online mit Schallplatten. Es geht ihm gut. Als er dann neulich noch erbte, kämpfte sein Steuerberater monatelang darum, ihn vor der Erbschaftsteuer zu bewahren. Mein Freund wollte zahlen. Das Land, in dem er lebt und als Trödler (wie er sich augenzwinkernd nennt) erfolgreich ist, habe einen Anteil daran verdient. Sein Berater hielt das für einen Denkfehler und suchte weiter nach Gestaltungen.In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Stiftungen“ tauschen sich Hunderte Unternehmerinnen und Unternehmer wie er aus. Es geht fast ausschließlich um Erbschaft- und Wegzugsteuer, um Holdings, um Abschirmung. Ich kenne viele in dieser Gruppe, die auch mal größere Summen spenden. Dass Stiftungen auch etwas anderes sein können als Steuervehikel, spielt hier keine Rolle.Eine gute Bekannte verfügt über ein dreistelliges Millionenvermögen. Sie möchte ihr Unternehmen in einer gesunden Gesellschaft wachsen sehen. Seit Jahren sucht sie einen Steuerberater, der ihr hilft, ihr Geld für Klimaschutz, Demokratie und Frauenrechte einzusetzen, einen, der sich mit Gemeinnützigkeit und Impact Investing auskennt. Sie hat noch keinen gefunden.Die Verkaufsrealität der Branche hat mit diesen Beispielen wenig zu tun, wenn ich die Anzeigen sehe, die mir auf LinkedIn und Youtube ausgespielt werden. Sie stammen von Steuerberatern, Stiftungsanwälten, Privatbanken: „Steuerfrei, 0 Prozent mit Stiftung. Heute Abend, 19 Uhr, live.“ „Endlich nicht mehr die Hälfte Ihres Vermögens an den Staat abgeben.“ „Immobilie an Stiftung verkaufen. So geht es.“Und immer wieder finde ich den Begriff „Steuerschaden“. Er steht in Werbebotschaften, Mandantenrundschreiben und Fortbildungsprogrammen, und er bezeichnet die Steuer, die gezahlt wird. In dieser Sprache ist der Staat der Schädiger, der Bürger der Geschädigte und die Steuerzahlung ein vermeidbarer Unfall, den ein guter Berater verhindert.Muss ein Steuerberater die Steuerlast minimieren?Die Botschaft ist klar: Alle wollen nur das eine. Und wer zahlt, ist der Dumme. Die Sozialforschung kennt diesen Mechanismus als bedingte Kooperation. Wie ehrlich jemand mit seinen Steuern ist, hängt davon ab, was er über das Verhalten der anderen glaubt. Zur bekannten Verzerrung, die Nachbarn seien wohlhabender als man selbst, gesellt sich die zweite: Sie zahlen alle weniger Steuern als ich. Eine Branche, die tausendfach ausspielt, jeder optimiere, erzeugt genau die Norm, auf die sie sich beruft.Finanzpolitik Karlsruhe lässt sich zu viel Zeit: Erbschaftssteuer fällt für Gegenfinanzierung der Steuerreform aus Was sagt die Berufsordnung der Bundessteuerberaterkammer dazu? Gleich in Paragraf 1 Absatz 1 heißt es: „Steuerberater sind Angehörige eines Freien Berufs und ein unabhängiges Organ der Steuerrechtspflege.“ Rechtspflege. Dasselbe Wort, das Richter und Anwälte an ein öffentliches Interesse bindet. Das steht dort seit dem 1. November 1961, als der Berufsstand aus der öffentlichen Finanzverwaltung entlassen wurde.Steuerberaterin mit Mandantin (Symbolbild): Nirgends steht geschrieben, dass die Berater die Steuerlast ihrer Mandanten minimieren müssen. Foto: E+/Getty ImagesWer weiterliest, findet in 30 Paragrafen alles geregelt: Unabhängigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Verschwiegenheit, Interessenkollision, Werbung, Niederlassung, Praxisnachfolge. In keinem einzigen steht, dass es Aufgabe des Steuerberaters sei, die Steuerlast des Mandanten zu minimieren. Mit Geld etwas für die Gesellschaft zu tun, das steht nicht auf der Karte, also kann es auch niemand bestellen.Zu den Motiven der Mandanten gibt es in Deutschland keine Forschung, aber in den USA geben 71 Prozent der Berater an, sie eröffneten das Thema Geben, wenn überhaupt, aus technischer Perspektive, über Abzugsfähigkeit und Vehikel, statt über die Ziele des Mandanten.
Steuern: So geraten Steuerberater mit ihrem Berufsrecht in Konflikt
Gemeinnütziges Geben wird in Deutschland defensiv kommuniziert, die privatnützige Abschirmung aggressiv vermarktet. Den Preis dafür, dass angeblich niemand zahlen will, zahlen letztlich alle.








