Der internationale Legaltech-Markt ist im Umbruch: Anthropic hat seine Produktpalette an Künstlicher Intelligenz (KI) für Anwender aus der Rechtsbranche deutlich erweitert, Konkurrent Open AI baut dieses Geschäftsfeld in den USA mit einem erfahrenen Legaltech-Gründer aus. Auch Microsoft, Perplexity und Palantir konzentrieren sich auf Kanzleien und Rechtsabteilungen. Die Hyperscaler und Entwickler der KI-Sprachmodelle drängen auf einen Markt, der eine lukrative Nische für spezialisierte Start-ups war. Der Markt für „Legal KI“ steht vor einer möglichen Konsolidierung: zu viele Insellösungen, zu wenige klare Marktführer.Solche Muster kennt Mihály Gündisch, ein Kenner der IT-Branche. Der 50-jährige Betriebswirt, der unter anderem beim globalen Vertragsmanagementdienst Docusign an der Schnittstelle zwischen Digitalisierung und juristischen Prozessen arbeitete, ist seit einigen Monaten für die Geschäfte des Legaltech-Unternehmens Harvey in der Wirtschaftsregion Deutschland, Österreich und Schweiz verantwortlich. Gündisch erlebt den Vorstoß der Hyperscaler aus nächster Nähe. Beunruhigt wirkt er im Gespräch mit der F.A.Z. nicht. Im Gegenteil: „Als Allererstes ist natürlich der Fokus auf die Rechtsbranche eine sehr positive Bestätigung dafür, dass wir uns sehr frühzeitig genau für dieses Vertikal, für diese Spezialisierung, entschieden haben“, sagt Gündisch. Wer sehe, wie die großen Techkonzerne nun investieren, wisse, dass das Geschäftsmodell von Harvey trage.Ein Produkt von Anwälten für AnwälteHarvey wurde 2022 in San Francisco gegründet und ist mit mehr als elf Milliarden US-Dollar eines der am höchsten bewerteten Enterprise-Softwareunternehmen im Rechtsbereich. „Es ist eine Plattform, die von Anwälten für Anwälte entwickelt wurde“, betont Gündisch. Im Unterschied zu generischen KI-Werkzeugen, die sich rechtliche Anwendungsfälle nachträglich erschließen, sei Harvey von Beginn an auf die spezifischen Anforderungen juristischer Arbeit ausgelegt worden, also auf vertrauliche Mandatsdaten, komplexe Vertragswerke, Präzedenzfälle und die besondere Sorgfaltspflicht, die der Berufsstand mit sich bringe.Global zählt Harvey nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 2000 Kunden. In Deutschland nutzen die Großkanzleien A&O Shearman, Gleiss Lutz und Heuking sowie die Rechtsabteilung der Deutschen Telekom das Angebot. In der DACH-Region hat Harvey laut Gündisch allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als 60 neue Kunden hinzugewonnen und zählt inzwischen mehr als 120 Kanzleien und Rechtsabteilungen zum Kundenstamm. Dass darunter nicht nur die umsatzstärksten Kanzleien des Landes sind, ist Gündisch ein persönliches Anliegen: „Kleine Kanzleien sind agiler“, meint er. „Die bewegen sich tatsächlich auch schneller, setzen die KI-Plattform schnell um und integrieren sie in ihre täglichen Arbeitsprozesse.“Investition zahlt sich schon nach kurzer Zeit ausVor wenigen Wochen hat Harvey gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen RSGI eine Studie veröffentlicht, die den Effizienzgewinn durch die Plattform beziffert. Ein normaler Nutzer, der Harvey gelegentlich einsetzt, spart im Schnitt rund 4,3 Stunden Arbeitsaufwand pro Woche. Ein sogenannter Power-User kommt demnach sogar auf elf Stunden pro Woche. „Power-User sind Nutzer, die Harvey in ihren Tagesablauf integriert haben. Dort sehen wir also eine Nutzungsintensität, die eine deutliche Anzahl Stunden pro Woche umfasst.“Das Thema Datenschutz ist deutschen Juristen von großer Bedeutung, weiß Mihály Gündisch.Lucas BäumlIn einem Großteil der Fälle, so Gündisch unter Verweis auf eine aktuelle Studie, sei der Return on Investment (ROI) schon nach drei Monaten positiv. Bei mehr als 30 Prozent der untersuchten Unternehmen sogar nach einem einzigen Monat. Als konkretes Beispiel nennt Gündisch den Agrochemiekonzern Syngenta, der im deutschsprachigen Raum einen Netto-Benefit von 18.000 Dollar je Unternehmensjurist und Jahr ausgewiesen hat.Das Preismodell bleibt schlicht: Harvey bietet ein einheitliches Lizenzmodell an, ohne Unterschied zwischen Großkanzlei und Einzelanwalt. „Der Return on Investment ist im Prinzip so positiv, dass wir keine Notwendigkeit sehen, Preismodelle je nach Marktsegment anzupassen“, sagt Gündisch.Daten bleiben in Europa – auch beim Einsatz amerikanischer ModelleEin Thema, das in keinem seiner Gespräche mit deutschen Juristen ausbleibt, ist die Datensicherheit. Angesichts des KI-Gesetzes in der EU, des schwankenden rechtlichen Status des transatlantischen Datentransfers und KI-Anbietern aus China ist die Frage existenziell, wo die Daten von Mandanten landen. „Ein typischer Kunde aus Deutschland wird sich bei Harvey ganz klar dafür entscheiden, dass seine Daten in einem Rechenzentrum in Deutschland gespeichert werden“, erklärt Gündisch. Darüber hinaus könnten auch die Anfragen an die Sprachmodelle selbst, etwa von Anthropic, Open AI oder dem europäischen Anbieter Mistral, so konfiguriert werden, dass eine Verarbeitung ausschließlich auf europäischen Servern stattfindet. Es finde auch kein Datenabfluss in die USA statt, auch wenn amerikanische KI-Sprachmodelle zum Einsatz kommen würden.Harvey arbeitet mit mehreren KI-Sprachmodellen gleichzeitig und kann in einem Automatikmodus das jeweils geeignetste Modell für eine Anfrage auswählen. Kunden müssen so nicht laufend Vergleichswerte einzelner Modelle im Blick behalten, Harvey selbst gewinnt dadurch Flexibilität bei der Kostenoptimierung. Ergänzt wird die technische Infrastruktur durch eine enge Einbettung juristischer Inhalte. Global kooperiert Harvey mit dem Informationsdienstleister Wolters Kluwer. In Deutschland greift man direkt auf die Inhalte des Fachverlags Otto Schmidt und öffentliche Rechtsquellen wie die Rechtsportale der Bundesländer sowie der Bundesgerichte zu.Die KI findet sich dort, wo die Anwälte arbeitenHarveys Antwort auf den Wettbewerbsdruck durch Anthropic und Co. ist die tiefe Integration. „Harvey findet da statt, wo der Nutzer ist“, betont Gündisch. Die Plattform ist in Microsoft Word und Microsoft Outlook eingebettet, lässt sich mit Dokumentenmanagementsystemen verbinden und ist für Nutzer per E-Mail jederzeit erreichbar. „Wer kurz vor der Mittagspause einen neuen Vertragsentwurf zugeschickt bekommt, kann diesen an ,ask@harvey.ai‘ weiterleiten und erhält binnen fünf Minuten einen Vergleich zur Vorversion mit Bewertung zurück“, sagt der DACH-Chef. Somit gebe es keinen Programmwechsel, kein separates Log-in – „sondern die KI ist tatsächlich an der Stelle, wo man sich gerade befindet“. Interne Messdaten von Harvey zeigen, dass die Nutzungsintensität in Kanzleien und Rechtsabteilungen deutlich ansteigt, sobald Anwender die Word- oder Outlook-Integration entdecken.Derzeit zählt sein Münchner Team elf Mitarbeiter, darunter sind mehrere Legal Engineers, also Juristen mit IT-Erfahrung, die Kunden bei der Transformation begleiten. Bis zum Jahresende will Gündisch auf 20 Mitarbeiter kommen. Global meldete Harvey für das erste Quartal 2026 einen Auftragsneueingang von 300 Millionen Dollar. Regionale Zahlen für DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) weist das Unternehmen bislang nicht gesondert aus. Doch es ist nicht davon auszugehen, dass Mitteleuropa für das US-Unternehmen nur eine kurze Stippvisite sein wird.Dafür sind der Wandel und das KI-Interesse, das Gündisch in Deutschland beobachtet, zu deutlich. Lange hätten Juristen vor allem Risiken abgewogen und abgewartet, sagt er. Das ändere sich spürbar: „Viele fragen sich jetzt: Was kann ich eigentlich gewinnen? Egal, ob Kanzlei oder Unternehmen, diese Frage treibt mittlerweile wirklich alle um.“