Der Deutsche Anwaltstag 2026 stand unter einem Motto, das viel versprach: „Anwaltschaft im Aufbruch – Zukunft gestalten“. Drei Tage diskutierten die Juristen in Freiburg auf Einladung des Deutschen Anwaltvereins (DAV) über die Perspektiven für ihre Zunft. Doch wer verfolgt, was sich im internationalen Rechtsmarkt und vor allem bei den führenden Anbietern generativer Künstlicher Intelligenz zusammenbraut, der muss dieses Motto anders lesen: Für den Aufbruch sorgen die KI-Anbieter und die großen Hyperscaler, also die Betreiber der Rechenzentrums- und Cloud-Infrastruktur. Mit Anthropic und Open AI haben die Entwickler der beiden leistungsstärksten Sprachmodelle, Claude und ChatGPT, eigene Module für die Rechtsberatung veröffentlicht oder angekündigt.Die deutsche Anwaltschaft, in der Einzelanwälte und Einheiten bis rund 20 Anwälte das Gros des Marktes ausmachen, sitzt dabei längst nicht mehr am Steuer. Der Appell von DAV-Präsident Stefan von Raumer, Anwälte müssten in Zeiten generativer KI die Zukunft aktiv mitgestalten, wird daher Teile des Berufsstands nicht erreichen. Das Problembewusstsein ist in vielen Kanzleien vorhanden, doch wer nach Dynamik sucht, wird selten fündig.Investitionen für eine digitale SouveränitätVereinzelt gibt es ermutigende Signale aus dem deutschen Markt: Die Geschäftsführung von Rödl & Partner, einer Wirtschafts- und Steuerberatungskanzlei aus Nürnberg mit rund 6000 Mitarbeitern weltweit, setzt nicht auf ein fertiges Produkt der großen Technikkonzerne, sondern entwickelt eine eigene KI-Lösung, die den Vorgaben des anwaltlichen Berufsrechts genügt. Das ist teuer, angesichts der Diskussionen auf dem Anwaltstag aber ein richtiges Zeichen. Kanzleien, die investieren und ihre digitale Souveränität wahren, behalten die Deutungshoheit über ihr Berufsbild – und überlassen sie nicht mittelfristig Konzernen aus dem Silicon Valley.Doch wer kann sich das schon leisten? Kleinere Kanzleien wittern häufig einen Wettbewerbsnachteil gegenüber „Big Law“, den finanziell gut aufgestellten Großkanzleien. Dabei könnten gerade kleine und mittelgroße Kanzleien von der KI-Wende stärker profitieren, als viele vermuten. Wer mit einer Plattformlösung für KI-gestützte Recherche, Dokumentenanalyse oder Schriftsatzentwürfe arbeitet, erledigt dieselbe Arbeit in kürzerer Zeit – und rechnet sie trotzdem voll nach der Gebührenordnung oder einer Honorarvereinbarung ab. Wer produktiver ist, kann mehr Mandate annehmen und mehr abrechnen. Zumal KI-Instrumente bestehende Personallücken füllen: In Tausenden Kanzleien ersetzen die digitalen Helfer schon heute fehlende Rechtsanwaltsfachangestellte. Der Wettbewerbsvorteil liegt also nicht zwingend bei den Großen.Anwaltliches Berufsrecht im Spannungsverhältnis zur KIDennoch bleibt die Frage, die man in Freiburg lauter hätte stellen müssen: Ist die Anwaltschaft in der Breite vorbereitet auf den Wandel? Das anwaltliche Berufsrecht steht in einem Spannungsverhältnis zum umfassenden Einsatz generativer KI. Das Verbot der Interessenkollision und der Grundsatz der persönlichen Leistungserbringung sind keine Allgemeinplätze, sondern die Pfeiler eines Berufsbilds, das weiterhin von einem Anwalt ausgeht, der nach Lösungen sucht, abwägt und dann entscheidet. Die häufige Floskel, am Ende schaue ohnehin ein Mensch auf das von der KI erstellte Produkt, greift viel zu kurz. Dass das eben nicht zutrifft, zeigen die Zunahme KI-generierter Schriftsätze in Massenverfahren an den Gerichten und mehrere Entscheidungen gegen Anwälte, die fernab ihrer Sorgfaltspflicht handelten.Großes Informationsbedürfnis, aber auch Verunsicherung war unter den Besuchern des Anwaltstags greifbar. Was es im Nachgang des Treffens nun braucht, sind nicht mehr Diskussionen, sondern konkrete Schritte. Wer eine KI nutzen will, sollte sich schon im Rahmen der Bestandsanalyse verpflichten, die Empfehlungen der Bundesrechtsanwaltskammer zu beachten. Diese wiederum sollte gemeinsam mit den Berufsverbänden, allen voran dem DAV, Standards für Arbeitsabläufe in Kanzleien entwickeln. Außerdem brauchen Kanzleien aller Größenordnungen verlässliche Orientierung, etwa durch Zertifizierungen und Schulungsprogramme für ihre Mitarbeiter.Die Frage lautet längst nicht mehr, ob sich die Anwaltschaft in einem strukturellen Wandel befindet. Es geht jetzt darum, dass sich Politik und Interessenvertreter wie der DAV auf Rahmenbedingungen einigen, die dem rasanten technologischen Fortschritt standhalten. Die Anwälte haben es selbst in der Hand, sich gegen die passive Rolle zu entscheiden.
Deutscher Anwaltstag: KI verändert die Rechtswelt
Während die Anwaltschaft in Freiburg debattiert, machen Anthropic und Open AI längst Ernst. Wer jetzt zaudert, verliert – und wer ohne Sorgfalt auf KI setzt, riskiert mehr als nur den Anschluss.
Anthropic und OpenAI dominieren die Legal-AI in Europa; deutsche Kanzleien verlieren Kontrolle über ihr Berufsbild an Tech-Konzerne. Ohne Souveränität riskieren deutsche Kanzleien Data dependency und operative Kontrolle — ein Signal, dass AI governance zum competitive advantage jeder Branche wird.







