IndustriemonitorChemie legt überraschend zu, Maschinenbau bricht ein – Deutschlands Gewinner und Verlierer des MonatsAusgerechnet die krisengeplagte Chemiebranche zählt im NZZ-Industriemonitor zu den Aufsteigern des Monats. Ist das die Trendwende – oder nur ein Strohfeuer?21.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDeutschlands Industrie schrumpft. Doch der Niedergang verläuft nicht geradlinig: Manche Branchen verlieren Monat für Monat, andere legen plötzlich kräftig zu, darunter bekannte Schwergewichte ebenso wie kaum bekannte Nischen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der NZZ-Industriemonitor zeigt, wo es in der Industrie aufwärtsgeht – und wo abwärts. Dass kurzfristiger Aufstieg und langfristiger Niedergang durchaus zusammenfallen können, zeigt der Gewinner des Monats.Die Chemieindustrie steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Doch seit Januar steigt ihre Produktion wieder.Das ist keine Randnotiz: Die Chemie zählt zu den wichtigsten deutschen Industriezweigen. Im Jahr 2025 erwirtschaftete sie laut Statistischem Bundesamt fast 160 Milliarden Euro Umsatz und damit gut 7 Prozent des gesamten Industrieumsatzes. Rund 342 000 Menschen arbeiteten in der Branche. Ihre Produkte bilden die Grundlage für Kunststoffe, Farben, Dünger.Die Erholung erfolgt allerdings von einem tiefen Niveau aus. Zuletzt lag die Produktion noch gut 20 Prozent unter dem Durchschnitt des Jahres 2021.Was misst der Produktionsindex genau?Der NZZ-Industriemonitor basiert auf dem monatlichen Produktionsindex des Statistischen Bundesamts (Destatis). Er zeigt mit rund fünf Wochen Verzögerung, wie sich die reale Produktion des verarbeitenden Gewerbes im Inland entwickelt. Preis-, Kalender- und Saisoneffekte sind herausgerechnet; der Indexstand 100 entspricht der durchschnittlichen Produktion im Jahr 2021. Destatis ordnet jeden Betrieb jener Branche zu, in der er hauptsächlich tätig ist. Die Zahlen können deshalb von den Angaben der Verbände abweichen, die ihre Branchen teilweise anders abgrenzen.Hinter dem langfristigen Abstieg stecken strukturelle Probleme: Die energieintensive Branche ist auf günstige Energie angewiesen, besonders auf Erdgas. Mit dem Wegfall der russischen Gaslieferungen verlor sie einen wichtigen Standortvorteil. Die deutsche Energiewende und die CO2-Bepreisung verteuern Energie zusätzlich. Mehrere Unternehmen haben deshalb Anlagen in Deutschland stillgelegt und Investitionen ins Ausland verlagert.Dass die Produktion im Inland nun wieder anzieht, führt der Branchenverband VCI vor allem auf zwei Folgen des Iran-Konflikts zurück: Kunden bestellten vorsorglich mehr Chemikalien, weil sie Lieferengpässe befürchteten. Zugleich treffe die Sperrung der Strasse von Hormuz manche asiatischen Konkurrenten stärker als die Hersteller in Deutschland. Dadurch lasse der Wettbewerbsdruck vorübergehend nach.Der Verband selbst warnt jedoch vor zu viel Optimismus. Er spricht von einer «Atempause», nicht von einer Trendwende. Nach Schätzung des Branchenverbands lag die Chemieproduktion im ersten Halbjahr noch 3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Für den Moment bleibt die Chemie dennoch der deutlichste Aufsteiger unter den grossen Industriebranchen.Neben der Chemie legten in der jüngsten Auswertung weitere Industriezweige stark zu. Die folgenden Grafiken zeigen ihre wirtschaftliche Bedeutung und die jüngste Entwicklung der Produktion.Bei den Verlierern steht dagegen eine andere Schlüsselbranche an der Spitze: Der Produktionsindex des Maschinenbaus sank zuletzt auf 87,5 Punkte. Damit stellte die Branche 12,5 Prozent weniger her als im Durchschnitt des Jahres 2021.Der Maschinenbau zählt nach Umsatz und Beschäftigung zu den grössten deutschen Industriebranchen. Rund eine Million Menschen arbeiten dort; 2025 erwirtschafteten die Betriebe fast 278 Milliarden Euro Umsatz und damit mehr als 12 Prozent des gesamten Industrieumsatzes. Viele Unternehmen sind mittelständisch geprägt, hoch spezialisiert und stark vom Export abhängig.Der Rückgang begann nicht erst im Mai. Seit dem Höchststand 2018 sinkt die Produktion. Die Nachfrage nach deutschen Maschinen schwächelt, Kunden verschieben Investitionen, fast 80 000 Arbeitsplätze sind seither verschwunden.Der Standort verliert nach Einschätzung des Branchenverbands VDMA an Wettbewerbsfähigkeit – vor allem wegen hoher Arbeits- und Energiekosten sowie der Belastung durch Steuern und Bürokratie. Zugleich wächst der Druck aus China: Dort holen Hersteller technologisch auf und konkurrieren besonders auf den Märkten Südostasiens immer stärker mit deutschen Anbietern.Der technische Vorsprung reicht deshalb immer seltener aus, um die höheren Preise für deutsche Produkte zu rechtfertigen. Johannes Gernandt, Chefvolkswirt beim VDMA, bringt das Problem auf den Punkt: «Wir sind nicht mehr so viel besser, wie wir teurer sind.»Der jüngste Einbruch ist damit kein isoliertes Ereignis, sondern fügt sich in einen längerfristigen Abwärtstrend ein.Der Maschinenbau ist ein bedeutender, aber nicht der einzige Verlierer. Auch in weiteren, eher kleineren Branchen ging die Produktion in letzter Zeit spürbar zurück.Unterm Strich ging es für das verarbeitende Gewerbe im Mai leicht aufwärts: Der Produktionsindex stieg auf 92,6 Punkte.Die Produktion lag damit aber weiterhin 7,4 Prozent unter dem durchschnittlichen Niveau des Jahres 2021. Den jüngsten Anstieg trugen vor allem zwei industrielle Schwergewichte: Die Automobilindustrie erholte sich nach dem tiefen Einbruch im April, die Chemie setzte ihren Aufwärtstrend fort.Zwar verzeichneten die Unternehmen im Mai auch mehr Bestellungen. Gut möglich, dass sie ihre Produktion deshalb in den kommenden Monaten ausweiten. Allerdings gingen die zusätzlichen Aufträge vor allem auf mehrere Grossaufträge im «sonstigen Fahrzeugbau» zurück – einer Sammelkategorie, zu der unter anderem der Bau von Flugzeugen, Schiffen und Militärfahrzeugen zählt.Passend zum Artikel
NZZ-Industriemonitor: Das sind Deutschlands Gewinner und Verlierer des Monats
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