Ausgeladen vom ZDF: Danger DanQuelle: JARO SUFFNERZDF, Satiriker und Juristen ringen um ein radikales Lied. „Keine Angst“ preist antifaschistische Selbstverteidigung und grüßt mutmaßliche Gewalttäter. Gegner sprechen von „linksradikalem Mansplaining“.Die Debatte um die Ausladung des deutschen Sängers Danger Dan aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ dauert an. Kurzfristig hatte der Sender die Performance des Künstlers unterbunden. Der Song „Keine Angst“ könne als „Aufruf zu Gewalt“ verstanden werden, hatte das ZDF die Entscheidung begründet – und angekündigt, sich „dokumentarisch-journalistisch“ mit dem Lied zu befassen und es an anderer Stelle im Programm aufzuarbeiten.Verwirklicht wurde das nun in einer Sondersendung des Kulturformats „Aspekte“. „Was darf man wo noch singen?“, lautete die Leitfrage der von Jo Schück moderierten Ausgabe. In der Anmoderation hieß es: Mit einer „Art Anleitung zum antifaschistischen Kampf“ setze Danger Dan zum „künstlerischen Schlag gegen Rechtsextremismus“ an. Auf die Polizei sei dabei kein Verlass, vielmehr müsse die eigene Sicherheit selbst organisiert werden. „Keine Angst, nehmt es selber in die Hand. Die sehen gefährlich aus, aber wir legen sie lang“, wird aus dem Songtext zitiert. An dieser Stelle dürften laut Schück „in der ZDF-Führungsetage die Alarmglocken geläutet haben“, sagte Schück. Zudem grüße der Rapper „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“, womit die gewalttätige antifaschistische Gruppierung „Hammerbande“ gemeint sein dürfte.Lesen Sie auchOb es sich dabei um eine öffentliche Aufforderung zur Begehung von Straftaten handele? Die Redaktion ließ das von Rechtsanwalt Peter Raue einordnen: „So weit würde ich nicht gehen.“ Der Song ermahne die Hörerschaft, Handschuhe zu tragen, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen und sich nicht zu filmen, räumte er ein. „Das ist natürlich eine Anweisung, wie man sich verhalten soll. Das ist kritisch. Aber einen Aufruf zur Gewalt würde ich darin nicht sehen.“ Im Zweifel müsste „Keine Angst“ zugunsten des Verfassers ausgelegt werden. „Wenn eine Äußerung so oder so ausgelegt werden kann, dann muss sie in der liberalen Richtung ausgelegt werden. Wenn es aufrufen könnte und auch nicht, dann muss man den Text so lesen, dass er nicht zur Gewalt aufruft.“„Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer zeigte sich bei „Aspekte“ weniger nachsichtig mit der Bewertung des Songs. „Jeder Chefredakteur, der bei Trost ist, kann so was nicht über den Sender laufen lassen“, sagte er in der Sendung. „Ein Eingriff in die Meinungsfreiheit wäre es, wenn er seinen Song nicht veröffentlichen könnte.“ Stattdessen werde der Song in den kommenden Tagen viral gehen. „Ist das ein Akt der Zensur? Nein, das ist kein Akt der Zensur. Das ist die Aufgabe von Chefredakteuren und Intendanten, zu gucken: Wollen wir das verantworten – ja oder nein?“Lesen Sie auchDie Idee, Danger Dan und Igor Levit eine Bühne in „Die Anstalt“ zu bieten, um anschließend über das Werk zu diskutieren, tat Fleischhauer ab. „Wollen dann die Macher der Sendung, die Moderatoren, ins Gespräch mit den Liedermachern gehen über die Verwerflichkeit dieses Liedes? Das kann man sich doch gar nicht vorstellen.“ Lesen Sie auchDem widersprach Kabarettist Florian Schroeder in einem Einspieler. „Gerade in einer künstlerischen Sendung wie einer Satiresendung lässt sich so was wunderbar einordnen“, unterstrich er. „Als Künstlerkollege sage ich, das ist ein provokativer Song. Das gehört dazu, das gehört zur Kunst. Man muss das nicht alles Wort für Wort unterschreiben. Aber das ist ein Debattenbeitrag.“ Für den Satiriker sei alles gut, „was eine Debatte auslöst, was Leute aufschreckt oder ins Nachdenken bringt“, wie er betonte. „Aber man kann sie nur führen, wenn es den Song gibt. Und wenn er so radikal ist, wie er ist. Das genau ist die Aufgabe von Kunst.“Lesen Sie auchIn den sozialen Medien führte Schroeder seine Argumentation aus. Danger Dan und Igor Levit hätten seiner Ansicht nach im ZDF auftreten sollen, „wenngleich oder gerade weil ich den Song ‚Keine Angst‘ ziemlich misslungen finde“, führte der Kabarettist aus. „Er ist linksradikales Mansplaining und Straßenkämpfer-Lagerfeuer der selbsternannten Edlen und Guten in einem.“ Zugleich sei der Beitrag trotz des juristischen Graubereichs von der Kunstfreiheit gedeckt – „und die steht über allem.“„Ein linker Songwriter fordert, was Linke am besten fordern können: öffentliche Beschämung und Ausgrenzung“, urteilte Schroeder. Danger Dan fantasiere sich eine „Bürgerkriegssituation“ herbei und flirte mit einem „Ausnahmezustand, der Selbstjustiz als letztes Mittel nötig“ mache. „Und genau das ist übrigens das Programm der Rechtsextremisten, die der Song doch so leidenschaftlich anklagt.“ Die abschließenden Grüße an die Gewalttäter der Hammerbande seien „Hypersatire – oder gar keine“.Damit ließe sich Danger Dan mit dem Kabarettisten Uwe Steimle vergleichen, der unlängst auf einer AfD-Veranstaltung mit Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund über das Merkel-Porträt gewitzelt hatte: „Warum hat sie sich im Stehen malen lassen? Ich sag’s ihnen, weil sie ahnt, sie wird bald sitzen. Im Moment hängt sie erstmal, und wenn alle Stränge reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand.“ Damit bezog er sich auf ein Zitat des Kabarettisten Werner Finck, der besagten Witz nach der Machtergreifung der Nazis mit einem Hitler-Porträt aufgeführt hatte.Lesen Sie auch„Damit tat Uwe Steimle so, als sei er heute in einer faschistischen Diktatur, in einem Ausnahmezustand, in dem er der Letzte ist, der noch die Wahrheit ausspricht“, beanstandete Schroeder. „Hier begegnen sich Danger Dan und Uwe Steimle. Sie agieren beide aus einer herbeifantasierten Notwehr, die Gewalt ermöglichen soll. Damit wird die Gegenwart endgültig apokalyptisch. Und genauso, wie es Rechts- und Linksextremisten sich wünschen.“Den Vergleich mit dem Vorgang um Steimle zog auch Micky Beisenherz. Danger Dan solidarisiere sich mit dem Song mit Gewalttätern, kritisierte er. „Du setzt Standards und an die bist du nicht bereit, dich zu halten, wenn es gegen die anderen geht“, sagte er in seinem Podcast „Apokalypse & Filterkaffee“. „Ich kann doch nicht einerseits mich einen Tag vorher über Uwe Steimle aufregen, der bei einer Veranstaltung in Dessau Friedrich Merz implizit erschießen lassen oder Merkel aufhängen will – unter dem Deckmantel der Satire – und gleichzeitig sagen: Jetzt lasst doch Danger Dan sein Lied singen, wo Nazis langgelegt werden und man sich in die juristische Grauzone hineinbewegt. Das ist doch in sich nicht schlüssig.“Die Debatten um die impliziten Selbstjustiz-Aufrufe von Steimle und Danger Dan decken sich mit der Beobachtung des Soziologen Stefan Piasecki. „Die Menschen merken seit vielen Jahren, dass die Politik anders spricht, als sie handelt, dass sie falsche Sicherheiten vermittelt“, hatte dieser unlängst im WELT-Interview zum kontroversen Film „Citizen Vigilante“ erklärt. „Und sie haben – von links und von rechts – den Glauben an den Rechtsstaat verloren. Das ist ein ganz großes Gefahrenmoment.“ Die vermittelte einfache Lösung laute: „Dann mach’s halt selber.“