Aufruhr in der Ukraine: Der Stuhl des Armeechefs wackelt, Selenski steht unter ZugzwangSeit der Absetzung des populären Verteidigungsministers Fedorow dauern die Proteste in der Ukraine an. Präsident Selenski scheint einen Rückzieher vorzubereiten. Derweil tobt der Krieg weiter, unter anderem mit spektakulären Luftangriffen in der Region Moskau.20.07.2026, 15.57 Uhr5 LeseminutenPräsident Wolodimir Selenski steht nach der Entlassung seines Verteidigungsministers vor lauter ungünstigen Optionen.Danylo Antoniuk / ImagoDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski steckt in einer seiner grössten politischen Krisen seit Amtsbeginn. Mit der Entlassung des reformfreundlichen und erfolgreichen Verteidigungsministers Michailo Fedorow hat er Mitte letzter Woche einen Sturm der Empörung in Teilen der Armee und der Zivilgesellschaft ausgelöst. Selenski wollte nach eigener Darstellung einen unlösbaren Konflikt zwischen Fedorow und dem militärischen Oberbefehlshaber, General Olexander Sirski, beenden. Doch damit hat er sich nur ein grösseres Problem eingehandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bereits den fünften Tag in Folge verlangen Tausende von Demonstranten in Kiew und anderen Städten die Rückkehr Fedorows und die Entlassung des Armeechefs Sirski. Einer der Initianten, der Kriegsveteran und IT-Unternehmer Dmitro Kosjatinski, hat dem Präsidenten am Montag ein Ultimatum zur Erfüllung dieser Forderungen bis Donnerstagabend gesetzt. Wie vor einem Jahr bei den Protesten gegen die Entmachtung der Anti-Korruptions-Ermittler zeugen die Aktionen auf den Strassen von einer lebendigen Bürgergesellschaft und einer kritischen Haltung zur Staatsführung. Auch in den ukrainischen Medien wird Selenskis Vorgehen mit kritischem Unterton analysiert.Zum Stil der Protestkundgebungen gehört, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Slogans auf Kartonschilder schreiben, weshalb der Übername «Kartondemonstrationen» aufgekommen ist. Der Ton der Botschaften ist harsch – General Sirski wird von manchen geradewegs zum Teufel erklärt. Manche zeichnen auf ihr Schild auch bloss ein Stück Käse («sir») und machen sich damit über den Namen des Armeechefs lustig.General Olexander Sirski (rechts) bei einer Lagebesprechung mit Präsident Selenski im Donbass im vergangenen November.Ukraine Presidency / ImagoGegensätze in Stil, Alter und ZielenSirski hat seit Jahren Feinde im Militär und in der Öffentlichkeit, die ihm antiquierte, «sowjetische» Methoden der Kriegsführung vorwerfen. Besonders seine Neigung, belagerte Ortschaften selbst in aussichtsloser Lage unter hohen Opfern verteidigen zu lassen, trug ihm wiederholt Kritik ein. Aber als Kommandant der Landstreitkräfte und seit 2024 als Oberbefehlshaber der gesamten Armee kann er wichtige Erfolge vorweisen, darunter die Abwehr des Grossangriffs auf Kiew zu Beginn der russischen Invasion und später die Rückeroberung von grossen Teilen der Provinz Charkiw.Das grimmige Äussere des 61-Jährigen und seine Herkunft aus Russland – er ist ein Wahlukrainer – sind seinem öffentlichen Image nicht dienlich. Fedorow bot dazu ein Gegenbild. Der 35-Jährige verkörpert eine neue Generation und zugleich einen militärischen Ansatz, der die neuen Drohnentechnologien in den Vordergrund stellt und generell die Digitalisierung als Treiber von Reformen betrachtet.Fedorow scheint sich in seiner nur sechsmonatigen Amtszeit aber mit vielen Interessengruppen im Militärapparat verkracht zu haben. Indem sich Präsident Selenski auf die Seite von General Sirski schlug, hat er den Grundkonflikt nicht beseitigt. Mehrere prominente Offiziere quittierten aus Protest den Militärdienst, zugleich äusserten sich am Montag aber auch Unterstützer Sirskis, unter ihnen die Kommandanten der Luftwaffe und der Territorialverteidigung.Demonstrantinnen und Demonstranten singen während einer Protestveranstaltung im Zentrum von Kiew die ukrainische Nationalhymne.Pavlo Bahmut / ImagoSelenski sucht RatSelenski hat in dieser Situation keine wirklich guten Optionen. Er scheint aber erkannt zu haben, dass er vorschnell gehandelt hatte. So führt er seit dem Freitag ausführliche Beratungen mit seinen wichtigsten Kommandanten auf Korps- und Brigadestufe. Auch den Draht zu Fedorow suchte er und bedankte sich in einem langen Gespräch für dessen Leistungen. Der entlassene Minister äusserte sich danach kryptisch-optimistisch: Es werde auf jeden Fall «Veränderungen» geben; Selenski habe ihm Hoffnung eingeflösst. «Ich glaube, alles kommt gut.»Laut Gerüchten soll Fedorow in der Regierung einen neuen Posten als Koordinator für Militärtechnologie erhalten. Damit wären seine Talente am richtigen Ort eingesetzt, zugleich müsste er nicht mehr einen Koloss wie das Verteidigungsministerium führen. Politische Beobachter äussern allerdings die Befürchtung, dass Fedorow als blosser Koordinator zu wenig Macht im bürokratischen Gefüge hätte.General Drapati als neuer HoffnungsträgerDie zweite Forderung der Demonstranten, jene nach dem Abgang von General Sirski, kann Selenski weniger gut mit einem gesichtswahrenden Kompromiss erfüllen. Sich unter Druck einen neuen Armeechef aufdrängen zu lassen, dürfte dem Präsidenten missfallen. Zudem garantiert ein neuer Name an der Spitze nicht, dass die Spannungen innerhalb des Militärs abnehmen. Zumindest in einer ersten Phase wären interne Abrechnungen zu erwarten; diverse Kommandanten aus der grossen Seilschaft Sirskis müssten mit ihrer Versetzung rechnen.Aber Selenski deutete in den vergangenen Tagen an, dass er offen für einen Wechsel an der Armeespitze ist. Aufhorchen liess, dass er am Sonntag ausdrücklich ein Gespräch mit Generalmajor Michailo Drapati über die Lage an den Fronten im Norden und im Osten des Landes erwähnte. Drapati ist der Favorit der Sirski-Gegner und wäre bestens qualifiziert für dessen Nachfolge. Nach einer erfolgreichen Zeit auf verschiedenen Kommandos in den ersten Kriegsjahren war der 43-Jährige 2025 auf ein Nebengleis befördert worden, angeblich auf Betreiben Sirskis.Angriffe auf russische VerteilzentrenUngeachtet der militärischen Führungskrise in Kiew geht der Krieg mit unverminderter Heftigkeit weiter. Die ukrainische Hauptstadt war am Sonntag Ziel eines ungewöhnlich heftigen russischen Luftangriffs, bei dem nebst Kamikazedrohnen mehr als vierzig ballistische Raketen und Marschflugkörper zum Einsatz kamen. Umgekehrt führte die Ukraine mehrere aufsehenerregende Angriffe im Grossraum Moskau durch. Sie richteten sich hauptsächlich gegen Logistikzentren von Wildberries, dem grössten russischen Onlinehandelsunternehmen.Nachdem ukrainische Drohnen bereits in der Nacht auf Samstag ein Inferno in einem Wildberries-Warenlager dreissig Kilometer östlich von Moskau ausgelöst und ein weiteres Logistikzentrum in der zentralrussischen Provinz Tambow beschädigt hatten, folgte am Montag eine neue Serie solcher Angriffe. Diesmal traf es ein Verteillager desselben Onlineunternehmens im südlichen Umland von Moskau, ein nahes Treibstoffdepot und ein weiteres Warenlager in der Nähe des Hauptstadtflughafens Domodedowo.Die Ukraine argumentiert, dass sich auch das russische Militär über die Vertriebskanäle von Wildberries eindecke. Mindestens so sehr dürfte es der Führung in Kiew darum gehen, die Versorgungslage in der Region Moskau zu verschlechtern. Wie im Fall der Benzinkrise, die durch systematische Angriffe auf Erdölraffinerien ausgelöst wurde, soll die russische Bevölkerung den Krieg als akutes Problem in ihrem Alltag spüren und nicht mehr länger als eine ferne Angelegenheit abtun können.Passend zum Artikel
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