Heftiger Angriff auf Bahnmitarbeiter: Verdächtiger auf freiem FussIn Baden-Württemberg hat ein Mann derart auf einen Mitarbeiter der Bahn eingeprügelt, dass dieser aus dem Zug fiel. Der Tatverdächtige war auf Bewährung. Die Bahngewerkschaft EVG kritisiert, dass er nicht in Untersuchungshaft muss.20.07.2026, 14.56 Uhr3 LeseminutenDer Bahnmitarbeiter fiel kurz vor Ettlingen-Bruchhausen durch eine Tür des Regionalzugs. Sie hatte sich infolge des Angriffs durch einen Fahrgast geöffnet.Melanie Keul / DPAAngriffe auf Bahnmitarbeiter gehören in Deutschland mittlerweile zum traurigen Alltag des Zugpersonals. Nun ist am Freitagabend in Baden-Württemberg abermals eine Fahrscheinkontrolle eskaliert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tatort war ein Regionalzug, der zwischen Offenburg und Karlsruhe unterwegs war. Laut bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft weigerte sich ein 36-jähriger Fahrgast ohne Ticket, seine Personalien anzugeben und den Zug zu verlassen. Der Kontrolleur rief daraufhin einen Sicherheitsmitarbeiter und dessen Kollegen.Der Fahrgast begann dann, den 26 Jahre alten Bahnmitarbeiter zu schlagen und zu treten. Durch das Gerangel sollen die beiden Männer mehrmals gegen eine Zugtür geprallt sein, woraufhin sich diese geöffnet habe, heisst es.Nachdem der Fahrgast dem Mitarbeiter einen weiteren heftigen Tritt versetzt habe, sei dieser schliesslich bei Ettlingen-Bruchhausen durch einen Spalt aus dem rund 120 Kilometer pro Stunde schnellen Zug gefallen. Inzwischen schwebt der Mann nicht mehr in Lebensgefahr, wie die zuständige Staatsanwaltschaft dem SWR am Montag mitteilte.Tatverdächtiger ist wegen Gewaltdelikten vorbestraftWarum sich die Zugtür öffnete, ist bislang ungeklärt. Nach bisherigem Stand könnte sie beschädigt worden sein, ohne dass dies zunächst jemand bemerkte. Ein technischer Sachverständiger soll die genaue Ursache klären.Der Fahrgast wurde festgenommen. Der Mann ist wegen Gewaltdelikten vorbestraft und befand sich auf Bewährung; während der Tat soll er zudem alkoholisiert gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft beantragte Untersuchungshaft wegen Körperverletzung. Das Amtsgericht Karlsruhe lehnte den Antrag aber ab. Der Mann kam wieder auf freien Fuss.Zur Begründung teilte das Gericht mit, dass der Haftrichter ein Überwachungsvideo der Bahn ausgewertet habe. Dabei seien Zweifel am konkreten Ablauf des Geschehens aufgekommen, hiess es. Nach Einschätzung des Haftrichters fehlte der dringende Tatverdacht, der für einen Haftbefehl erforderlich ist. Zudem habe sich herausgestellt, dass der Beschuldigte entgegen den Angaben im Haftbefehlsantrag einen festen Wohnsitz habe, familiär gebunden sei und einer Vollzeitbeschäftigung nachgehe. Damit habe auch kein ausreichender Haftgrund wie Fluchtgefahr vorgelegen.EVG: «neue, lebensgefährliche Dimension»Bei der Bahn herrschte Bestürzung über den Vorfall. «Wir verurteilen den Angriff aufs Schärfste», teilte die Deutsche Bahn mit. Für die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist der Fall ein weiterer Beleg für die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte. Der Landeschef Manuel Amberger sprach von einer «neuen, lebensgefährlichen Dimension»: «Dass erneut einer unserer Kollegen nach einer einfachen Fahrkartenkontrolle im Krankenhaus um sein Leben ringen muss, macht uns fassungslos und wütend», sagte er.Tatsächlich steigt die Zahl der Übergriffe auf Bahnmitarbeiter schon seit Jahren. Allein 2025 registrierte die Bundespolizei etwa 2690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn; das waren etwa elf Prozent mehr als im Jahr zuvor.Auch die Freilassung des Tatverdächtigen löste Unverständnis aus. Es möge juristische Gründe geben, sagte die stellvertretende EVG-Vorsitzende Cosima Ingenschay. Für die Beschäftigten sei dies jedoch ein fatales Signal.Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer fordert das DurchgriffsrechtDer Fall weckt Erinnerungen an den Tod des Zugbegleiters Serkan Calar Anfang des Jahres in Rheinland-Pfalz. Der Schaffner war nach einer Fahrscheinkontrolle von einem Mann ohne Ticket so schwer verprügelt worden, dass er wenig später starb. Anfang Juli wurde der Täter zu zehn Jahren Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.«Es ist längst nicht mehr sicher, in den Zügen zu arbeiten», sagte Ingenschay. Bundeskanzler Friedrich Merz müsse den Kampf gegen Gewalt im Bahnverkehr zur Chefsache machen, forderte sie.Auch der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer verlangte nach dem Vorfall härtere Konsequenzen. «Wir brauchen Entscheidungen der Justiz, wir brauchen Gesetzesänderungen, und wir brauchen das Durchgriffsrecht», sagte Mario Reiss im WDR. Darunter wird verstanden, dass Bahnmitarbeiter mehr Befugnisse erhalten sollen, um in gefährlichen Situationen selbst eingreifen zu können. Zugleich umfasst die Forderung ein schnelleres und konsequenteres Vorgehen von Polizei und Justiz bei Gewalttaten gegen Zugpersonal.Es müsse jedem in Deutschland klar sein, «dass ein Angriff auf den Menschen geahndet wird und Folgen hat, die davor abschrecken, jemanden anzugreifen». Die Eskalation in Zügen habe eine «gewaltige» Dimension erreicht, sagte Reiss. Viele Beschäftigte gingen inzwischen mit Angst zur Arbeit.Mit Material der Deutschen Presse-AgenturPassend zum Artikel