Für einen verurteilten Straftäter hat Mario Roggero ziemlich viele Fans, und ziemlich hochrangige noch dazu. 2021 ist der Juwelier im norditalienischen Piemont ausgeraubt worden – und direkt nach dem Überfall hat er zwei der drei Räuber erschossen. Vergangene Woche ist der 72-Jährige deswegen in dritter und damit letzter Instanz zu 14 Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Nun sitzt er im Gefängnis. Und mindestens das halbe Land diskutiert über seinen Fall.Es ist der frühe Abend des 28. April 2021, als drei vermummte Männer den Laden Roggeros im Städtchen Grinzane Cavour überfallen. Sie haben Messer dabei und Schusswaffen, die sich später als falsch herausstellen. Sie fesseln Roggeros Frau und seine Tochter mit Kabelbindern. Die Tochter versucht noch, den Alarmknopf unter dem Verkaufstisch zu drücken, ohne Erfolg. Man kann sich all das auf den längst veröffentlichten Videos der Überwachungskameras ansehen, und auch, wie es dann weitergeht: wie Mario Roggero in den Verkaufsraum kommt, wie die Räuber mit der Beute den Laden verlassen. Wie Roggero einen Revolver aus der Schublade nimmt. Wie er ihnen hinterherläuft, raus auf die Straße, wo sie schon fast im Fluchtauto sind. Wie Roggero schießt. Wie erst der eine zu Boden geht und dann der andere. Der dritte Räuber wird verletzt, aber überlebt.Er muss 780 000 Euro Entschädigung an die Angehörigen zahlenHat Roggero aus Notwehr gehandelt? Oder aus Rache? Die Gerichte, die mit dem Fall zu tun hatten, haben eigentlich eine eindeutige Antwort auf die Frage gefunden: Es kann keine Notwehr gewesen sein, weil die Täter bereits auf der Flucht und damit die Bedrohung zum Zeitpunkt der Schüsse schon vorüber war. Der Juwelier wird wegen zweifacher Tötung, versuchter Tötung und unerlaubter Waffennutzung verurteilt. Zudem muss er an die Angehörigen 780 000 Euro Entschädigung zahlen.Doch nicht nur Roggero selbst hält sich für unschuldig. Auf Social Media bekommt er großen Zuspruch. Viele können sich offenbar in ihn hineinversetzen, den Vater, den Mittelständler mit Familienbetrieb. Und einige finden, wer angegriffen werde, habe immer das Recht, mit allen Mitteln zurückzuschlagen. Selbstverteidigung ist ein altes Thema der politischen Rechten, und so bekommt Roggero auch aus der Spitzenpolitik Unterstützung. Beinahe scheint ein Wettlauf darum entbrannt zu sein, wer es schafft, den Fall besser für sich zu nutzen.Ministerpräsidentin Giorgia Meloni stellte im Corriere della Sera Roggeros Zurechnungsfähigkeit infrage und sagte: „Wer kann schon den Schmerz, das Trauma, den Stress und die Angst dieses Mannes beurteilen?“ Sie erinnerte an einen Umstand, den auch Roggeros Verteidiger vor Gericht anbrachten: Der Juwelier war einige Jahre zuvor schon einmal überfallen worden, die Täter waren damals gewalttätig vorgegangen und hatten ihm die Nase gebrochen. Auf Facebook schrieb Meloni: „Du greifst mich an. Ich wehre mich. Und ich soll dir dann auch noch Schadenersatz zahlen? Das ist nicht fair.“ Die Regierungschefin spielte damit auf eine Neuregelung an, die ihre Regierung verabschiedet hat: Nach dieser steht Tätern kein Schadenersatz zu, wenn sie verletzt werden, weil jemand sich selbst verteidigt. Nur: Das gilt eben bei Notwehr, und die lag in Roggeros Fall ja genau nicht vor.Bekannt wurde in diesen Tagen auch, dass Roggero vor Jahren schon einmal mit einer Waffe straffällig geworden ist. Nach einem Streit bedrohte er italienischen Medienberichten zufolge den damaligen Freund einer seiner Töchter, was damals vor Gericht endete, mit einer Geldstrafe nach einem Vergleich.Als besonderer Unterstützer Roggeros hat sich Melonis Stellvertreter Matteo Salvini hervorgetan. Seit sich der Verurteilte am Freitag in ein Mailänder Gefängnis begeben hat, war der Lega-Chef schon zweimal zu Besuch. Er möchte den Straftäter sogar als Kandidaten seiner Partei aufstellen – was nicht nur am Gefängnisaufenthalt scheitern dürfte, sondern auch an Roggeros Unwillen. Der wird mit den Worten zitiert, eine Kandidatur sei das Letzte, woran er denke. Seine Haftstrafe betrachtet er als praktisch „lebenslänglich“, schließlich wäre er bei Entlassung 86 Jahre alt.Melonis Justizminister Carlo Nordio gab unterdessen bekannt, er habe eine Untersuchung eingeleitet, die darauf abziele, dem Juwelier eine Begnadigung zu gewähren. Allerdings erinnerte Staatspräsident Sergio Mattarella den Minister dann sehr schnell und sehr öffentlich daran, dass er damit seine Kompetenzen überschritten habe.Die politische Diskussion um den Juwelier ist vor allem: Wahlkampf. Für nächstes Jahr stehen in Italien Parlamentswahlen an, und Meloni und Salvini geraten derzeit immer stärker unter Druck – von ganz rechts. Die vom Ex-General Roberto Vannacci neu gegründete Partei „Futuro Nazionale“ steigt in Umfragen stetig an. Auch Vannacci fordert eine Begnadigung Roggeros. Und setzt hinzu: Hätte die aktuelle Regierung die nötigen Reformen gemacht, wäre der Juwelier gar nicht erst verurteilt worden.
Juwelier in Italien erschießt Räuber: Held in Debatte um Notwehr
Mario Roggero erschoss 2021 in Piemont zwei Räuber nach einem Überfall. Er erhielt 14 Jahre Haft – doch Politiker wie Salvini und Meloni sehen seine Tat als Notwehr.










