«Zum Schweigen gebracht»: Selbst gemässigte Kritiker hält der Kreml für gefährlichZwei Monate vor der Parlamentswahl in Russland gibt Boris Nadeschdin auf. Der Antikriegspolitiker, als «ausländischer Agent» gebrandmarkt und zu einer Geldstrafe verurteilt, zieht seine Kandidatur zurück. Putins Regime duldet auch moderate Oppositionelle wie ihn nicht mehr.20.07.2026, 13.35 Uhr3 LeseminutenZur Duma-Wahl im September tritt Boris Nadeschdin nach seiner Brandmarkung als «ausländischer Agent» nicht mehr an.Ramil Sitdikov / ReutersBoris Nadeschdin kennt die Winkelzüge russischer Politik. Er bewegt sich seit Jahrzehnten darin und gefällt sich in der Rolle des sogenannten Oppositionellen aus dem System. Also eines Politikers, der stets weiss, was er wann zu sagen hat und wie er das Gesagte so darlegt, dass es wie Kritik daherkommt, aber doch keine ist, die gefährlich werden könnte. Nun gibt er auf. Zur Parlamentswahl im September tritt der 63-Jährige nicht mehr an. «Ich bin nicht bereit, all jene in Gefahr zu bringen, die mich unterstützen und an meinem Wahlkampf teilgenommen haben», schrieb er am Wochenende in seinem Telegram-Account.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Russlands Justiz hatte Nadeschdin vor wenigen Tagen zum «ausländischen Agenten» erklärt, hatte ihn vor Gericht gestellt und mit einer Geldbusse bestraft. Nadeschdin hatte in seinen sozialen Netzwerken ein Foto des in Russland auch nach dessen Tod als «Extremist» geltenden Oppositionspolitikers Alexei Nawalny gepostet. Damit ist der Physiker nun vorbestraft. Und als «Agent» kann er ohnehin nicht kandidieren.«Aus der Politik gedrängt»Er sei aus der Politik gedrängt, zum Schweigen gebracht worden, schrieb Nadeschdin, nannte aber keine Namen. Russlands Exilmedien vermuten mächtige «Silowiki» hinter dem Druck auf den unabhängigen Kandidaten, also Männer aus Putins Sicherheitsstrukturen. Sie haben offenbar aus ihren Fehlern im Jahr 2024 gelernt. Eine Wahl, seit Jahren immer wieder als Volksbefragung mit festgelegtem Ausgang inszeniert, soll dieses Mal bereits im Vorfeld nicht einmal von einem sanften Kritiker des Regimes gestört werden.Nadeschdin sagt über sich selbst, er habe «kein Charisma». Ein «Wunder» aber, auch das sagt er selbst, habe er damals dennoch zustande gebracht. Vor zwei Jahren wollte er Putin Paroli bieten, er versuchte sich als Präsidentschaftskandidat. Seit mehr als dreissig Jahren macht er Politik, in herausragende Positionen kam er nie. Die angedachte Kandidatur gegen den Kremlherrscher war, das wusste auch Nadeschdin, durchaus grössenwahnsinnig, doch einen gewissen Grössenwahn brachte er mit, der sich wie ein Kind freute, dem System ein Schnippchen zu schlagen. Er verkaufte sich geschickt als Kriegsgegner und sammelte die Unterschriften all derer ein, die in ihm, dem Hofnarren vom Dienst, einen legalen Protest gegen Putins Russland sahen, in Zeiten, in denen jegliche Art öffentlich vorgetragenen Unmuts die Behörden auf den Plan ruft.Kein SympathieträgerNadeschdin aber sagte, Putin müsse seinen Posten räumen, und nennt den Krieg in der Ukraine – er sagt gesetzeskonform «militärische Spezialoperation» – bis heute einen «fatalen Fehler Putins». Selbst Oppositionelle im Exil hatten damals die Menschen dazu aufgerufen, für ihn zu stimmen, mag Nadeschdin auch nie ein Sympathieträger gewesen sein. «Da könnte auch ein Meerschweinchen antreten, Hauptsache, es ist nicht Putin», spotteten einige Russen über ihn und gaben ihm dennoch ihre Unterschrift.Gegen Putin kam er 2024 freilich nicht an, dafür funktioniert Russlands Willkürsystem bestens. Hunderttausende gesammelte Unterschriften für Nadeschdin erkannte die Zentrale Wahlkommission wegen angeblicher Formfehler nicht an. Nadeschdin machte weiter. Als «russischer Patriot», der sich an die Verfassung seines Landes halte, wollte er den Unzufriedenen auch bei der Duma-Wahl eine Stimme geben. Er versprach, für Benzin und gegen Internetblockaden zu kämpfen. Er sei für Frieden und Freiheit, sagte er immer wieder. Wie er für diesen Frieden zu sorgen gedenke, sagte er nie. «Ich fürchte nichts», hatte er 2024 gesagt. Zwei Jahre später scheint die Angst vor dem Regime auch ihn erreicht zu haben.Passend zum Artikel