Wer in Deutschland an japanische Restaurants denkt, der denkt vor allem an Sushi-Lokale. Aber spätestens, wenn man mal nach Japan reist (und der Wechselkurs zum Yen lädt gerade dazu ein), wird einem das ganze Ausmaß dieses Irrtums bewusst: Die japanische Küche umfasst so viel mehr als Maki und Sashimi – man würde ja die italienische Küche auch nicht auf Pizza und Pasta reduzieren.In der Münchner Gastronomie spiegelt sich diese Vielfalt bisher kaum wider. Es gibt ohne Ende Sushi-Läden und zum Glück immer mehr Ramen-Suppenküchen. Darüber hinaus tut sich aber noch nicht allzu viel.Das Koji im Westend ist mit seiner japanisch-internationalen Fusionsküche vor einem Jahr angetreten, ein Stück dieser Lücke zu füllen, nämlich die Lücke, auf der „Casual Fine Dining“ steht. Zu Deutsch: anspruchsvoll, aber bitte entspannt.Das merkt man nicht nur an der hübschen Midcentury-Einrichtung mit gemütlichen Polsterstühlen (wobei man im Sommer auch draußen im Schanigarten sitzen kann). Sondern auch daran, dass die Gerichte im Koji aufs Teilen angelegt sind. Es bestellt also nicht jeder für sich Vorspeise, Hauptgang, Nachtisch – sondern alle gemeinsam. Das hat den schönen Vorteil, dass man mehr Verschiedenes probieren kann. Und wenn’s nicht reicht, wird eben nachbestellt.Auf den Midcentury-Polsterstühlen im Koji sitzt man gemütlich. Stephan RumpfWir starten mit einer Handvoll Gerichte aus den Abteilungen „Small Bites“ und „Chef’s Choice“ der englischsprachigen Speisekarte. Die gegrillten Maisrippchen mit Knoblauch-Miso-Butter (8 Euro) sind saftig und angenehm „spicy“, um im Sound zu bleiben – lassen sich aber besser mit den Fingern als mit den gereichten Stäbchen essen. Eine echte Wucht ist „Nasu Dengaku“ (13,5o Euro), eine halbe Aubergine, die mit Miso so lang geschmort wurde, dass sie schon fast nussig schmeckt, wie süße Kastanien vielleicht. So haben wir Aubergine jedenfalls noch nie gegessen.Eine Portion „Spicy Tuna Tacos“ (18 Euro) besteht eigentlich aus drei Tacos, aber die lassen sich unter zwei Essern nicht gut aufteilen. „Wollt Ihr vielleicht vier?“, fragt der aufmerksame Kellner. Aber ja! Auf den knusprigen kleinen Wantan-Tacos türmen sich eingelegte Gurken und Kohl, obendrauf Yellow Fin Thunfisch und Sesamöl. Ein Glück, dass jeder davon zwei essen durfte.Ein Klassiker nicht nur in der japanischen Küche ist der Gurkensalat, von dem wir ein kleines Schälchen bestellen – schön scharf ist er hier, gewürzt mit der in Japan sehr beliebten, in Deutschland aber wenig verbreiteten Sieben-Gewürze-Mischung. Gut!Beef Tataki wird mariniert und dann kurz scharf angebraten. Die Koji-Version kommt mit Ponzu-Soße (16 Euro), und kurz denken wir: Schmeckt gut, genau wie erwartet. Das aber ist eine beeindruckende Leistung, denn auf der Karte steht nicht Beef Tataki, sondern „Beef“ Tataki: Das Fleisch ist in Wahrheit vegetarischer Fleischersatz, wie ihn das Koji zum Beispiel auch in seiner Ramen-Suppe verwendet (19,50 Euro). Wenn es auf der Karte nicht stünde, wir hätten es nicht bemerkt.Neben hochwertiger Küche bietet das Koji auch gute Cocktails. Stephan RumpfZwischendurch bestellen wir ein paar Cocktails. Auch die sind hier wirklich vorzüglich, das Koji taugt auch zur Bar. Besonders gefallen hat uns einer der Signature Drinks, die „Spicy Lychee Margarita“.Nach all den Leckereien sind wir eigentlich schon fast zu satt für ein Hauptgericht, aber wir haben hier ja einen Auftrag zu erfüllen. Wir bestellen also „Madai Matsukasa Yaki“, japanische Dorade auf Risotto mit Beurre Blanc (40 Euro). Und wir sind vollkommen hin und weg: Die Haut ist so knusprig frittiert, dass wir jede einzelne Raute sehen können. Das Geheimnis dieses Gerichts scheint aber der hausgemachte Koji zu sein, das ist eine fermentierte Würzpaste aus Reis, Salz und Wasser. Mit Koji und japanischer Dashi-Brühe wird das Risotto so weich und intensiv und umami, dass wir möglicherweise nie wieder italienisches Risotto essen wollen.Bei einem anderen Besuch probieren wir den gegrillten Oktopus mit Süßkartoffel-Miso-Püree (30 Euro), der auf dem Teller aussieht wie eine bunte, expressionistische Sonne. Schmeckte auch sehr gut, allerdings fanden wir die Portion für den Preis etwas klein.Keine Sorge, Sushi gibt es im Koji natürlich auch – aber der Fokus der Speisekarte liegt anderswo. Stephan RumpfZum Nachtisch lassen wir uns „The White“ empfehlen. Ein ringförmiges Parfait umhüllt mit weißer Schokolade, dazu Rhabarber-Yuzu-Soße, Kokosflecken (16,50 Euro).Apropos Empfehlung: Man kann im Koji auch „Omakase“ essen. So nennt man es, wenn man die Auswahl der Speisen der Küche anvertraut – die japanische Variante des Überraschungsmenüs. Dabei kann man nicht nur Vorlieben, sondern auch die preisliche Obergrenze nennen. Im Rahmen des Tests kam das für uns nicht infrage – wir wollten uns ja recht zielgerichtet quer durch die Speisekarte futtern, damit Sie, liebe Leser, unsere Auswahl auch nachvollziehen können. Vielleicht holen wir es beim nächsten, dann rein privaten Besuch nach.Vielleicht kosten wir dann auch mal das Sushi. Das gibt es im Koji nämlich auch, natürlich. Wir kamen nur vor lauter Alternativen auf der Speisekarte gar nicht dazu, es zu probieren.Koji, Parkstraße 1, 80339 München, Telefon: 089/45358440, Öffnungszeiten: Dienstag–Sonntag 17 bis 0 UhrDie Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.