PfadnavigationHomeKulturArtikeltyp:MeinungHalbzeitshowDer Fußball ist längst verkauft. Also lasst uns wenigstens feiernStand: 07:32 UhrLesedauer: 4 MinutenNeue Fußballwelt: Madonna, Justin Bieber & Co. auf dem RasenQuelle: FOX Sports via Getty Images/Frank MicelottaDie erste Halbzeitshow eines WM-Finales empört traditionelle Fußballfans. Dabei sind sie selbst schon lange Kunden im Unterhaltungsgeschäft. Vielleicht ist es Zeit, das Spektakel einfach zu genießen.Schwer zu sagen, wie viele TV-Zuschauer ihre Stoppuhr beim Halbzeitpfiff gezückt haben. Denn sie wussten, was kommt: nämlich mehr als die üblichen 15 Minuten, die längste Fußball-Halbzeitshow aller Zeiten. Der Frust über diesen vermeintlichen Dammbruch war entsprechend schon im Vorfeld groß.Dass die Marketingmaschine in den vergangenen Jahrzehnten immer heißer lief – Spieler längst auch Influencer sind, Transfergerüchte nach den Regeln einer Netflix-Serie erzählt werden – all das hat man gerade noch so zähneknirschend akzeptiert, solange das Spiel selbst blieb, wie es immer war. Und dazu gehörte eben auch die obligatorische 15-Minuten-Pause zwischen den Halbzeiten, die von der Kreisliga bis zum WM-Finale alle gleich handhabten.Lesen Sie auchDie Stoppuhr lief schon einige Minuten, bis der groß angekündigte Halbzeit-Act endlich losging. Erst einmal musste hastig der Rasen zur Konzertkulisse umgebaut werden. Das brachte Ex-Freiburg-Trainer und TV-Experte Christian Streich im ZDF ins Grummeln. Erwartbar, steht er doch mit seiner unverstellten Impulsivität, seinem sich nie abtrainierten südbadischen Dialekt für eine Art Authentizität, die eingefleischte Fußballfans so dringlich vermissen. Aber wenn dann Pop-Ikone Madonna von Ronaldinho und Ronaldo in einem Metallgestell-Auto virtuell ins Stadion gefahren wird, wirken diese Klagen provinziell. Madonna spielte ihren Welthit „Music“, die brasilianischen Fußball-Legenden Ronaldinho und Ronaldo strahlten um die Wette. Zugegeben, man hat sie auch noch nie nicht lachen gesehen. Der Auftakt der Halbzeitshow war von allen Acts der originellste und dürfte die ersten Skeptiker beschwichtigt haben. Danach folgte ein straff choreografiertes Medley internationaler Stars. Gustavo Dudamel dirigierte gemeinsam mit dem New York Orchestra und den Muppets „Seven Nation Army“, BTS absolvierte einen kurzen Gastauftritt, bevor Serienfigur Ted Lasso Sänger Justin Bieber wie einen Einwechselspieler aufs Feld schickte – die wohl charmanteste Idee der gesamten Inszenierung.Lesen Sie auchBieber setzte mit seiner Ballade „Everything Hallelujah“ einen angenehmen Kontrapunkt zur Dauer-Euphorie der übrigen Show und zeigte einmal mehr, dass er ein talentierter Sänger ist. Shakira, die nach ihm auftrat, überzeugte wiederum mit ihrer unvergleichlichen Körperbeherrschung. Zusammen mit Burna Boy leitete sie das Ende der Show ein. Die Stoppuhr zeigte da schon knapp zwanzig Minuten an. Weil noch alle Kulissen abgebaut werden mussten, lief sie weiter. Also durfte vor Wiederanpfiff noch Experte Christoph Kramer zum ersten Rezensenten werden: „Das gehört zur neuen Fußballwelt dazu“, sagte der Ex-Profi gnädig, wohlwissend, dass die schleichende Kommerzialisierung des Fußballs sein Millionengehalt als Spieler erst ermöglichte. Kaum jemand weiß besser als ein ehemaliger Nationalspieler, dass der Profifußball seit Langem ein Wirtschaftszweig ist.Anders sieht das beim „normalen“ Fan aus. Er profitiert finanziell nicht von der unerbittlichen Geschäftemacherei des Profifußballs. Im Gegenteil: Er muss sie über zig Streaming-Abonnements sogar mitfinanzieren. Dass also nun auch noch die Halbzeitpause verändert und damit die letzte Unterschiedslosigkeit zwischen einem Amateur und einem Weltklasse-Profi aufgelöst wurde, dürfte ihn emotional treffen. Und ein Freizeitspieler, der sonntags früh seine Schienbeinschoner in die Tasche packt, kann sich nur noch schwerer vormachen, die gleiche Sportart zu betreiben wie seine Helden in der Nationalmannschaft. Es wäre dennoch unnötig, allzu viel Rührseligkeiten aufzubringen. Denn diese beiden Welten – Amateurfußball und Spitzensport – haben schon lange nichts mehr miteinander zu tun. Wenn man genau ist, ging die Kommerzialisierung des Profifußballs schon 1973 los. Da führte Eintracht Braunschweig als erster Klub die Trikotwerbung ein. Der Spirituosenhersteller Jägermeister durfte fortan die Brust der „Löwen“ zieren – das ließ sich der Klub 100.000 Mark jährlich kosten. Und so drehte sich die Spirale immer weiter. Es kamen immer mehr Sponsoren dazu – irgendwann trugen auch die Stadien ihre Namen –, es gab Sommer-Tourneen in den USA und Asien, immer mehr Spiele, immer mehr WM-Teilnehmer. Warum sollte ausgerechnet die Viertelstunde zwischen zwei Halbzeiten von dieser Entwicklung verschont bleiben?Lesen Sie auchUm es also mal in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Vorstellung vom ursprünglichen Fußball ist schon lange tot und nur noch ein Hirngespinst von Kitschbeschwörern, die unter ihrer Sentimentalität leiden. Das müsste nicht so sein. Viel naheliegender ist es, den Event-Charakter des Profifußballs uneingeschränkt zu umarmen, zwanglos seinen Spaß zu haben. Der American Football, der beim Super Bowl regelmäßig pompöse Halbzeitshows feiert, könnte hier ein Vorbild sein. Kein Fan von American Football redet sich zwischen Kiss-Cam und Konfetti-Kanonen ein, eine „wahre“ Liebe zum Sport zu empfinden, die von Kommerzialisierung ungestört bleiben muss.Auch als Fußballfan konsumiert man seinen Sport längst wie ein Kunde, will jedoch gleichzeitig weiter in der Illusion leben, ein gleichwertiges Mitglied der Fußballgemeinschaft zu sein. Der Selbstbetrug ist nun mit der Halbzeitshow schmerzhaft aufgeflogen. Sie ging im Übrigen 27 Minuten und 23 Sekunden.