Auf dem Skateboard treibt man nicht nur Sport, man sammelt auch ästhetische Erfahrungen aus dem urbanen RaumSkater haben weltweit Städte erobert und die Pop-Kultur beeinflusst. Dem Verhältnis zwischen Sport und Kunst ist im Ethnografischen Museum Neuenburg die Ausstellung «Skate of Mind» gewidmet.Jörg Scheller20.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Bretter der Skater, die sogenannten Decks, dienen nicht nur als Vehikel, es handelt sich oft um aufwendig gestaltete Miniaturgalerien.Jean-Christophe Bott / KeystoneAls der Philosoph Walter Benjamin in den 1920er und 1930er Jahren an seinem «Passagen-Werk» arbeitet, interessiert er sich für Menschen, die sich auf ungewöhnliche Weise im städtischen Raum bewegen. Diese «Flaneure» sind für ihn keine Müssiggänger. Vielmehr nehmen sie die Stadt bewusster wahr als ihre Mitmenschen. Während Letztere ein meist zweckrationales Verhältnis zur Stadt haben, entdecken Flaneure ihre poetischen und ästhetischen Seiten: Zeitungskioske werden ihnen zu Bibliotheken, Firmenschilder zu Wandschmuck, Brandmauern zu Schreibpulten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als «die neuen Flaneure» bezeichnet der Bieler Sozialanthropologe Julien Glauser in einem gleichnamigen Aufsatz die Mitglieder der Skateboard-Szene, die um 1960 in Kalifornien entstand und von dort aus um die ganze Welt rollte. Für Glauser erkunden Skater den städtischen Raum auf eine Weise, die wiederum nicht zweckrational ist, sondern sich als «ein ästhetisches Unterfangen» erweist, das eine «offene Haltung» gegenüber der Umwelt erfordert.Skater «er-fahren» die Stadt im buchstäblichen Sinne und schreiben sich in sie ein. Wie auf einem entgrenzten Schreibpult hinterlassen sie dabei Spuren, die an gestisch-abstrakte Bildwerke erinnern: Kritzeleien wie bei Cy Twombly, aber als Rollenabrieb auf Asphalt oder als Kerben im Stein.Phänomen zwischen Sport und Pop-KulturJulien Glauser, selbst langjähriger Skater, ist Mitinitiator der Ausstellung «Skate of Mind» im Ethnografischen Museum Neuenburg. Von einem ersten kleinen, intimen Raum aus, der dem Zimmer eines jungen Fans der Schweizer Skate-Legende Chany Jeanguenin nachempfunden ist, entfaltet die multimediale Schau das Panorama einer – ja, was denn eigentlich? Ist Skateboarding eine Sportart? Eine Jugendkultur? Ein Lebensstil? Eine Modeindustrie? Eine Kunstform? Kommerz? Rebellion? Underground? Mainstream? «Skate of Mind» gibt eine eindeutig mehrdeutige Antwort: alles zugleich.Ist Skateboarding eine Sportart? Eine Jugendkultur? Ein Lebensstil? Eine Modeindustrie? Eine Kunstform? Kommerz? Rebellion? Underground? Mainstream? Chany Jeanguenin 2008 an der Euro Skateboard Championships in Basel.ImagoMit einer Fülle von Exponaten, für die man viel Zeit mitbringen sollte, präsentiert das Museum Skateboarding als postmodernes Phänomen zwischen Kunst und Pop, Markt und Aktivismus. Es gibt in dieser Ausstellung keine einfachen Wahrheiten. Vielmehr lädt «Skate of Mind» dazu ein, darüber nachzudenken, welchen «State of Mind» man selbst bevorzugt und ob man ihn auch leben möchte. «Skate» ist hier gleichsam der Gegenpol zu «fate», zum Schicksal.Fotografien von Fred Mortagne und Alan Maag zeugen von der engen Beziehung zwischen Kunst und Skateboarding. Mortagne setzt in seinen an das «Neue Sehen» der Bauhaus-Fotografie erinnernden Schwarz-Weiss-Aufnahmen Skater einerseits in monumentale Stadtlandschaften. In neuen Farbfotografien hingegen lässt er die Stadt zurück und zeigt, wie Skater in der Natur überwucherte Panzersperren befahren. Ähnlich hat Maag den Fokus auf eine Skater-Crew aus Glarus gerichtet, um Szenen abseits der städtischen Zentren festzuhalten. Wenn Städte zur maximal verdichteten, rundum überwachten Zone werden, bleibt immer noch die Flucht in die Provinz oder in die Natur.Fotografien von Fred Mortagne und Alan Maag zeugen an der Ausstellung «Skate of Mind» von der engen Beziehung zwischen Kunst und Skateboarding.Jean-Christophe Bott / KeystoneLeerstellen in der StadtDiejenigen Skater, die sich nicht mit Indoor-Skateparks begnügen, suchen in der Stadt nach Räumen, in denen wenig passiert, die übersehen werden – nach Leerstellen, die mit Bedeutung gefüllt werden können. Als Füllmaterial dienen «Tricks», Skate-Kunststücke im weitesten Sinne. Skater, die etwas auf sich halten, dokumentieren und verbreiten nur solche, die wirklich neu sind.Das Avantgarde-Motto des Skateboardings lautet «Never Been Done». Maag präsentiert 700 Fischaugenobjektiv-Fotografien von Tricks in einer kegelförmig aufragenden Installation. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung erläutert der Fotokünstler und Organisator von Skate-Events in Laax, an welchen Details man erkennt, ob Fotografen skate-kundig sind – haben sie die Essenz des jeweiligen Tricks verstanden und erfasst, oder rücken sie Nebensächlichkeiten in den Vordergrund?Eine VHS-Kassette des Films «Misled Youth» (1999) versinnbildlicht die Nähe der Skater zur harten Rockmusik, ebenso wie eine Ausgabe des 1981 gegründeten Skate-Magazins «Thrasher». Dessen Geburtsjahr ist identisch mit dem von massgeblichen Thrash-Metal-Bands wie Metallica und Anthrax, die Skater in ihren Reihen hatten.Galt Skateboarding einst als «weisse» Subkultur, so wurde es spätestens in den neunziger Jahren zum Multikulti-Trend. Magazine und Schallplatten-Cover belegen mannigfaltige, durchaus widersprüchliche Bezüge zu Mainstream-Pop, Disco, Hip-Hop und Punk. So beweglich wie die Skater selbst ist ihre Kultur. Mit Nachbauten typischer Skate-Spots, einem Skate-Arcade-Automaten und bis zur Decke reichenden Projektionen und Fototapeten, für die man den Hals recken muss, versetzt die Ausstellungsarchitektur auch das Publikum in Bewegung.Die Bretter der Skater, die sogenannten Decks, dienen aber nicht nur als Vehikel. Ihre oft aufwendig gestalteten Unterseiten fungieren auch als mobile Miniaturgalerien. Wie popkulturelle Nachfolger mittelalterlicher Bildwerke vermitteln sie ernsthafte Botschaften und haben oft Kultwert, zugleich sind sie Teil einer liturgischen Strassenartistik.An einer Wand ist ein dem Profi-Skater Jason Lee gewidmetes «Burger Board» (1991) montiert, das einen Hamburger vor dem Hintergrund eines an Andy Warhols Pop-Art erinnernden, repetitiven Kuh-Musters zeigt. Darunter befindet sich als Entgegnung das «Veggie Board» (1991) von Lees veganem Kollegen Ed Templeton. Es imitiert das Burger-Board-Design, ersetzt das Rindfleisch-Patty aber durch ein pflanzliches Patty. «Go vegan!», lautete schon damals die Botschaft.Politik im öffentlichen RaumNeben dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Subkultur und Mainstream ziehen sich auch politische Themen durch die Ausstellung. Gerade weil Skater sich oft im öffentlichen Raum bewegen, ist ihre Praxis politisch. Politik gibt es dort, wo Gegensätze aufeinandertreffen: In Videos stellt das Museum NGOs wie Skateistan vor, die sich in Afghanistan für die Rechte von Kindern, insbesondere Mädchen, einsetzt.Dem anarchistischen Prinzip «Do it yourself», das Skateboarding und Punkrock verbindet, ist eine ganze Sektion der Ausstellung gewidmet. Wenn freiheitsliebende Skater keine geeigneten Spots finden, warten sie nicht auf die Hilfe von Gott oder vom Staat, sondern bauen ihre Skateparks einfach in Eigenregie.Exkurse zu schweizerischen Skater-Szenen unter anderem in Basel und Neuenburg geben Einblicke, wie das konkret vor sich geht. In Basel beispielsweise schufen Skater 2006 die legendäre, heute nicht mehr existente «Black Cross Bowl» mit der schwarzen Skulptur eines lateinischen Kreuzes am Rand. Ist das als christliches Symbol gedacht? Zweifel sind angebracht. Denn in der Skater-Kultur ist auch die Bedeutung von Symbolen beweglich.Wie man da in der Ausstellung von Referenz zu Referenz, von Kontext zu Kontext, von Anliegen zu Anliegen wandelt, wird man zu einer Art Detektiv, der anhand von Spuren und Indizien eine Geschichte rekonstruiert. «In der Figur des Flaneurs hat die des Detektivs sich präformiert», schrieb schon Benjamin im «Passagen-Werk». Und Detektivarbeit leisten auch die Skater. Wo befinden sich Überwachungskameras? Welche Bereiche erfassen sie, welche nicht? Aus welchem Material ist diese Brüstung, welchen Winkel hat jenes Geländer? Welcher Teil der Stadt ist öffentlicher Raum, welcher privater, wo existieren Grauzonen?Dass die Antworten auf diese Fragen alles andere als trivial sind, zeigt Julien Glauser in seinem Skater-Film «Tokyo Through The Looking Glass» (2014). In Japan gelte für Skater dies: «Im öffentlichen Raum kommt die Polizei. Im privaten Raum kommt ein Sicherheitsunternehmen. Und dann gibt es Räume, da kommt die Yakuza.»Das Ethnografische Museum Neuenburg ist übrigens eine öffentliche Institution. Ihre Ausstellung kann zu bestimmten Zeiten mit Skateboard befahren werden. Ganz ohne Mafia. Ganz ohne Polizei.Die Skater-Szene entdeckt neue Räume in der Stadt oder baut sich eigene Anlagen.Jean-Christophe Bott / Keystone«Skate of Mind», Musée d’Ethnographie, Neuchâtel, bis 7. März 2027.Passend zum Artikel
Skateboarding: Ästhetik und Rebellion in urbanen Räumen
Skater haben weltweit Städte erobert und die Pop-Kultur beeinflusst. Dem Verhältnis zwischen Sport und Kunst ist im Ethnografischen Museum Neuenburg die Ausstellung «Skate of Mind» gewidmet.







