Führt der Weg ins Weisse Haus über Palästina? Die US-Demokraten schiessen sich auf Israel einZohran Mamdani hat es vorgemacht. Jetzt arbeiten sich auch immer mehr gemässigte Vertreter der Partei am jüdischen Staat ab. Und bei den Rechten bewirtschaftet J. D. Vance die Israel-Kritik.20.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenTreibt Benjamin Netanyahu das Weisse Haus vor sich her? Bis weit in den politischen Mainstream hinein hat sich diese Vorstellung festgesetzt.Jonathan Ernst / ReutersIsrael, ein Land, so gross wie New Hampshire, treibt die amerikanische Politik um. Die Frage, wie man es mit dem jüdischen Staat hält, ist längst in beiden Parteien zum Prüfstein geworden. Geradezu obsessiv wird das Verhältnis zum Alliierten im Mittleren Osten verhandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf der rechten Seite steht Tucker Carlson beispielhaft für die Entfremdung von Israel: Der Podcaster hat seine Mitgliedschaft in der Republikanischen Partei aufgekündigt, weil er sie unter der Fuchtel der israelischen Regierung wähnt. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu habe Donald Trump gefügig gemacht, so glaubt der Verschwörungstheoretiker.Bei den Rechten steht Tucker Carlson beispielhaft für die Entfremdung von Israel.Dave Decker / ImagoFast wie ein «Manchurian Candidate», ein von aussen gesteuerter Schläfer, sei Präsident Trump gegen Iran in den Krieg gezogen. Die amerikanische Supermacht als Vasall Israels: Bis weit in den politischen Mainstream hinein hat sich diese Vorstellung festgesetzt.Allerdings: Während Jerusalem fähig sein soll, das Weisse Haus am Gängelband zu führen, gelingt es den angeblich so einflussreichen Israeli immer weniger, die traditionellen Verbündeten in Washington für sich zu gewinnen. Denn die Demokratische Partei, die dem jüdischen Staat stets gewogen war, wendet sich zusehends von ihm ab.Keine Militärhilfe mehr für Israel?Nur zu deutlich zeigte sich dies vergangene Woche im Repräsentantenhaus: Fast die Hälfte der Demokraten stimmte dafür, die amerikanische Militärhilfe für Israel zu streichen. Zwar scheiterte der Antrag des republikanischen Israel-Kritikers Thomas Massie klar. In dessen eigener Partei fand die Vorlage keine Unterstützung, weshalb sie mit 314 zu 104 Stimmen abgelehnt wurde.Doch die 103 Stimmen der Demokraten sprechen für sich. Selbst gemässigte Schwergewichte wie die frühere Sprecherin Nancy Pelosi oder Katherine Clark, die als «minority whip» für die Fraktionsdisziplin zuständig ist, stellten sich hinter das Anliegen.Unter den republikanischen Abgeordneten ist Thomas Massie der vehementeste Israel-Kritiker.Tom Williams / ImagoDer Antrag von Massie sei zwar eine undurchdachte Polemik, erklärte Clark in einem Statement vor der Abstimmung. Dennoch werde sie Ja stimmen, da sie eine Kursänderung wolle: «Wir sollten keinen Blankocheck für Militärhilfe an ein Land ausstellen, das nicht den amerikanischen Gesetzen, Interessen und Werten entspricht.»Ähnlich äusserte sich Pelosi. Inhaltlich sei der Antrag unsinnig, doch gehe es «um die Botschaft, die er aussendet». Eine Botschaft, die Pelosi an Netanyahu adressiert wissen will. Mindestens so sehr geht von dem Votum aber ein Signal an die eigenen Wähler aus. Denn seit dem Krieg in Gaza verlangen viele eine härtere Gangart gegenüber Israel.Nancy Pelosi, die ehemalige Sprecherin der Demokraten, ist auch auf einen israelkritischen Kurs eingeschwenkt.Nathan Posner / Anadolu / ImagoAdam Smith aus dem Gliedstaat Washington erlebte eine regelrechte Einschüchterungskampagne. Der ranghöchste Demokrat im Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses stimmte laut eigener Aussage auch deshalb für die Einstellung der Militärhilfe, weil er seit Monaten von linksradikalen Israel-Kritikern drangsaliert wird.Einmal sei sein Haus von Vandalen verwüstet worden, schrieb er auf X: «In meiner Einfahrt wurde ein Feuer gelegt, das Leben meiner Nachbarn durch Demonstrationen mitten in der Nacht gestört.» Offenbar ist ein Mitarbeiter von ihm sogar körperlich angegriffen worden.80 Prozent stören sich an IsraelWährend es sich dabei um extremistische Auswüchse handelt, spiegeln sie gleichsam eine breitere Entwicklung. Laut einer Erhebung des Pew Research Center haben 80 Prozent der demokratischen und der unabhängigen Wähler mittlerweile eine eher negative oder rundweg schlechte Meinung über den Staat Israel.Der demokratische Abgeordnete Adam Smith berichtet von Einschüchterungsversuchen linker Anti-Israel-Aktivisten.Tom Williams / CQ-Roll Call via GettyDiese Wähler sehen sich von den aufsteigenden progressiven Demokraten abgeholt, die vom New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani angeführt werden. Wie von ihm vorgemacht, haben sich etwa die New Yorker Kandidatin für das Repräsentantenhaus Darializa Avila Chevalier oder der Senatsanwärter Abdul El-Sayed aus Michigan der Palästina-Bewegung verschrieben. Gleichzeitig gehen sie explizit auf Distanz zum Partei-Establishment.«Wenn es um den Gazastreifen und die Rechte der Palästinenser geht, vertritt die Demokratische Partei schon seit Jahren nicht mehr die eigenen Kernwähler», sagt Avila Chevalier gegenüber der «Washington Post»: Statt sich um die Menschen im Land zu kümmern, die sich Miete, Lebensmittel und Arztbesuche nicht mehr leisten könnten, würden die Politiker «Milliarden aufwenden, um einen Völkermord zu finanzieren».Für Avila Chevalier sind die gut hundert Abgeordneten, die sich gegen Israel ausgesprochen haben, längst nicht genug. Zum Gesamtbild gehört schliesslich auch, dass die andere Hälfte der Demokraten (noch) an Israel festhält.Doch der Erfolg der propalästinensischen Jungstars um Mamdani und Chevalier zeigt, wohin der Trend geht. Der Genozid-Vorwurf gehört längst nicht mehr nur bei radikalen Linken zum gängigen Vokabular. An der Debatte um die Militärhilfe zeigt sich nun handfest der Bruch in der Partei. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Spiegelfechterei.Bedient eine propalästinensische Wählerschaft: die New Yorkerin Darializa Avila Chevalier.Shuran Huang / The Washington Post / GettyDenn Netanyahu hat schon mehrfach erklärt, dass Israel sich von amerikanischen Waffenlieferungen lösen werde. «Ich will Rüstungsunabhängigkeit», sagte er. Die Diskussion um die Militärhilfe scheint also obsolet. Trotzdem ist sie zum Lackmustest für die Demokraten geworden.Selbst Rahm Emanuel stimmt einAuch der mögliche Präsidentschaftsanwärter Rahm Emanuel verlangte neulich bei einer Reise nach Israel die Abschaffung von Rüstungssubventionen. Israel, so sagte er an der Universität Tel Aviv, solle Waffen zu denselben finanziellen Bedingungen wie jeder andere Verbündete erwerben müssen.«Wahre Freunde», erklärte er, «sagen einander die Wahrheit.» Der Mann, der mit zweitem Vornamen Israel heisst und dessen Vater ein zionistischer Untergrundkämpfer war, wollte mit seiner Israel-Reise offenbar zeigen, dass auch er, trotz seinem jüdischen Glauben, zur Kritik an der zionistischen Heimat fähig ist.Wie «Politico» berichtete, war der Auftritt in Tel Aviv akribisch geplant. Angeblich teilte er den Entwurf seiner Rede, in der er unverhohlen seine Verachtung für Netanyahu ausdrückte, mit Bill und Hillary Clinton. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen will Emanuel seine Position austarieren. Er will die Parteimitte mitnehmen, aber auch nicht mit Kritik zurückstecken. Denn der Weg ins Weisse Haus, so scheint es, führt gegenwärtig nur über Palästina.«Wahre Freunde sagen einander die Wahrheit»: Rahm Emanuel reiste nach Israel, um seine Kritik vor Ort vorzutragen.Ariel Schalit / APDas denkt sich offenbar auch Ro Khanna. Als wollte er Rahm Emanuel auf den Hacken stehen, flog der Abgeordnete aus Kalifornien genau zur gleichen Zeit nach Israel. Allerdings hatte der progressive Khanna weniger Tel Aviv als das Westjordanland zum Ziel. Dort machte er sich nach eigener Aussage ein Bild von den Lebensbedingungen der Palästinenser.Südlich der Stadt Hebron, vor einem palästinensischen Beduinendorf, wurde sein Fahrzeugtross dann jedoch von bewaffneten israelischen Siedlern aufgehalten. Wie brenzlig die Situation war, ist unklar. In seiner Version der Geschichte erweckt Khanna den Eindruck, er sei festgenommen worden. «Israelische Siedler, die mit in Amerika hergestellten M4-Gewehren fuchtelten, haben mich und andere Amerikaner auf meiner Reise nach Palästina festgenommen», schrieb er auf Facebook.Gegenüber diversen amerikanischen Medien schimpfte er auf die israelischen Soldaten, die sich auf die Seite der Siedler geschlagen hätten. Tatsächlich erweckt das Videomaterial, das Khanna selbst veröffentlichte, aber eher den Eindruck, als hätten die Soldaten die Siedler vertrieben und ihm die Weiterfahrt ermöglicht. Dass er eine gute Stunde im Auto sass, empfand er offenbar als Festnahme.Kritiker werfen ihm vor, den Abstecher in die palästinensischen Gebiete auf eine medienwirksame Konfrontation ausgelegt zu haben, um sich anschliessend als Opfer zu gerieren. Die israelische Regierung hatte er nicht über seine Reisepläne informiert. Dafür liess er sich von einem Fotografen der «New York Times» begleiten. Den Eindruck, dass es ihm tatsächlich um den Showeffekt ging, erweckte er selber mit seinen Äusserungen gegenüber der Zeitung. «Ein kostenloser Rat an die Israeli», so sagte er: «Es ist keine gute Idee, mögliche zukünftige Präsidentschaftskandidaten festzunehmen.»J. D. Vance wettert gegen IsraelDie Israeli werden sich allerdings keine Illusionen machen. Egal, ob der nächste Präsident Demokrat oder Republikaner ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass er wenig Sympathien für Israel hat, bleibt gross. Denn auch der Favorit für die Nachfolge von Trump, J. D. Vance, war in letzter Zeit nicht um Kritik am jüdischen Staat verlegen.In einem fast dreistündigen Interview mit dem rechten Podcaster Joe Rogan raunte der Vizepräsident von «Kräften innerhalb der israelischen Regierung», welche die von ihm geführten Friedensverhandlungen mit Iran torpediert hätten. Sie würden einen ewigen Krieg führen wollen. Wie er auf den Gedanken kommt, dass nicht Iran mit seinen Angriffen in der Strasse von Hormuz Schuld am Scheitern seines 14-Punkte-Plans trägt, sondern Israel, führte er nicht aus.Doch offenbar bezieht sich sein Ärger auf gewisse Minister Netanyahus, die das Memorandum of Understanding scharf kritisiert hatten. Schon bei einer Pressekonferenz Mitte Juni zog Vance über den jüdischen Staat her. Trump sei der einzige Staatschef auf der ganzen Welt, der noch Sympathien für Israel hege, sagte er. «Wenn ich ein Mitglied der israelischen Regierung wäre, würde ich nicht den einzigen mächtigen Verbündeten angreifen, der euch auf der Welt noch geblieben ist.»Im Umkehrschluss sollte das wohl heissen: Wenn er, Vance, Präsident wäre, hätte Israel gar keine Verbündeten mehr.Passend zum Artikel
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