Frankfurt. JP-Morgan-Topmanager Doug Petno rechnet mit einer anhaltenden Hausse an den Börsen. „Wir erleben ein goldenes Zeitalter der Kapitalmärkte“, sagte der Co-Präsident der US-Großbank und Chef der Commercial & Investment Bank im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Börsengang des Raumfahrtunternehmens SpaceX im Juni, den JP Morgan begleitet hat, habe gezeigt, „was an den Kapitalmärkten möglich ist“.Petno hält Zweifel für unbegründet, ob sich die hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) und die dazu nötige Infrastruktur auszahlen werden. „Die Entwicklung der KI wird nicht geradlinig nach oben gehen“, sagte er. „Es wird unterwegs immer wieder Ereignisse geben, die das Vertrauen belasten. Aber ich würde nicht gegen KI wetten.“ Auch sorgt er sich nicht um den Ausfall privater Kreditfonds. JP Morgan ist selbst mit rund 50 Milliarden Dollar bei Private Credit engagiert.Dem Start-up-Standort Deutschland bescheinigte er Potenzial, wobei er explizit München hervorhob. Hier sei ein „echter Durchbruch“ möglich – dank „brillanter Gründer“ und „Firmen mit spannenden Geschäftsmodellen“. Im Vergleich zu den USA mangele es hierzulande jedoch an Kapital und Risikobereitschaft. „Im Silicon Valley darf ein Unternehmen scheitern. In Europa ist Scheitern noch immer zu stark stigmatisiert.“Petno gibt sich mit Blick auf seine Ernennung zum designierten Nachfolger von Jamie Dimon und den Wettstreit um den CEO-Posten betont zurückhaltend. „Diese Aufgabe zu übernehmen, ist eine außergewöhnliche Ehre – aber sie bringt auch eine enorme Verantwortung mit sich.“Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Doug Petno:Herr Petno, JP-Morgan-CEO Jamie Dimon hat Europa Ende vergangenen Jahres „große Probleme“ attestiert und kritisiert, der Kontinent vertreibe Unternehmen, Investitionen und Innovationen. Wie blicken Sie heute auf Europa und Deutschland?Europa steht vor großen Herausforderungen. Mein Eindruck ist aber, dass das Problembewusstsein mittlerweile deutlich größer ist – und dass sich etwas bewegt. Es fließt mehr Kapital nach Europa, und es entstehen mehr Einhörner, also Start-ups im Wert von mindestens einer Milliarde Dollar. Ich habe zuletzt mit Unternehmern aus München gesprochen und war begeistert.Plakat des Start-ups Helsing in München: „Wir sehen besonders in den Sektoren Verteidigung und Technologie großes Wachstumspotenzial.“ Foto: IMAGO/Björn TrotzkiWas hat Sie begeistert? Es gibt dort brillante Gründer und Firmen mit spannenden Geschäftsmodellen. Ich sehe in München großes Potenzial für einen echten Durchbruch. Aber wenn man die Region mit dem Silicon Valley vergleicht, sieht man auch, was noch fehlt: ein tieferer Kapitalmarkt und ein größerer Risikoappetit. Im Silicon Valley darf ein Unternehmen scheitern. In Europa ist Scheitern noch zu stark stigmatisiert.Wie lässt sich das ändern? Das lässt sich nicht über Nacht ändern, daran muss man beständig arbeiten. In den USA ist der Kapitalmarkt deutlich tiefer und stärker bereit, künftiges Wertschöpfungspotenzial von Unternehmen einzupreisen. Das zeigt nicht nur der jüngste Börsengang von SpaceX, sondern auch die grundsätzlich höhere Bewertung von amerikanischen im Vergleich zu europäischen Firmen. Zudem gibt es in den USA deutlich mehr Wagniskapital. Vita Doug Petno Doug Petno, Jahrgang 1965, ist seit 35 Jahren bei JP Morgan Chase tätig. Im Juni wurde er zum alleinigen Chef der Commercial & Investment Bank (CIB) ernannt, die er zuvor gemeinsam mit Troy Rohrbaugh leitete. JP-Morgan-CEO Jamie Dimon berief beide außerdem zu Co-Präsidenten der US-Großbank. Damit gilt Petno als designierter Nachfolger Dimons. Der studierte Biologe ist Vorstandsmitglied der Nature Conservancy und war an der Gründung von NatureVest beteiligt – einer Plattform für nachhaltige Kapitalanlagen innerhalb der Naturschutzorganisation, die JP Morgan als Gründungspartner mitfinanzierte.Mit einer Marktkapitalisierung von 930 Milliarden Dollar ist JP Morgan die größte Bank der USA. Sie ist in mehr als 100 Ländern vertreten und beschäftigt über 300.000 Mitarbeiter weltweit. Zuletzt legte das Geldhaus gute Zahlen für das zweite Quartal vor.Nach der Ankündigung des großen Investitionspakets der Bundesregierung im Frühjahr 2025 waren viele Investoren euphorisch. Mittlerweile hat sich die Stimmung jedoch eingetrübt, einige Unternehmen haben ihre Investitionspläne zurückgefahren oder ganz aufgegeben. Wie schauen internationale Investoren derzeit auf Deutschland?Die Stimmung kann schnell drehen. Deutschland sollte sich deshalb nicht von kurzfristigen Rückschlägen entmutigen lassen. Ich sehe grundsätzlich weiterhin ein großes Interesse von Investoren an Deutschland. Gerade bei der Verteidigung hat die Bundesregierung die richtigen Signale gesetzt. Dass Kanada in Deutschland zwölf moderne U-Boote bestellt hat, kann eine positive Dynamik auslösen.Was bedeutet diese positive Dynamik für JP Morgans Geschäft in Deutschland?Wir sehen besonders in den Sektoren Verteidigung und Technologie großes Wachstumspotenzial. Im Frühjahr haben wir angekündigt, in den kommenden zehn Jahren im Rahmen unserer Sicherheits- und Resilienzinitiative 1,5 Billionen Dollar weltweit zu mobilisieren, einschließlich Deutschland, Frankreich, Italien und Polen. Seitdem verzeichnen wir in Deutschland großes Interesse von Unternehmen, dabei mit uns zusammenzuarbeiten.Märkte Insight US-Banken sind die neuen Gewinner des KI-Booms Über welche Unternehmen sprechen wir dabei? Wir haben uns in Europa lange vor allem um große Unternehmen und vermögende Kunden gekümmert. 2020 sind wir dann ins Geschäft mit Midcap-Unternehmen und später auch mit ausgewählten Start-ups eingestiegen. Deutschland war dabei eines der ersten Länder in Europa. Bei Start-ups engagieren wir uns typischerweise nicht unmittelbar nach der Gründung (Seed-Phase), aber ab der zweiten oder dritten Finanzierungsrunde (Series B und Series C).Wie kam es zur Expansion ins Mittelstands- und Start-up-Geschäft?Das war eine datengetriebene Entscheidung. Wir haben uns angeschaut, welche Unternehmen es in den jeweiligen Ländern gibt, die grenzüberschreitend tätig sind und denen wir mit unserem internationalen Netzwerk einen Mehrwert bieten können – etwa im Investmentbanking oder im Zahlungsverkehr.Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?Wir haben in Deutschland seit 2020 über 100 Midcap-Unternehmen und Start-ups als Kunden gewonnen – und erwarten auch für die kommenden Jahre starkes Wachstum. Aktuell steigen die Umsätze in diesem Segment um rund 20 Prozent pro Jahr. Perspektivisch wollen wir unsere Kundenbasis ausweiten und auch Firmengründern ein Angebot machen.Wie soll das aussehen? Wir entwickeln eine digitale Bankenplattform für Start-ups, die zunächst in den USA ausgerollt wird und dann idealerweise auch in den internationalen Märkten. Wir sind in Deutschland im Mai ja mit Chase gestartet, einer Digitalbank für Privatkunden. Das neue Angebot wird eine Art Chase für Start-ups, wo Kunden sich einfach registrieren und auf mehrere Standardprodukte zugreifen können. Wir haben zweifellos die finanziellen Mittel für große Transaktionen. Neben organischem Wachstum könnte JP Morgan auch zukaufen. Jamie Dimon sagte kürzlich, das Institut könne dafür zehn bis 20 Milliarden Dollar ausgeben. In welchen Bereichen wären Zukäufe für Sie interessant? Wir schauen uns alles an, am wahrscheinlichsten wäre wohl eine Übernahme, die auf neue oder ergänzende technologische Fähigkeiten ausgerichtet ist. Grundsätzlich liegt unsere Messlatte für Akquisitionen hoch. Wir haben zweifellos die finanziellen Mittel für große Transaktionen. Aber wir werden sie nur einsetzen, wenn wir ein außergewöhnliches Unternehmen zu einem guten Preis kaufen können.Schauen Sie sich auch Ziele in Europa und Deutschland an?Wir haben Teams, die sich alle potenziellen Übernahmeziele anschauen – auch in Deutschland und Europa. So bekommen wir mit, was es da draußen so gibt und ob jemand eine bessere Lösung hat als wir. Falls das so ist, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir bauen selbst eine bessere Lösung, oder wir beschäftigen uns mit einer Übernahme. Das gilt für Banken genauso wie für Fintechs.Hier in Frankfurt kämpft die Commerzbank gerade gegen eine Übernahme durch Unicredit und sucht einen weißen Ritter. Wären Sie interessiert?Kein Kommentar.Rakete von SpaceX: „Gutes Omen für andere große Börsengänge.“ Foto: REUTERSLassen Sie uns von Frankfurt nach New York wechseln. JP Morgan war der führende Berater beim Börsengang von SpaceX im Juni. Das Unternehmen wurde dabei mit mehr als zwei Billionen Dollar bewertet, hat seitdem aber mehrere Hundert Milliarden an Marktkapitalisierung verloren. Welches Signal geht davon aus?SpaceX hat gezeigt, was an den Kapitalmärkten möglich ist. Die Größe der Transaktion ist spektakulär: die Bewertung von rund zwei Milliarden genauso wie die 75 Milliarden Dollar, die der Konzern beim Börsengang eingesammelt hat. Daran sieht man, wie viel Liquidität weltweit verfügbar ist und wie groß das Interesse von Privatanlegern und Profiinvestoren an spannenden Unternehmen ist. Das ist ein gutes Omen für andere große Börsengänge, die jetzt anstehen.Sind Sie sich da sicher? Es gibt Berichte, dass die KI-Firma OpenAI über eine Verschiebung ihres Börsengangs nachdenkt. Und die SpaceX-Aktie hat seit ihrem Rekordhoch etwa 50 Prozent verloren.Aus meiner Sicht überwiegt das Positive: SpaceX war der größte Börsengang aller Zeiten. Zudem gab es in diesem Jahr neben SpaceX noch acht weitere Kapitalmarkttransaktionen mit einem Volumen von mehr als 20 Milliarden Dollar. Wir erleben ein goldenes Zeitalter an den Kapitalmärkten. KI ist der größte technologische Fortschritt unserer Lebenszeit. Der Haupttreiber ist Künstliche Intelligenz. Werden SpaceX und andere Unternehmen davon am Ende so stark profitieren wie erhofft?Davon bin ich überzeugt. KI ist der größte technologische Fortschritt unserer Lebenszeit. Die Technologie verbessert sich in einem Tempo, das wir lange nicht gesehen haben. Die Nachfrage nach Rechenleistung ist enorm – und wir sehen keinerlei Anzeichen, dass sie nachlässt. Unternehmen werden KI künftig in viel mehr Bereichen einsetzen. Aktuell sind wir von einer breiten Marktdurchdringung noch weit entfernt und kratzen nur an der Oberfläche.Andere Experten sind weniger euphorisch. Der Analyst Ed Yardeni sprach kürzlich von einer KI-Müdigkeit. Seiner Meinung nach wachsen die Zweifel von Investoren, ob sich die hohen Investitionen in KI und deren Infrastruktur am Ende auszahlen.Die Entwicklung der KI wird nicht geradlinig nach oben gehen. Es wird unterwegs immer wieder Dinge geben, die das Vertrauen belasten. Aber ich würde nicht gegen KI wetten.Haben Sie keine Angst, dass die viel zitierte KI-Blase irgendwann platzt?Nein. Viele Unternehmen haben doch gerade erst damit begonnen, einen umfassenderen Einsatz von KI vorzubereiten: Sie schulen ihre Belegschaft. Sie bereiten ihre Daten entsprechend auf. Und sie versuchen, die Kosten für den Einsatz von KI besser zu managen. Das sind normale Wachstumsschmerzen, wenn Unternehmen plötzlich ein so leistungsfähiges Werkzeug in die Hand bekommen. Das sollte niemanden überraschen.Ein anderes Thema, das viele Investoren umtreibt, ist das starke Wachstum der privaten Kreditfonds. Einige Investoren haben begonnen, Geld aus dem sogenannten Private-Credit-Sektor abzuziehen. Könnte dort eine Krise entstehen, die eines Tages auf die breiteren Finanzmärkte überschwappt?Private Credit hat sich zu einer sehr bedeutenden Anlageklasse entwickelt. Inzwischen gibt es mehr als 1000 private Kreditfonds, von denen einige besser sind als andere – genauso wie bei den Banken. Aber: Private Kreditfonds stellen aus unserer Sicht kein systemisches Risiko für die Wirtschaft dar, wie wir es in der weltweiten Finanzkrise 2008 erlebt haben.US-Großbanken JP Morgan erzielt Rekordgewinn – Bankchef Dimon warnt dennoch JP Morgan ist selbst mit rund 50 Milliarden Dollar bei privaten Kreditfonds engagiert. Wie riskant ist dies im aktuellen Umfeld?Mir bereitet dieses Portfolio keine übermäßigen Sorgen. Wir haben viel Erfahrung bei der Vergabe von Krediten. Zudem unterziehen wir dieses Portfolio regelmäßigen Stresstests. Klar ist aber auch: Wenn es irgendwann zu einem starken wirtschaftlichen Abschwung kommt, werden überall Verluste anfallen: im Private-Credit-Sektor genauso wie bei anderen Krediten. Mir bereitet ein anderer Aspekt mehr Sorgen.Welcher?Die Kundenseite. Banken kennen ihre Firmenkunden meist viele Jahre und sind von deren Geschäftsmodell überzeugt. In einer Krise stellen sie den meisten bei Bedarf zusätzliches Kapital zur Verfügung, um ihnen durch diese schwierige Phase zu helfen. Wie sich die privaten Kreditfonds in einem Wirtschaftsabschwung verhalten würden, wissen wir dagegen nicht.JP-Morgan-Chef Jamie Dimon: Wird Doug Petno sein Nachfolger? Foto: BloombergSie fürchten, dass dann mehr Unternehmen pleitegehen, weil die privaten Kreditfonds kein Geld nachschießen werden und stattdessen ihre Kredite fällig stellen?Ich sage nicht, dass es so kommt, aber es gibt dazu noch keine empirischen Erfahrungen. Erst in der nächsten Krise wird sich zeigen, ob private Kreditfonds Unternehmen dann stützen oder nur die Interessen ihrer Investoren (Limited Partners) im Blick haben.Lassen Sie uns zum Abschluss noch über Ihren Aufstieg sprechen. Sie wurden Ende Juni gemeinsam mit Troy Rohrbaugh zu Co-Präsidenten von JP Morgan ernannt. Damit sind Sie einer von zwei möglichen Nachfolgern von Jamie Dimon. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie davon erfahren haben?Ich habe ein bisschen gebraucht, um das zu verarbeiten. Diese Aufgabe zu übernehmen, ist eine außergewöhnliche Ehre, aber sie bedeutet auch eine gewaltige Verantwortung. Wir haben schließlich 330.000 Beschäftigte und eine große Kundenbasis rund um die Welt.US-Bank JP Morgan eröffnet neuen Wettstreit um Dimon-Nachfolge Verwandte Themen DeutschlandEuropaSpaceXJamie DimonUSACommerzbankDer Chefposten bei JP Morgen ist der wichtigste Job an der Wall Street. Wie wollen Sie Ihren Konkurrenten im internen Wettbewerb um Dimons Nachfolge ausstechen? Troy ist nicht mein Konkurrent! Er ist mein Büronachbar, Freund und Partner. Wir haben die Investmentbank bis vor Kurzem gemeinsam geführt. Jetzt haben wir beide sehr große Aufgaben, und wir brauchen einander, um erfolgreich zu sein.Dass Sie zu einem der mächtigsten Banker der Welt aufsteigen würden, hat sich in Ihrer Jugend nicht abgezeichnet. Sie haben Biologie studiert und wollten eigentlich Tierarzt werden. Warum ist es dann doch anders gekommen? Ich war tatsächlich kurz davor, Pferdetierarzt zu werden. Während meines Biologiestudiums in Indiana habe ich sechs Jahre lang bei einem Pferdetierarzt gearbeitet. Das war ein anstrengender und schmutziger Job, aber er hat mir Spaß gemacht. Dann ist der Tierarzt, für den ich gearbeitet habe, nach Texas gezogen. Da ich noch studierte, konnte ich nicht mitgehen. Stattdessen habe ich nach meinem Studium bei der Indiana National Bank angefangen, die mittlerweile Teil von JP Morgan ist. Dort habe ich festgestellt, dass ich eine Affinität zu Finanzen und Kapitalmärkten habe. Das war für mich der Wendepunkt.