Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard hatten die Strapazen der 15. Etappe nach einer unfreiwillig kurzen Nacht in Angriff genommen. Unangekündigte Dopingkontrollen rissen die Radprofis aus dem Schlaf. Vingegaard wurde nach eigenen Angaben um zwei Uhr geweckt, bei Pogacar standen die Kontrolleure um fünf Uhr vor der Tür. „Ich habe gut geschlafen, aber dann klopfte es an der Tür. Es war für mich eine große Überraschung“, sagte Vingegaard. „Es ist gut, dass sie testen. Aber natürlich hat das einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit vor so einer Etappe.“ Als hätte er sein Schicksal erahnt.Die Auvergne-Rhone-Alpen hätten zum Ort des nächsten Showdowns zwischen den beiden Top-Platzierten werden können. Doch dieser Sonntag und dieser 15. Streckenabschnitt hatten eine andere Dramaturgie vorgesehen. Kurz vor dem finalen Anstieg hinauf zum Zielplateau krachte es. Am Ende eines Kreisverkehrs ereignete sich in der Gruppe um den Träger des Gelben Trikots ein verheerender Sturz.20 Kilometer vor dem Ziel gingen der Mexikaner Isaac Del Toro und der bis dato mit 4:30 Minuten Rückstand Gesamtzweite Jonas Vingegaard im Getümmel zu Boden. Vingegaard war soeben ohne Fremdeinwirkung auf einer Bordsteinkante ausgerutscht. Während der Mexikaner und andere gestürzte Profis schnell wieder aufspringen konnten und weiterfuhren, blieb der Däne auf dem Asphalt sitzen, hielt sich die rechte Schulter und musste behandelt werden. Seine Augen sprachen Bände. Schnell wurde klar, dass der 29-Jährige sich soeben ernsthaft verletzt hatte, eventuell ein Schlüsselbeinbruch. Mit einer Armbandage stieg der zweimalige Tour-Sieger ins Teamfahrzeug seiner Visma-Equipe.Das Plateau de Solaison Brison hat etwas Trügerisches, wie es sich mit seinen grünen Almwiesen in die Landschaft schmiegt, wo Kühe weiden und ein leichter Wind die Grashalme zittern lässt. Mit gut 1500 Metern Höhe ragt dieses Plateau nicht sonderlich weit in den Himmel hinauf, gar lieblich wirkt das alles hier, unweit der Schweizer Grenze, es fehlt nur noch, dass Heidi samt dem Ziegenpeter über die Almwiese flitzt. Doch flitzen sollen hier andere, nämlich die besten Rennradprofis dieser Zeit. Und hier entpuppte sich das vermeintlich harmlose Plateau de Solaison am Sonntag schon in der Anfahrt als Irrlicht.Erstmals in der Geschichte der Tour de France im Programm, wurde der 11,3 Kilometer lange Anstieg sogleich zum Ort der Entscheidung. Nach 184 sportlich dramatischen Kilometern setzte sich der Belgier Remco Evenepoel in einem finalen Bergsprint gegen Pogacar und dessen Teamkollegen Del Toro durch. Ein guter Tag für die deutsche Equipe Red-Bull-Bora-Hansgrohe, der seit dem Einstieg des Brauseherstellers 2024 der erste Etappensieg bei der Tour de France gelang. Ein schlechter Tag für Vingegaard.Bitteres Ende: Jonas Vingegaard (2.v.l.), bisheriger Zweiter der Gesamtwertung, steigt nach seinem Sturz in ein Röntgen-Mobil ein. Stefan Tabeling/dpaAufgabe eines der Besten dieser Zeit, davon und von der Unruhe musste sich die Gruppe um Pogacar erholen. „Die Tour wird nicht die gleiche sein ohne ihn, es macht mich sehr traurig, dass er jetzt nach Hause fahren muss“, sagte Pogacar später im Ziel. Die, wenn man so will, positive Nebenwirkung bekam dafür eine Fluchtgruppe zu spüren – und zuvorderst der den Ausreißern enteilte Quinn Simmons aus den USA. Vor dem Anstieg hinauf zum Plateau de Solaison vergrößerte sich deren Vorsprung auf die Verfolger um Pogacar, Del Torro sowie das Red-Bull-Kapitänsduo Florian Lipowitz aus Laichingen und Evenepoel. Aus zwei Minuten wurden drei – bei nur noch einem Anstieg. Aber der hatte es in sich.Lipowitz muss sieben Kilometer vor dem Ziel abreißen lassen9,1 Prozent Durchschnittssteigung, 11,3 Prozent in der Spitze, ein Paradies für Bergziegen, aber nicht zwingend für Rennradprofis. Und so schmolz der Vorsprung der Flüchtigen dahin wie Wassereis in der Sonne. Das französische Teenager-Talent Paul Seixas und Lipowitz ließen sieben Kilometer vor dem Ziel abreißen. Nur sein Teamkollege Del Toro und Red-Bull-Mann Evenepoel konnten Pogacar noch folgen. Ein Moment, da sich womöglich die Frage klärte, wer im deutschen Team Red Bull im Zweifel das alleinige Kapitänsamt übernimmt.Lipowitz hatte fünf Wochen vor dem Tourstart erklärt, dass er sich stärker fühle als vor einem Jahr, als Evenepoel (damals noch in Diensten eines belgischen Rennstalls) aufgegeben hatte und Lipowitz hinter Vingegaard und Sieger Pogacar Gesamtdritter wurde. „Ich mag es lieber, wenn es härter ist“, hatte der 25-Jährige im SZ-Interview gesagt, demnach hätte das Plateau de Solaison mit seinem unnachgiebigen Gefälle Lipowitz in die Karten spielen können. Doch es wurde zum Terrain dreier anderer.Bereits vier Kilometer vor dem Ziel waren sämtliche Flüchtigen gestoppt. Red-Bull-Mann Evenepoel und das UAE-Duo Del Torro und Pogacar machten sich auf die letzten 4000 Meter, um den Tagessieger zu ermitteln. Ein Trio, kein Quartett, weil einer fehlte und bereits auf dem Weg ins Krankenhaus war, weswegen Evenepoel (+5:00) im Gesamtklassement auf Rang zwei vorrücken sollte, vor Del Torro (+5:58), Seixas (+6:23) und Lipowitz (+6:48). Der Mexikaner unternahm mehrere Versuche, zu entwischen, doch Evenepoel konterte – und war nicht zu stoppen, als sich auf dem Plateau de Solaison zum ersten Mal überhaupt ein Tour-de-France-Zielspurt zutrug, der an diesem folgenschweren Tag zur Nebensache wurde.