Wer sich der Hauptstadt über die Avus nähert, wird am früheren Grenzübergang Dreilinden von einem Bären begrüßt. Das hat etwas Freundliches, Beruhigendes – würde die Skulptur nicht seit Monaten in einer Kiste stehen, aus der nur der Kopf herausguckt. Irgendwas stimmt nicht mit dem Wappentier, es muss wohl, wie so vieles in Berlin, saniert, ausgebessert oder gesäubert werden. Immerhin liegt kein Müll am Sockel, vermutlich weil er an der A 115, also in Entfernung zu menschlichem Leben, steht.Immerhin liegt kein Müll am Sockel: Bär an der AvusJens GyarmatyAls die frühen Stadtväter den Bären zum Wappentier machten, dürften sie an Größe und Kraft gedacht haben, womöglich wollten sie auch zelebrieren, dass die Siedlung urwüchsigen Wäldern abgetrotzt wurde. Heute gilt der Bär als eher gutmütiger Geselle, ein bisschen tollpatschig und auf lebenszugewandte Weise faul. Und nun ist er auch noch versehrt, sogar in seiner ikonographischen, von Renée Sintenis entworfenen Gestalt, die auf den Autobahnen und Briefköpfen der Stadt zu bewundern ist. Man tut Berlin nicht unrecht, wenn man im heraldischen Abstieg des Bären ein Stück Stadtgeschichte wiederentdeckt.Vor zwei Jahrzehnten hieß es zumindest noch, Berlin sei arm, aber sexy. Es war das letzte erinnerungswürdige Zitat eines Berliner Bürgermeisters (Klaus Wowereit). Seither sind Immobilienmakler aus Stuttgart und Projektentwickler aus Hamburg zugezogen, mehr oder weniger vielversprechende Start-ups haben sich gegründet, der Haushalt des Stadtstaates verdoppelte sich. Man könnte von einem Aufstieg sprechen, wäre er nicht zu gleichen Maßen ein Sinkflug in die Mittelmäßigkeit: Berlin ist heute wacker, aber gereizt.Ans Mittelmaß gewöhnenAn Mediokrität müssen sich die Berliner erst gewöhnen. Die Stadt wurde lange Zeit abgehoben von anderen, und irgendein Bär stand immer Pate. Nur am Anfang machte Berlin noch nicht von sich reden; in den ersten Jahrhunderten wurde es, wenn überhaupt, als glanzlos und schmutzig beschrieben. Doch dann strahlte es plötzlich (zusammen mit Potsdam) als Zentrum preußischer Herrlichkeit; die acht Bären auf dem Roten Rathaus sind die wohl stolzesten im ganzen Stadtgebiet: Gebieterisch stehen sie auf zwei Beinen, die Tatzen halten ein Schild mit dem Brandenburger Adler.In der Kaiserzeit entwickelte sich Berlin zum powerhouse Europas, so strotzend vor Zuversicht und Selbstbewusstsein wie Jeremias Christensens marmorne „Sprea“ im Tierpark Friedrichsfelde, die den Berliner Bären – und mit ihm die ganze Reichshauptstadt – symbolisch mit Wasser versorgt. Zu Weimarer Zeiten galt die Stadt dann als Metropole zwischen Sünde und Wehmut. Man mag die Sehnsucht nach Geborgenheit in Hermann Joachim Pagels „Bär mit Kindern“ im Volkspark Jungfernheide wiedererkennen.Nach dem Krieg erlebte die Welt Berlin als verwundete und zugleich quirlig-freche Frontstadt. In diese Zeit fallen viele der experimentelleren Bärenskulpturen, bevor Berlin dann mit der Wiedervereinigung zum Ort sich nie erfüllender Hoffnungen aufstieg, was nicht zuletzt in unentschiedener Bärenproduktion Niederschlag fand. Und jetzt? Lauscht man den Spitzenkandidaten von SPD und CDU, scheint die Stadt fast wieder an ihrem glanzlosen Anfang zu stehen.
Was Berliner Bären über den Zustand der Stadt verraten
Die Abgesänge auf Deutschlands verwahrloste Hauptstadt häufen sich. Mitten unter den Berlinern lebt ihr geliebtes Wappentier und erzählt etwas ganz anderes. Wir haben hingehört.







