SerieEin Anarchist ersticht Kaiserin Sisi in Genf. Der Fall scheint rasch aufgeklärt. Doch bald sucht halb Europa nach einem Netzwerk und bei der Schweizer Politik die SchuldAm 10. September 1898 wurde die Kaiserin von Österreich-Ungarn in Genf ermordet, als sie auf eine Bootsfahrt gehen wollte. Das Attentat löste eine diplomatische Krise aus.19.07.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZAm Genfer Bahnhof sollen am 10. September 1898 zwei Männer auf Luigi Lucheni gewartet haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So erzählte Lucheni es später, Monate nach seiner Tat und Verurteilung. Das hätte aus dem Mord durch einen Einzeltäter ein mögliches Komplott gemacht. Zwei Italiener, sagte er, hätten ihm nach dem Anschlag zur Flucht verhelfen sollen. Namen nannte er keine. Es gab nichts, was ihre Existenz belegt hätte.Vielleicht standen sie an jenem Samstagnachmittag tatsächlich irgendwo in der Halle des Bahnhofs Cornavin. Einer schaute zur Uhr. Der andere behielt den Eingang im Blick. Vielleicht trugen sie eine Fahrkarte bei sich, die Lucheni zur Flucht aus Genf verhelfen sollte. Vielleicht hat es die beiden Männer nie gegeben. Sicher ist nur, dass der Mann, der von diesen Phantomen erzählte, den Bahnhof nie erreichen sollte.«Was ist mit mir geschehen?»Um 13 Uhr 35 lehnte der 25-jährige italienische Hilfsarbeiter Luigi Lucheni beim Seeufer am Geländer des Quai du Mont-Blanc. Er trug eine kurze, zugespitzte, dreikantige Feile bei sich. Er hatte sie acht Tage zuvor gekauft. Für einen Dolch hatte das Geld gefehlt.Zur selben Zeit verliess Kaiserin Elisabeth von Österreich mit ihrer Hofdame Irma Sztáray das «Beau-Rivage». Die beiden Frauen wollten den Dampfer erreichen, der sie um 13 Uhr 40 Richtung Montreux bringen sollte. Sie waren spät dran, Elisabeth ging schnell.Lucheni wusste aus der Zeitung, dass sie für einen Kurzaufenthalt während ihrer Kur in Caux in der Stadt war. Ihr Pseudonym, Gräfin von Hohenembs, schützte sie nicht. Die Zeitung «Tribune de Genève» hatte ihre Anwesenheit und ihre Unterkunft publik gemacht.Als Elisabeth auf der Höhe des Droschkenhalteplatzes war, sprang Lucheni vor und stiess ihr die Feile in die Brust. Die Kaiserin fiel zu Boden. Passanten halfen ihr auf. Elisabeth verstand nicht, was geschehen war. «Was glauben Sie, wollte der Mann von mir? Vielleicht meine Uhr?», soll sie gefragt haben. Sie ging weiter. «Frisch und elastisch schritt sie neben mir her, meinen Arm lehnte sie ab», sagte Sztáray später im Verhör.Man wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Kaiserin tödlich verletzt war. Die Umstehenden hatten nur gesehen, wie ein Mann eine Frau zu Boden gestossen hatte und geflohen war. Lucheni warf die Feile in einen Hauseingang und rannte in Richtung Bahnhof. Zwei Kutscher setzten ihm nach und überwältigten ihn, er wurde verhaftet. Wenn tatsächlich zwei Männer in der Bahnhofshalle auf ihn warteten, taten sie das vergeblich.Elisabeth erreichte den Dampfer. Die Feile hatte ihren Brustkorb durchdrungen und das Herz verletzt. Äusserlich war kaum etwas zu sehen. Das enge Mieder übte Druck auf die kleine Wunde aus, während das Blut in den Brustraum floss. Noch konnte die Kaiserin sprechen, gehen und an Bord steigen. Der Dampfer legte ab. 120 Schritte, erst dann brach sie zusammen.Sztáray öffnete das Kleid und entdeckte auf der hellen Wäsche einen «Blutfleck in der Grösse eines Silberguldens». Die Stichwunde lag vierzehn Zentimeter unter dem linken Schlüsselbein, war 8,5 Zentimeter tief. Der Kapitän liess das Schiff wenden. Man brachte die Kaiserin zurück ins «Beau-Rivage» – in jenes Hotel, dessen Name in der Zeitung gestanden hatte. Ungefähr eine Stunde nach dem Angriff starb Elisabeth an ihren inneren Blutungen. Sie war 60 Jahre alt. Ihre letzten Worte sind durch Sztáray überliefert: «Was ist denn mit mir geschehen?»Zu diesem Zeitpunkt sass Luigi Lucheni bereits im Polizeiverhör. Aus dem Angriff war ein Mord geworden. Und aus dem Tod einer Frau auf der Seepromenade sollte bald eine Anklage gegen die politische Ordnung eines ganzen Landes werden.«Es lebe die Anarchie!»Der Genfer Untersuchungsrichter Charles Léchet verhörte Lucheni noch am selben Nachmittag. Der Gefangene erzählte bereitwillig. Er bekannte sich zur Tat und erklärte, er habe einen Angehörigen der herrschenden Klasse töten wollen. «Ich hatte mir geschworen, irgendeine hochgestellte Persönlichkeit umzubringen, Prinz, König oder Präsident einer Republik – ganz gleich! Sie sind alle von einem Schlag.» Ursprünglich wollte er Prinz Henri d’Orléans töten, doch dieser sagte seinen Besuch in Genf kurzfristig ab. Luchenis Opfer war weltberühmt, für ihn war es austauschbar.Während der Befragung klingelte das Telefon. Man meldete, dass die Frau vom Quai du Mont-Blanc gestorben war. Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn. Lucheni soll aufgesprungen sein und gerufen haben: «Es lebe die Anarchie! Es leben die Anarchisten!»Der Fall schien abgeschlossen. Der Täter war gefasst. Er hatte gestanden und selbst eine politische Erklärung geliefert. Lucheni schilderte nicht nur seine Tat, er entwarf zugleich die Rolle, in der die Welt ihn sehen sollte. Bis zu diesem Tag war er ein Wanderarbeiter gewesen, an dem die Öffentlichkeit vorbeigesehen hatte. Nun hörte ihm ein Richter zu. Polizisten protokollierten seine Worte. Reporter warteten vor dem Gebäude.Die Genfer Ermittler versuchten derweil, Luchenis Wege zu rekonstruieren. Polizeiliche Anfragen gingen an frühere Aufenthaltsorte in Italien, der Schweiz, Österreich und Ungarn und reichten bis nach Argentinien. Sie suchten nach Briefen, Adressen, früheren Kontakten und den Menschen, mit denen er in Genf verkehrt hatte. Jeder Name konnte bedeutungslos sein. Oder zu einer Verbindung führen, die aus dem einsamen Attentäter das letzte Glied einer Organisation machte. Lucheni bestand anfangs darauf, alleine gehandelt zu haben. Von den beiden wartenden Italienern am Bahnhof war noch keine Rede.Luigi Lucheni kam 1873 in Paris zur Welt. Die Mutter war eine italienische Arbeiterin, der Vater unbekannt. Sie gab das Kind fort. Lucheni wuchs in Heimen und Pflegefamilien auf. Nach seiner Militärzeit zog er als Gelegenheitsarbeiter durch mehrere Länder und gelangte schliesslich in die Westschweiz. Hier kam er mit anarchistischen Arbeitern in Kontakt. Nach der Darstellung der Historikerin Anna Maria Sigmund («Tatort Genfer See», Wien 2020) nahm man ihn dort nicht ernst; Gesinnungsgenossen sollen ihn als «il stupido» verspottet haben.Der Anarchismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts war weder eine einheitliche Lehre noch eine zentral geführte Organisation. Zu seinem Milieu gehörten Gewerkschafter und Arbeiter, Publizisten und Verleger, Emigranten und Flüchtlinge. Viele entwarfen eine herrschaftsfreie Gesellschaft und lehnten individuelle Gewalttaten ab. Eine militante Minderheit hingegen verstand Anschläge als «Propaganda der Tat»: Ein Mord sollte einzelne Repräsentanten der Macht treffen und beweisen, dass auch Könige und Präsidenten verwundbar waren. 1894 hatte der italienische Anarchist Sante Geronimo Caserio den französischen Präsidenten Sadi Carnot erstochen, 1897 hatte Michele Angiolillo den spanischen Ministerpräsidenten Antonio Cánovas del Castillo erschossen. Der Mord an Elisabeth stand in dieser Reihe.«Ihre Königsmörderbrut!»Zeitgenossen nannten Elisabeth die «schönste Frau Europas». Dafür tat sie viel. Sie liess Turngeräte in allen Residenzen installieren, machte radikale Fastenkuren und stundenlange Gewaltmärsche. Ihre Hofdame schilderte später, wie schwer es ihr gefallen sei, mit dem Tempo der Kaiserin Schritt zu halten. Erste Falten versteckte Elisabeth hinter Schleiern und Fächern. Malen liess sie sich irgendwann gar nicht mehr. Deshalb gibt es nur Bilder der jungen Kaiserin, darunter das berühmte von Franz Xaver Winterhalter, das sie im rosa Tüllkleid mit Juwelensternen im Haar zeigt.Die Tochter der Kaiserin, Sophie, starb als Kleinkind. 1889 beging ihr Sohn Rudolf in Mayerling Suizid. Danach trug Elisabeth fast ausschliesslich Schwarz. Sie mied Wien noch entschiedener als davor. Sie reiste durch Europa, hielt sich auf Korfu, in England, Bayern auf.Über die Schweiz schrieb sie, das Gebirge sei herrlich und die Uhren seien zuverlässig: «Doch für uns ist höchst gefährlich / Ihre Königsmörderbrut!» Die Verse stehen in ihrem poetischen Tagebuch. Man liest sie heute wie eine Prophezeiung. Der Genfer Polizeipräsident warnte Elisabeth wenige Tage vor dem Attentat vor der anarchistischen Gefahr in der Schweiz und bot ihr Polizeischutz an. Sie lehnte ab.Seit den Revolutionen von 1848 verstand sich der Bundesstaat als Zufluchtsort für politische Flüchtlinge. Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune nahm er 1871 Hunderte Kommunarden auf, später deutsche Sozialdemokraten sowie russische, polnische und italienische Anarchisten. Was die Eidgenossenschaft als Asylrecht und politische Freiheit verteidigte, erschien den umliegenden Regierungen in Wien, Rom, Berlin und Paris als gefährliche Nachsicht.Um zu ermessen, welches Gewicht der Verdacht zweier wartender Phantome am Bahnhof Cornavin haben konnte, muss man verstehen, wie die Schweiz mit dieser Anklage umging.Die Schweiz unter VerdachtFrankreich verabschiedete nach den anarchistischen Anschlägen der frühen 1890er Jahre drei Ausnahmegesetze, die nicht nur Gewalttaten, sondern auch anarchistische Propaganda und Presseerzeugnisse verfolgten. Auch andere europäische Staaten überwachten, registrierten und wiesen Anarchisten aus. Die Schweiz ging einen anderen Weg. Nachdem der russische Anarchist Isaak Dembo 1889 auf dem Zürichberg mit Bomben experimentiert hatte und dabei ums Leben gekommen war, führte der Bund ein Sprengstoffverbot ein. 1894, nach dem Bombenanschlag auf die Pariser Nationalversammlung, verschärfte er mit dem sogenannten Anarchistengesetz die Strafen für Sprengstoffverbrechen und stellte schon deren Vorbereitung unter Strafe. Verfolgt wurde die gefährliche Handlung. Radikale Überzeugungen allein blieben straffrei.Den Anarchisten Errico Malatesta wies die Schweiz 1891 aus, er wurde aber nicht der italienischen Polizei übergeben. Den russischen Revolutionär Sergei Netschajew dagegen lieferte sie 1872 an die zaristischen Behörden aus. Netschajew hatte in Moskau ein Mitglied seiner eigenen Geheimgruppe, angeblich ein Verräter, töten lassen – für die Schweizer Behörden ein Mord, aber keine politische Tat. Und nur politische Täter schützte das Asyl.Die Schweiz wollte keine ausländische politische Polizei auf ihrem Gebiet. Sie baute deshalb ihre eigene aus. Eine ständige Bundesanwaltschaft koordinierte fortan die Überwachung politischer Flüchtlinge. Die Schweiz überwachte selbst, damit es kein anderer tat.Bis 1898 hatte sie so ein Instrumentarium geschaffen, das Gewalt verfolgte, ohne das Asylrecht preiszugeben. Der Mord an Elisabeth stellte diese Balance auf die härteste Probe. Der Historiker Michael van Orsouw schreibt in seinem Buch «Sisis Zuflucht», im Umfeld Kaiser Franz Josephs sei nach ihrem Tod eine militärische Strafaktion gegen die Schweiz erwogen worden; der Kaiser habe abgelehnt. Wie ernst diese Überlegung war, ist nicht belegt. Der politische Vorwurf aber war eindeutig: Die Schweiz schütze nicht nur Verfolgte, sondern auch die Mörder der europäischen Monarchien. Die Frage nach möglichen Helfern Luchenis war mehr als eine kriminalistische. Ein Netzwerk, das über die Landesgrenzen hinausreicht, hätte die Schweiz nicht nur zum Tatort gemacht. Es hätte den Verdacht bestätigt, dass ihre Freiheiten der politischen Gewalt als Infrastruktur dienten.Einem Komplott auf der SpurWien wartete die Schweizer Ermittlungen nicht ab. Bereits im September 1898 meldete die österreichisch-ungarische Gesandtschaft in Bern der Heimat, man sei in Genf einem Komplott auf der Spur. Die Historikerin Anna Maria Sigmund zitiert aus dieser Depesche: Das Komplott sei eines, «welches wahrscheinlich in London angezettelt und dann nach Zürich übertragen wurde». Das Attentat auf Elisabeth sei von langer Hand vorbereitet gewesen, die Aktion durch den «von London hergeschickten Ciancabilla» in Gang gesetzt und die Ausführung Lucheni anvertraut worden. Die Depesche veränderte den Massstab des Falls. Aus dem mittellosen Wanderarbeiter wurde darin der Agent einer international tätigen Untergrundorganisation.Der italienische Journalist Giuseppe Ciancabilla gehörte zum radikalen Flügel des italienischen Anarchismus, die italienische Polizei führte ihn als «gefährlichen Anarchisten». In Neuenburg gab er die Wochenzeitung «L’Agitatore» heraus. In deren letzter Ausgabe vom 17. September 1898 erschien sein Beitrag «Un colpo di lima» («Ein Feilenstoss»). Spätere Darstellungen werten den Text als Rechtfertigung von Luchenis Tat. Aus dem Artikel allein lässt sich jedoch weder eine Beteiligung an der Planung noch ein Auftrag an Lucheni ableiten.Nach der Ermordung einer Kaiserin entstand anscheinend der Wunsch, hinter dem Täter eine Organisation zu entdecken. Ein mächtiges Opfer verlangt in der politischen Vorstellung nach einem mächtigen Gegner. Ein internationales Terrornetz schien dem Ereignis angemessener als ein mittelloser Arbeiter als Einzeltäter.Die Schweizer Politik geriet unter Druck. Bern musste Wien versichern, dass es den Mord nicht duldete, ohne den Eindruck zu erwecken, die Schweizer Rechtsordnung werde nun von den Monarchien Europas bestimmt. Noch im September 1898 wies der Bundesrat 36 ausländische Anarchisten aus. Grundlage war Artikel 70 der Bundesverfassung, der die Entfernung von Ausländern erlaubte, welche die innere oder äussere Sicherheit gefährdeten. Keiner der Ausgewiesenen war nachweislich am Attentat beteiligt.Vom 24. November bis zum 21. Dezember 1898 berieten Vertreter von 21 Staaten in Rom über den Kampf gegen anarchistische Gewalt. Neben schärferen Gesetzen und Ausweisungen ging es um gemeinsame Identifizierungsmethoden und den Austausch polizeilicher Informationen. Die Konferenz gilt als früher Schritt hin zur institutionalisierten internationalen Polizeikooperation. In den folgenden Jahren arbeiteten die europäischen Polizeibehörden enger zusammen. Anarchistische Propaganda wurde in der Schweiz nun häufiger mit Ausweisung beantwortet.Die angebliche Organisation hinter dem TäterLucheni wurde im November 1898 in Genf zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Der Generalstaatsanwalt Georges Navazza bezeichnete ihn als «Instrument des Anarchismus». Lucheni konterte, er habe ohne Komplizen gehandelt und sei nicht das Werkzeug anderer gewesen. Er übernahm die Verantwortung vollständig.Während seiner Haft las er Voltaire, Montesquieu, Schopenhauer, die Bibel. Er schrieb seine eigenen Aufzeichnungen. Sie wurden 1998 publiziert unter dem Titel «Ich bereue nichts!». Der Untersuchungsrichter Charles Léchet besuchte den Gefangenen auch nach dem Urteil fast täglich, liess ihn erzählen. Anna Maria Sigmund datiert die entscheidende Aussage Luchenis auf den 25. April 1899. Nach Sigmunds Rekonstruktion erklärte der Häftling, zwei Italiener hätten am Bahnhof auf ihn gewartet, um ihm bei der Flucht zu helfen.Die Tat selbst wirkte kaum wie eine professionell vorbereitete Geheimoperation. Lucheni besass keine Schusswaffe, benutzte eine eigenhändig zugespitzte Feile. Er griff auf einer belebten Promenade an. Er rannte zu Fuss davon. Er wurde fast sofort gefasst. Ein gut ausgestattetes Netzwerk hätte ihm eine verlässlichere Waffe geben können. Es hätte ein Fahrzeug bereitstellen, einen Fluchtweg sichern, einen zweiten Täter einsetzen können.Auf der anderen Seite: Lucheni lebte nicht in einem politischen Vakuum. Er traf anarchistische Arbeiter, kannte die Sprache der Bewegung und verstand seinen Mord als Beitrag zu einem grösseren Kampf. Er warf nach dem Angriff die Feile weg und rannte zum Bahnhof. Das passte nicht zur späteren Pose des Mannes, der nur auf Verhaftung und Märtyrertum gewartet haben wollte.Anna Maria Sigmund geht davon aus, Lucheni sei stärker in ein anarchistisches Umfeld eingebunden gewesen, als es die traditionelle Einzeltäterdarstellung erkennen liess. Sie hält Lucheni für einen Mann, den sein Milieu gezielt auf Elisabeth angesetzt hatte. Beweisen lässt sich das nicht. Aber es zeigt, wie viel Spielraum die Akten lassen.Aus Luchenis späterer Aussage entstand kein zweites grosses Strafverfahren. Für die Presse mochte die Geschichte von zwei wartenden Italienern eine Sensation gewesen sein. Für die Justiz war sie eine Spur ohne überprüfbaren Ausgangspunkt.Lucheni verbrachte fast zwölf Jahre in Haft. Am 19. Oktober 1910 wurde er erhängt in seiner Zelle gefunden. Sein Gehirn wurde anschliessend in der Gerichtsmedizin untersucht: Die Kriminalanthropologie jener Jahre hoffte, bei Gewalttätern körperliche Abweichungen zu finden. Bei Lucheni ergab die Untersuchung keinen auffälligen Befund. Das Böse war nicht zu finden.Elektrisierender als CäsarNach Elisabeths Tod wurde das «Beau-Rivage» zur Aufbahrungsstätte. Am 14.September 1898 begleiteten zahlreiche Menschen den Sarg vom Hotel zum Genfer Bahnhof Cornavin. Dort wurde er in den für die Überführung bestimmten Eisenbahnwagen gebracht; anschliessend wurde der Wagen versiegelt. Ein Trauerzug brachte Elisabeths Leichnam nach Wien. Entlang der Schweizer Strecke versammelten sich Menschen an den Bahnhöfen. Zeitungen berichteten: «Lausanne – 10 000 Menschen warten auf dem Bahnhof. Bern – eine riesige Menschenansammlung. Liechtenstein – im ganzen Fürstentum läuten sämtliche Glocken. Innsbruck – gegen halb 8 Uhr morgens (15. September), auf dem Bahnhofsplatz Tausende und Tausende von Menschen.»Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hielt sich damals in Kaltenleutgeben bei Wien auf. Er schrieb: «Selbst die Ermordung Cäsars hätte damals die Welt nicht so elektrisieren können, wie dieser Mord sie elektrisiert hat.» Twain führte die weltweite Wirkung auf die neue Geschwindigkeit der Nachrichten zurück: Der Telegraph hatte aus einem Mord in Genf ein globales Ereignis gemacht.Am 17. September wurde Elisabeth beigesetzt. Am Tag davor wurden «zwei Individuen in einem Waggon der Südbahn entdeckt und verhaftet». Es handelte sich um italienische Terroristen, die zur Trauerfeier reisten. Der anarchistische Terror endete nicht mit Genf. 1900 erschoss Gaetano Bresci den italienischen König Umberto I. in Monza. 1901 tötete Leon Czolgosz den amerikanischen Präsidenten William McKinley in Buffalo. Anschläge auf den Schah von Persien und den Prinzen von Wales scheiterten. Die «Propaganda der Tat» stürzte die bestehende Ordnung nicht, doch sie hinterliess Tote, Angst und einen Sicherheitsapparat, der zunehmend über Staatsgrenzen hinweg arbeitete.Die beiden Männer am Genfer Bahnhof blieben Phantome.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Die nächste Folge lesen sie an dieser Stelle am 25. Juli.