Gastkommentarvon Andreas RödderHätte Putin seinen Angriffskrieg tatsächlich unterlassen, wenn Merkel noch Kanzlerin gewesen wäre? Das klingt nach arger GeschichtsklitterungDie Gastkolumne von Andreas Rödder.19.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie deutsche Kanzlerin Angela Merkel inszenierte sich gerne als jene Politikerin, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Zaum halten konnte: ein Treffen der beiden 2007 in Sotschi.Mikhail / Metzel / AP«Wäre Angela Merkel Kanzlerin geblieben, hätte es keinen Krieg gegeben.» So liess sich der frühere deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel diese Woche im Interview mit der NZZ vernehmen. Die Pose erinnert an Donald Trump, der ja auch behauptet hatte, wäre er noch im Amt gewesen, hätte Putin sich nicht getraut, die Ukraine zu überfallen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So etwas sagt Merkel nicht selbst. Sie lässt ihren früheren Aussenminister und Vizekanzler sprechen, so wie er es schon im März getan hat. Ihrerseits beliess sie es bei Andeutungen, die baltischen Staaten und Polen hätten ein kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit geplantes Gesprächsformat mit Putin torpediert.Nun lässt sich im Irrealis der Vergangenheit alles behaupten und nichts beweisen. Wie plausibel aber ist die Aussage, Angela Merkel hätte durch ihr Handeln oder vielmehr ihre blosse Präsenz im Amt den russischen Überfall auf die Ukraine verhindert? Eine historische Spurensuche mit Blick auf das Gesamtbild.Als Putin 2014 die Krim annektierte und Russland offensichtlich Kampfhandlungen in der Ostukraine vornahm, hatten Deutschland und Europa die imperialen Ambitionen Putins und seine Entschlossenheit unterschätzt, ein Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU zu verhindern.Merkel reagierte darauf unter Ausschluss militärischer Mittel, aber mit Sanktionen und Diplomatie. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten vermittelte sie im Februar 2015 das Minsk-II-Abkommen, das für den Moment eine weitere Eskalation verhinderte. Es machte aber die Konfliktpartei Russland zur Garantiemacht, brachte der Ukraine einen schweren Verlust an Souveränitätsrechten ein und stellte – das war abzusehen – keine dauerhafte Lösung dar.Nichtsdestoweniger hielt die Bundesregierung an den Grundlagen ihrer Russlandpolitik fest. Aussenminister Steinmeier hatte 2008 eine «Modernisierungspartnerschaft» mit Russland ausgerufen, in die sich zugleich ein «kommerzieller Realismus» (Stephen F. Szabo) handfester ökonomischer Interessen mischte. Berlin ordnete die europäische Sicherheitsordnung den deutschen wirtschaftlichen Interessen unter.Das galt vor allem für Gas aus Russland, von dem sich Deutschland durch die deutsche «Energiewende» abhängig gemacht hatte. 2011 war die erste Erdgaspipeline in Betrieb genommen worden, die von Russland durch die Ostsee direkt nach Deutschland führte und damit den Transit durch osteuropäische Länder umging. Wenige Monate nach dem Minsker Abkommen wurde der Vertrag über Nord Stream II unterzeichnet. Gegen alle Warnungen hielt die deutsche Regierung an dem Projekt fest und erklärte, es sei rein wirtschaftlicher Natur. Dass Deutschland darüber hinaus mehrere Gasspeicher an Russland verkaufte, brachte die Rede von einer «Moskau-Connection» aus Politik und Grossindustrie auf, die deutsche Wirtschaftsinteressen gegen die Sicherheitsinteressen des westlichen Bündnisses verfolgte.Gegenüber Washington war die Bundesrepublik schon 2003 zu einem Kurs der freieren Hand übergegangen, der die deutsche Politik bis 2022 prägte. Als sich die Regierung Schröder/Fischer gegen den zweiten Irak-Krieg stellte, lag sie in der Sache des falschen Kriegsgrundes richtig – und setzte zugleich ein starkes Signal des Bündnisses mit Frankreich und Russland gegen die USA.In dieser Konstellation positionierte sich auch Merkel, als die Ukraine 2008 den Beitritt zur Nato beantragte. Sie hatte ebenso nachvollziehbare Gründe dagegen wie Washington dafür – der Kompromiss aber, der Ukraine die Mitgliedschaft zuzusagen, jedoch keinerlei verbindliche Schritte auf dem Weg dorthin zu unternehmen, war die schlechteste aller möglichen Wendungen. Die Ukraine sass in der Falle, die 2014 zuschnappte.Dabei vernachlässigten die Merkel-Regierungen auch die eigene Sicherheit. Dass Deutschland das 2014 von den Nato-Staaten vereinbarte Ziel verfehlte, 2 Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Militär auszugeben, wurde in den USA schon vor Trump scharf kritisiert und als Trittbrettfahrerei bezeichnet.Vor allem führte der Verfall der Verteidigungsfähigkeit zu einem strukturellen Verlust von Abschreckung und damit zum zentralen Argument: Dass es nicht gelungen ist, Putin durch glaubwürdige Abschreckung davon abzuhalten, einen vorsätzlich herbeigeführten Angriffskrieg in Europa zu führen, ist der entscheidende Befund über das Scheitern deutscher und europäischer Aussen- und Russlandpolitik. Demgegenüber sind Merkels Andeutungen über die kriegsvermeidenden Möglichkeiten eines letzten Gesprächsversuchs mit Putin von geradezu kümmerlicher Irrelevanz.Überhaupt: Sich aus der Verantwortung zu stehlen, statt sie zu übernehmen, mindestens im Nachhinein – das ist kein Zeichen von Verantwortung, sondern Geschichtsklitterung.Andreas Rödder ist Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Leiter der Denkfabrik Republik 21 für neue bürgerliche Politik.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Hätte Putin den Ukraine-Krieg mit Merkel als Kanzlerin unterlassen? Analyse von Andreas Rödder
Die Gastkolumne von Andreas Rödder.








