Vom Flüchtling zum Bürgermeister: Dieser Mann zeigt den Deutschen, wie gute Politik gehtRyyan Alshebl, Bürgermeister von Ostelsheim, kam 2015 als Flüchtling von Syrien nach Deutschland. Bereits acht Jahre später regierte er ein schwäbisches Dorf. In einem neuen Buch schildert er seine Erfahrungen mit der deutschen Politik.Marc Zollinger19.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAls nach vielen Jahren endlich wieder ein Zug nach Ostelsheim fuhr, durfte dieser von Amtes wegen nur mit 30 Kilometern pro Stunde durch den Tunnel rollen. Fledermäuse hatten sich dort nämlich inzwischen eingenistet und mussten zuerst an die neue Situation gewöhnt werden. Damit wurde aber auch der geplante 30-Minuten-Takt unmöglich. Ryyan Alshebl, der Bürgermeister der kleinen Gemeinde im Nordschwarzwald, schildert diese Episode in seinem Buch, das in Deutschland gerade viel Aufmerksamkeit erhält. Der ehemalige syrische Flüchtling zeigt nämlich klar und erfrischend, warum Deutschland sich oft selbst blockiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Flucht nach vorn» lautet der Buchtitel. Die zentrale Aussage: «Deutschland hat diese Bürokratie nicht verdient.» Ein Gutachter mit «geradezu königlicher Stellung», so schreibt der 32-Jährige, müsse lediglich erklären, er glaube nicht an das Gelingen eines Projekts, und schon würden Jahre an Planung hinfällig.Geboren wurde Alshebl 1994 in al-Suwaida, einer Stadt im drusisch geprägten Süden Syriens. Seine Eltern hätten am Familientisch immer schon fast nur über Politik geredet, schreibt er. Über den Nahostkonflikt, die arabische Welt, die grosse Weltpolitik. Und so wuchs in ihm der Wunsch, selber einmal irgendwie öffentliche Verantwortung zu übernehmen. Er begann in der Hafenstadt Latakia Wirtschaft zu studieren. Dann aber kam der Bürgerkrieg und mit ihm die Pflicht zum Militärdienst unter Machthaber Asad. Alshebl war 21-jährig, als er sich zur Flucht entschied. Über Libanon und die Türkei gelangte er mit einem Schlauchboot nach Lesbos. Er beschreibt die Flucht als «kalt und dunkel». Fast hätte er sie nicht überlebt. Seine Familie, die 4000 Euro für die Schlepper aufgebracht hatte, blieb zurück.In Deutschland landete er zunächst in einer Gemeinschaftsunterkunft in Calw – zu zwölft in einer Wohnung. Er lernte so intensiv Deutsch, dass er es bald schon nahezu akzentfrei beherrschte. 2023 kandidierte er für die Bürgermeisterwahl in Ostelsheim, unterstützt unter anderem vom umstrittenen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, den er selbst kontaktiert hatte. Alshebl gewann mit absoluter Mehrheit. «Wir haben Geschichte geschrieben», sagte er danach. Im Wahlkampf musste Alshebl öfter klarstellen, dass er keine Moschee bauen wolle. Als Druse gehört er einer eigenständigen Glaubensgemeinschaft an, die sich vom Islam abhebt.Seit dreieinhalb Jahren regiert er nun die knapp dreitausend Einwohner zählende Gemeinde – als erster Bürgermeister Deutschlands, der als Flüchtling kam. Er isst inzwischen gern Spätzle und sagt über sich selbst, die schwäbische Mentalität des ständigen Schaffens übernommen zu haben. Das habe er als junger Mann in Syrien so nicht gekannt. In seiner Heimat habe er aber trotz allem ein «ungeheures Mass an Zuversicht» erlebt. In Deutschland dagegen nimmt er eine «gedämpfte, sorgenbeladene Stimmung» wahr, hinter der Verlustangst stehe.Viele sehen in Alshebl ein Beispiel gelungener Integration. Er selbst mag den Begriff nicht: Es gehe nicht ums hundertprozentige Anpassen, sondern darum, eigene Fähigkeiten als Bereicherung einzubringen.Als Mitglied der Grünen überrascht er immer wieder mit Positionen, die ihm Applaus auch von weit rechts einbringen. Er fordert zum Beispiel eine Befristung von Sozialleistungen für alle Arbeitsfähigen, nicht nur für Migranten. Auch die irreguläre Migration will er «konsequent eindämmen» und hat dafür eine Vielzahl an Massnahmen parat.Es waren insbesondere die eingangs beschriebenen Fledermäuse, die ihm die Paradoxien der deutschen Bürokratie näherbrachten. Als Bürgermeister hatte er direkt mit der Wiedereröffnung der sogenannten Hermann-Hesse-Bahn zu tun. Die etwa 20 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Calw und Renningen war 1983 stillgelegt worden und sollte reaktiviert werden, um die Region wieder ans S-Bahn-Netz der Region Stuttgart anzubinden. Ursprünglich sollte das Vorhaben rund 49 Millionen Euro kosten. Am Ende wurden es 207 Millionen. In zwei historischen Tunneln der Strecke hatten sich nämlich geschützte Fledermausarten eingenistet. Der Bau von Ausweichquartieren kostete allein etwa 80 Millionen Euro.Alshebl trat zwar den Grünen bei, weil ihm der Umweltschutz am Herzen liegt. Doch als Flüchtling aus einem kriegszerstörten, armen Land, so schrieb er, könne er so eine Geldverschwendung nicht nachvollziehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel