PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAus Syrien geflohenMein neues Leben als Bürgermeister in DeutschlandVon Ryyan AlsheblVeröffentlicht am 04.02.2026Lesedauer: 6 MinutenRyyan Alshebl vor dem Rathaus von OstelsheimQuelle: picture alliance/dpa/Christoph SchmidtVor zehn Jahren flüchtete Ryyan Alshebl aus Syrien, acht Jahre später wurde er zum Bürgermeister im schwäbischen Ostelsheim gewählt. Hier schreibt er über die wichtigsten Lehren aus seinen zwei Leben.Als ich die letzten Zeilen meines Buches über mein Leben zwischen Syrien und Deutschland schrieb, hielt ich einen Moment inne und blickte aus dem Fenster meines Wohnzimmers in Ostelsheim. Draußen ging das Leben seinen gewohnt fleißigen schwäbischen Gang. Ein paar Häuser weiter wurde eine neue Hecke gepflanzt, die Müllabfuhr kam, pünktlich wie immer, am Himmel über dem Heckengäu zogen gemächlich Wolken vorbei. Es war ein Bild des Friedens, der Ordnung, der Normalität; einer Normalität, die für mich zur Heimat geworden ist und für deren Erhalt ich als Bürgermeister täglich arbeite.In diesem Augenblick der Stille vibrierte mein Handy. Freunde aus as-Suwaida schickten eine Nachricht mit Fotos der Zerstörung nach den jüngsten Angriffen. Noch immer tobten in Syrien Kämpfe – sie schafften es nur nicht mehr in die deutschen Medien, weil längst neuere brisante Ereignisse die Schlagzeilen beherrschten. Die Straßen und Häuser der Stadt, in der ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte, zur Schule ging und von einer schönen Zukunft träumte, erzählten nun, schwer beschädigt, von bewaffneten Konflikten und Hass.Vielleicht schmerzhafter denn je zuvor wurde mir beim Anblick dieser Aufnahmen die Kluft bewusst, die mein Leben durchzieht und mich zu einem ständigen Spagat zwischen zwei Welten zwingt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite bin ich der deutsche Bürgermeister, der sich über Haushaltspläne, Kitaplätze und Baugenehmigungen den Kopf zerbricht, auf der anderen der Syrer, dessen Herz bei jeder Nachricht aus der alten Heimat blutet. Diese zwei Identitäten sind kein theoretisches Konstrukt, keine abstrakte Idee, sondern alltägliche Realität.Lesen Sie auchMeine Flucht war für mich nie nur eine Bewegung von einem geografischen Ort zum anderen, sie war und ist auch eine innere Reise. Sie begann mit der existenziellen Entscheidung, mein Land, meine Familie, meine Freunde zu verlassen, ja, mein ganzes bisheriges Leben aufzugeben, um nicht in einem sinnlosen Krieg töten zu müssen oder getötet zu werden. Vor allem die Erinnerung an die Überfahrt im Schlauchboot in einer kalten Novembernacht, an die Todesangst, an die Panik in den Augen meiner Mitreisenden hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. In einem solchen Moment, in dem man alles verliert, selbst die Gewissheit, den nächsten Atemzug zu tun, wird man auf das reduziert, was man ist: ein Mensch, der leben will.Diese Erfahrung hat mich entscheidend geprägt und beeinflusst meinen Blick auf Deutschland und die Deutschen. Ich kam in ein Land, das mir wie ein Paradies erschien, ein Land des Friedens, der Sicherheit und der unendlichen Möglichkeiten – und in eine Gesellschaft, die, auf dem Gipfel stehend, statt von Freude über das Erreichte von tiefer Furcht und Sorge erfüllt ist, ebendieses Erreichte zu verlieren. Im Gegensatz dazu steht die unbändige Energie meiner syrischen Freunde, die, am Fuß des Berges stehend, ganz­ euphorisch sind, überhaupt klettern zu dürfen. Diese Gegenüberstellung soll beileibe keine Anklage sein, vielmehr versuche ich zu verstehen, warum Sicherheit und Wohlstand­ allein offenbar nicht ausreichen, um Zufriedenheit und Zuversicht zu schaffen.Meine Arbeit als Bürgermeister führt mir fast täglich eine weitere, sehr deutsche Realität vor Augen: den Bürokratismus. Zweifellos braucht es Regeln, damit ein Staat überhaupt funktionieren kann, denn sie sorgen für Sicherheit, Planbarkeit und Verlässlichkeit. Doch Deutschland droht an seinem Regelwerk zu ersticken. Projekte wie die Reaktivierung der nur knapp dreißig Kilometer langen Hermann-Hesse-Bahn, das durch den Perfektionismus seitens der Behörden zu einem finanziellen und schier nicht enden wollenden Desaster wurde, oder das Hickhack um die Nutzung von Grund und Gebäude der einstigen Gärtnerei in Ostelsheim haben mich gelehrt, dass in Deutschland das Streben nach unangreifbarer Rechtssicherheit und die Berücksichtigung jedes denkbaren Einwandes oft wichtiger sind als der gesunde Menschenverstand und das Gelingen eines Vorhabens. Es herrscht eine „Verhinderungsbürokratie“. Es wird nicht gefragt: „Wie können wir es möglich machen?“, sondern: „Was spricht dagegen?“ Oder, genauer: „Was könnte alles dagegen sprechen?“Ich werde als Verräter beschimpftDurch all diese Erfahrungen ist meine politische Überzeugung gewachsen. Ich habe immer wieder das Wort „Integration“ kritisiert, weil es für mich nach einer einseitigen Anpassung klingt, nach einer Bringschuld derer, die neu in diesem Land sind. Ich glaube nicht an diesen Weg. Ich glaube an etwas viel Stärkeres, aber auch viel Anspruchsvolleres: an eine Kultur der Teilhabe. Dazu braucht es ein gesellschaftliches Umfeld, in dem jeder – ob seit Generationen hier verwurzelt oder erst gestern angekommen – die Chance und ebenso die Pflicht hat, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Es geht darum, ein sichtbarer, aktiver Teil des Ganzen zu werden statt passiver Konsument. Erst dann entsteht jenes „Wir-Gefühl“, das eine Gemeinschaft wirklich zusammenhält.Meine Flucht nach Deutschland verlief nicht ohne Rückschläge und bescherte mir auch bittere Wahrheiten. Eine der schmerzhaftesten Erfahrungen mache ich ausgerechnet innerhalb der syrischen Gemeinschaft hierzulande. Weil ich meine Meinung zum problematischen politischen Übergang in Syrien offen äußere, weil ich mich für den Schutz von Minderheiten einsetze – nicht nur aus eigener Betroffenheit, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass ein neues Syrien nur auf Pluralismus und gegenseitigem Respekt aufgebaut werden kann –, werde ich angefeindet und von jenen, die die totalitären Ideologien, vor denen wir geflohen sind, mit nach Deutschland gebracht haben, gar als Verräter beschimpft.Es zerreißt mir das Herz, wenn ich sehe, wie der Hass und die Konflikte meiner alten Heimat Syrien auf den Straßen und in den sozialen Medien meiner neuen Heimat Deutschland ausgetragen werden. Es zeigt auf brutale Weise, dass die Flucht in ein fernes Land nicht automatisch die Fesseln von Hass und Intoleranz sprengt. Wir müssen die unbequeme Wahrheit anerkennen, dass es Ideologien gibt, die mit den Grundsätzen einer offenen Gesellschaft nicht vereinbar sind, und dass eine falsch verstandene Toleranz uns am Ende alles kosten kann, was uns lieb ist.Lesen Sie auchEin Buch zu schreiben, war für mich ein weiterer Schritt auf meiner Flucht nach vorn. Es war der Versuch, die Fragmente meines Lebens – den Jungen aus Era, den Flüchtling im Schlauchboot, den Verwaltungsangestellten, den deutschen Bürgermeister – zu einem Ganzen zusammenzufügen. Es ist mein Versuch, eine Brücke zu bauen zwischen meinen beiden Welten und vielleicht auch zwischen den verhärteten Fronten in unserer Gesellschaft.Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Die Flucht ist nie wirklich vorbei. Aber heute weiß ich, dass Heimat mehr ist als nur ein Ort auf der Landkarte. Heimat ist dort, wo man gebraucht wird, wo man mitgestalten kann, wo man Verantwortung trägt. In diesem Sinne habe ich in Ostelsheim, im Herzen des schwäbischen Ländle, eine neue Heimat gefunden. Und für diese Heimat werde ich weiter kämpfen – mit der Zuversicht eines Syrers, der weiß, was es bedeutet, alles verloren zu haben, und mit dem pragmatischen Engagement eines deutschen Bürgermeisters, der gelernt hat, dass man auch die dicksten Bretter bohren kann.Ryyan Alshebl ist Mitglied der Grünen. Den Beitrag entnahmen wir seinem Buch „Flucht nach vorn: Ein syrischer Bürgermeister in Schwaben zeigt, wie gute Politik gehen kann“. Es erscheint am 2. Februar (Droemer).