Ein halbes Jahrhundert fand man kein Mittel gegen RAS, eines der wichtigsten Krebsgene. Nun ist es gelungenIn den USA wird das neue Medikament Daraxonrasib bereits eingesetzt, ähnliche Wirkstoffe sind in der Pipeline. Doch europäische Patienten müssen noch warten.Susanne Donner19.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenKrebs der hier in Gelb gehaltenen Bauchspeicheldrüse ist besonders aggressiv. In neun von zehn Fällen sind RAS-Gene die Auslöser.Sasirin Pamai / GettyNicht einmal in seinen kühnsten Träumen habe er mit einem solchen Durchbruch gerechnet, sagt der Biochemiker Kevan Shokat von der University of California, San Francisco. Als Krebsforscher ist er gewohnt, dass sich der Fortschritt mühselig langsam vollzieht. Auch beim Bauchspeicheldrüsenkrebs, der grausamsten aller Krebserkrankungen, ist das so. Seit langem gilt: Die meisten Betroffenen sterben daran innerhalb nur eines Jahres nach der Diagnose. Nach der Operation bekommen neun von zehn Patienten Metastasen. Die Chemotherapie greift nur selten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch dann stellte Ende Mai das kalifornische Biotech-Unternehmen Revolution Medicine auf der grössten Krebstagung der Welt, dem Asco-Kongress in Chicago, die Zulassungsstudie eines neuen Medikamentes vor. «Es wurde in der stadiongrossen Halle mit 20 000 Zuhörern ganz still», erzählt Stefan Kasper-Virchow, Onkologe vom Universitätsklinikum Essen, der selbst da war. «Gänsehaut. Und im Anschluss sind alle Wissenschafter aufgestanden und haben applaudiert.»Die Aktien von Revolution Medicine klettern an diesem Tag über 50 US-Dollar nach oben. Dem mittelständischen Unternehmen sei eine «Sprunginnovation» gelungen, urteilt Kasper-Virchow.Was steht hinter der Entwicklung? Es gibt Gene in unserem Erbgut, die, wenn sie auf bestimmte Art mutieren, Zellen massiv zum Wachsen anstacheln. Die genetische Veränderung macht aus normalen Körperzellen Krebszellen; die entsprechenden Gene heissen deshalb «Krebstreibergene». Die potentesten Krebstreibergene gehören zur sogenannten RAS-Familie.RAS-Gene sind eine ganze Familie von Krebs-ÜbeltäternDas häufigste Mitglied der RAS-Familie ist ein mutiertes KRAS-Gen. Es findet sich in zwanzig bis dreissig Prozent aller Tumore des Menschen. Besonders allgegenwärtig ist es bei Krebs der Bauchspeicheldrüse, auch bekannt als Pankreas. Neun von zehn Fällen lassen sich darauf zurückführen. Aber auch viele Lungenkrebs- und Darmkrebspatienten tragen eine Mutation in diesem Gen.Nur: Kein Medikament konnte bisher das krebserregende Treiben von KRAS einhegen. Mehr als 45 Jahre lang.Um das Unwesen eines Krebsgens einzufangen, greifen Arzneien in aller Regel das Protein an, für das das Gen den Bauplan liefert. Doch RAS-Proteine haben ungewöhnlich wenig Angriffsstellen auf der Oberfläche. Sie sind «schleimig und schlüpfrig», erklärt Shokat, der seit Jahrzehnten an den Eiweissen forscht.Doch für die neue Arznei namens Daraxonrasib haben die Forscher von Revolution Medicine einen Kniff gefunden, die RAS-Proteine doch zu packen. Der Wirkstoff bindet sich zunächst an ein kleines körpereigenes Eiweiss. Und dieser Komplex schafft, woran all die Vorgänger scheiterten: Er bindet an das RAS-Protein und blockiert seine krebsfördernde Funktion.In der klinischen Studie von Revolution Medicine bekamen 500 Patienten mit fortgeschrittenem metastasiertem Pankreaskarzinom entweder Daraxonrasib oder eine herkömmliche Chemotherapie. Letztere starben im Schnitt nach etwas mehr als sechs Monaten. Mit dem neuen Medikament, einer Tablette, dehnte sich ihre Lebensdauer auf etwas mehr als 13 Monate aus. Die Überlebenszeit verdoppelte sich.Zur Einordnung: Ein neues Medikament in der Krebsmedizin bringt oft allenfalls ein oder zwei Monate längeres Überleben. «Das Risiko, innerhalb eines Jahres an Pankreaskrebs zu sterben, sank mit Daraxonrasib um 60 Prozent – das ist schon sehr effektiv», urteilt Kasper-Virchow.In Europa ist der neue Wirkstoff noch nicht erhältlichAufgrund der bahnbrechenden Ergebnisse bei der bis heute nicht gut behandelbaren Krebserkrankung wird das Unternehmen in den USA nun seine Arznei noch vor der Zulassung gegen Pankreaskrebs zur Verfügung stellen. In Europa – auch in Deutschland und der Schweiz – laufen indes mehr und mehr klinische Studien mit dem neuen Medikament an, mit dem Ziel, es sofort nach der Diagnose anzuwenden.«Wir wissen, dass das RAS-Gen im Tumor immer aktiver wird, je länger er da ist. Wenn man die Arznei früher gibt, könnten die Ergebnisse noch besser sein», sagt der Krebsspezialist und Gastroenterologe Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm.Seit Revolution Medicine seine Studie vorgestellt hat, schreiben jeden Tag rund fünf Patienten die Klinik an, berichtet er. Sie wollen das neue Medikament. «Leider ist es im Moment in Europa nicht verfügbar. So schwer uns das fällt, müssen wir derzeit alle vertrösten. Wir können sie allenfalls auf Wartelisten für künftige klinische Studien setzen, ohne da falsche Hoffnung zu machen», sagt Kasper-Virchow.Die Sensation aus der Forschung und die damit verbundene Hoffnung auf der einen Seite, die Enttäuschung und das frustrierende Warten der Patienten auf der anderen Seite. Es ist eine schwierige Übergangszeit. Ohnehin kommen Menschen mit einem Bauchspeicheldrüsenkrebs oft erst spät in die Praxen. Denn der Tumor, der in der 15 Zentimeter langen gelblichen Drüse zwischen Magen und Wirbelsäule spriesst, falle meist lange Zeit nicht auf, so Seufferlein.Der Pankreaskrebs wächst zunächst unbemerktDie Patienten, meistens über 55 Jahre, wundern sich erst, wenn sich ihre Haut gelblich färbt. Die beginnende Gelbsucht zeugt von dem Tumor, der die benachbarte Gallenblase abdrückt, so dass auch die Leber nicht mehr richtig arbeiten kann. Nicht wenige beklagen zudem diffuse Rückenbeschwerden, weil die Geschwulst Nerven staucht.Doch bis dahin wächst der Tumor still. 1400-mal im Jahr in der Schweiz, 21 000-mal in Deutschland. Oft wuchern bereits Tochtergeschwülste in der Leber, wenn er endlich ausfindig gemacht ist. Und dann widersetzen sich die Krebszellen den Eingriffen der Ärzte. Eine dicke Schicht Bindegewebe schirmt das keilförmige Organ ab, so dass die Arzneien schlecht eindringen können. Die Krebszellen mutieren schnell und wandern sehr leicht in andere Organe.Und dann ist da noch das mutierte RAS – bei neun von zehn Betroffenen. «Unsere Daten zeigen vor allem: Der Pankreaskrebs braucht das RAS-Protein ganz dringend. Wenn man den Krebs da richtig hart und möglichst früh trifft, kann man wirklich etwas im Leben der Patienten verändern», sagt Shokat, der zu den Gründern von Revolution Medicine gehört. Ein Medikament gegen RAS zu entwickeln, war allerdings unglaublich schwer: «Das ist nicht wie ein Auto zu bauen. Es ist, wie zu einem unbekannten Planeten zu fliegen», sagt Shokat.Ihren Ursprung haben die neuen Entwicklungen in Dortmund. Alfred Wittinghofer, Biochemiker am dortigen Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie, klärte in den achtziger und neunziger Jahren die Struktur verschiedener RAS-Proteine auf. Sie sehen auf Molekülebene aus wie verknäulte Geschenkschleifen.Ein Laie erkennt nicht, was an ihnen schleimig und schlüpfrig sein soll. Entscheidend aber ist, und auch das entdeckte Wittinghofer: Jedes RAS-Protein funktioniert im Körper wie ein molekularer Schalter. Es kann zwei Zustände einnehmen: an oder aus. Im Tumor sind die RAS-Proteine meistens an, im gesunden Gewebe aus.Schwefelatome öffnen den Weg in das glatte RAS-ProteinDoch das reichte nicht, um endlich einen Schwachpunkt der RAS-Proteine zu finden und eine entsprechende Krebsarznei zu entwickeln. «Es gibt bei den meisten dieser Proteine einfach keine Andockstellen», sagt Shokat. «Aber eines unter ihnen hat immerhin Schwefel in der Struktur – und Schwefel bindet kraftvoll.» Friseurinnen nutzen das beim Haarefärben: Die Farbe verknüpft sich mit einem Schwefelatom im Haar und hält dadurch viel länger.Als Shokat 2013 dieses RAS-Protein über den Schwefel chemisch band, staunte er nicht schlecht: Das ganze Molekülknäuel geriet in Bewegung und ordnete sich räumlich um. Quasi vor Shokats Augen öffnete sich eine Tasche im RAS-Protein, die vorher nicht da war. «Diese Tasche war unsere Chance!»Aus der Idee, bestimmte RAS-Proteine direkt über die Schwefelverbindung lahmzulegen, gingen zwei Medikamente hervor: Sotorasib, seit 2021 in der Schweiz und im Jahr darauf in der EU zugelassen. Und Adagrasib, ab 2024 in der EU erhältlich und bis dato ohne Zulassung in der Schweiz. Sie attackieren recht erfolgreich sehr seltene RAS-Varianten in Lungenkrebs. Der Trick mit dem Schwefel funktioniert zwar nur bei bestimmten RAS-Proteinen. Doch dank diesen ersten sogenannten RAS-Inhibitoren wussten Forschende von da an: Es lohnt sich, RAS anzugreifen.Shokat und seine Kollegen bei Revolution Medicine kümmerten sich also um die geheimnisvolle Tasche in den RAS-Proteinen. Sie wollten einen molekularen Klebstoff entwickeln, der auch ohne Schwefel die krebsrelevante Variante der Proteine an der versteckten Tasche blockiert. Daraxonrasib bindet zunächst an ein körpereigenes Helferprotein namens Cyclophilin A. Mit diesem Komplex gelang es Revolution Medicine 2023, die RAS-Proteine zu verkleben und in der Zelle aus dem Verkehr zu ziehen.Das war der Durchbruch. Die Erfolgsgeschichte der RAS-Arzneien dürfte damit erst beginnen. 70 weitere RAS-Inhibitoren, teilweise spezifisch gegen nur ein bestimmtes RAS-Protein, sind derzeit weltweit bei unterschiedlichen Firmen in der Pipeline, berichtet Shokat. Und auch sein deutscher Kollege Kasper-Virchow ist sich sicher: «Wir werden eine ganze Reihe neuer Krebsmedikamente gegen RAS bekommen.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel