PfadnavigationHomeGesundheitBauchspeicheldrüseNeues Krebs-Medikament verdoppelt die ÜberlebenszeitStand: 14:18 UhrLesedauer: 4 MinutenComputerillustration eines Tumors in der BauchspeicheldrüseQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SEBASTIAN KAULITZKI/SCIENCE PHOTHoffnung für Pankreaskarzinom-Patienten: Ein neuartiger Wirkmechanismus hat sich bei einer bestimmten Gruppe als deutlich effektiver erwiesen als eine Chemotherapie. Experten hoffen auf eine schnelle Zulassung.Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den gefährlichsten Tumorerkrankungen überhaupt. Häufig bleibt er lange unbemerkt, weil er zunächst keine oder nur unspezifische Beschwerden verursacht. Wenn die Diagnose gestellt wird, hat der Krebs bei vielen Betroffenen bereits gestreut und Metastasen gebildet. Die Behandlung ist dann meist nicht mehr auf Heilung ausgerichtet, sondern darauf, das Fortschreiten der Krankheit zu bremsen, Beschwerden zu lindern und Lebenszeit zu gewinnen. Für Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom könnten nun neue Studiendaten Hoffnung bedeuten. In einer Phase-III-Studie überlebten Erkrankte, die mit dem neuen Wirkstoff Daraxonrasib behandelt wurden, doppelt so lange wie Patienten, die eine Chemotherapie erhielten. Die Ergebnisse sollen an diesem Montag beim Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology vorgestellt und zeitgleich im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht werden.Professor Dieter Saur vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg sieht in der Studie „eine der wichtigsten klinischen Entwicklungen beim metastasierten Pankreaskarzinom seit vielen Jahren“. Dietrich Ruess, geschäftsführender Oberarzt und Leiter des zertifizierten Pankreaskarzinomzentrums am Universitätsklinikum Freiburg, spricht sogar von einem „revolutionären“ Durchbruch. Lesen Sie auchIn die Studie wurden 500 bereits vorbehandelte Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs aufgenommen. Sie erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder Daraxonrasib oder eine Chemotherapie. Bei der großen Mehrheit der Teilnehmer lag eine sogenannte RAS-G12-Mutation vor, bei den übrigen andere RAS-Mutationen. Gerade diese genetischen Veränderungen spielen beim Pankreaskarzinom eine zentrale Rolle: Bei etwa 90 Prozent der Tumoren finden sich Mutationen im RAS-Gen.RAS-Gene steuern normalerweise wichtige Wachstums- und Teilungsprozesse in Zellen. Kommt es zu bestimmten Mutationen, kann das entsprechende Protein dauerhaft aktiv bleiben. Dadurch werden Signale ausgelöst, die Tumorwachstum begünstigen. Daraxonrasib gehört zu einer neuen Gruppe sogenannter RAS-ON-Inhibitoren. Anders als bisherige RAS-Hemmer, die meist nur gegen einzelne Mutationsformen gerichtet sind, soll der Wirkstoff mehrere RAS-Varianten erfassen.Deutlich längere ÜberlebenszeitDie nun vorgelegten Daten fallen deutlich aus. In der Untergruppe der Patienten mit RAS-G12-Mutation lag das Gesamtüberleben unter Daraxonrasib bei 13,2 Monaten. In der Vergleichsgruppe mit Chemotherapie waren es 6,6 Monate. Auch die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung verlängerte sich: Unter dem neuen Medikament blieben die Betroffenen im Median 7,3 Monate progressionsfrei, unter Chemotherapie 3,5 Monate. In der Gesamtauswertung der Studie zeigten sich laut den Autoren sehr ähnliche Ergebnisse.Lesen Sie auchAuch bei den Nebenwirkungen schnitt Daraxonrasib in der Studie günstiger ab als die Chemotherapie. Zwar traten Nebenwirkungen bei allen Patientinnen und Patienten in der Daraxonrasib-Gruppe auf, aber schwere Nebenwirkungen waren seltener als unter Chemotherapie. Sie wurden bei 61,8 Prozent der mit Daraxonrasib Behandelten beobachtet, verglichen mit 69,6 Prozent in der Chemotherapie-Gruppe. Besonders auffällig ist der Unterschied bei Therapieabbrüchen: Nur 1,2 Prozent der Patienten brachen die Behandlung mit Daraxonrasib wegen Nebenwirkungen ab, bei der Chemotherapie waren es 11,2 Prozent.Für Betroffene mit metastasiertem Pankreaskarzinom wären diese Ergebnisse klinisch bedeutsam. In diesem Krankheitsstadium sind die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt, und die Prognose ist weiterhin ungünstig. Nach Angaben für Deutschland erkrankten im Jahr 2023 knapp 20.000 Menschen neu an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nur etwa jeder zehnte Betroffene lebt fünf Jahre nach der Diagnose noch.Professor Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm, der an der Studie beteiligt war, rechnet damit, dass das Medikament zugelassen wird. Ob und wann Daraxonrasib regulär verfügbar sein wird, hängt von den Zulassungsbehörden ab.„Das Problem ist, wie wir jetzt mit unseren Patienten kommunizieren. Die Daten sind in der Welt, das Medikament ist aber zumindest in Deutschland aktuell nicht verfügbar“, sagt Seufferlein. Für die USA sei ein sogenannter Compassionate-Use-Zugang geplant, also eine Anwendung vor der Zulassung in bestimmten Einzelfällen. „Wir hoffen, dass dies auch zeitnah in Europa umgesetzt wird, um die Zeit bis zur Zulassung zu überbrücken“, so Seufferlein. Der Hersteller plant Zulassungsanträge in den USA und weltweit.Sollten sich die Ergebnisse bestätigen und die Behörden den Nutzen positiv bewerten, könnte Daraxonrasib die Behandlung eines Teils der Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom verändern. Zugleich dürfte der Wirkstoff auch über diese Krebsart hinaus Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Da RAS-Mutationen bei vielen Tumorarten eine wichtige Rolle spielen, ist zu erwarten, dass Daraxonrasib auch in weiteren klinischen Studien geprüft wird.dia