Ein Nest bauen, Kraftnahrung sammeln, Eier legen und ständige Kämpfe um Leben und Tod: 90 Prozent der Hornissenköniginnen sterben an Erschöpfung. Die Kolumne «Wild und wundersam».Atlant Bieri19.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Siegerin gehört das Nest: die Europäische Hornisse.GettyDie Hornisse ist die grösste einheimische Wespenart. Weil sie die Wärme lieben, kommen die Jungköniginnen erst Anfang Mai aus ihrer Winterruhe. Sie bauen ihre Nester bevorzugt in Baumhöhlen, Vogelnistkästen, Storenkästen oder Schornsteinen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu Beginn macht die Königin noch alles ganz allein. Sie sammelt verrottetes Holz als Rohstoff für das Baupapier, aus dem Wände und Brutzellen bestehen.Um sich selbst bei Kräften zu halten, trinkt sie Nektar und Pflanzensäfte. Als Kraftnahrung für ihre Larven sammelt sie Insekten: Fliegen, Wespen, Heuschrecken, Käfer, Raupen, Spinnen oder Libellen. Pro Tag fliegt sie bis zu hundert Mal aus und gönnt sich dabei wie gewisse Bundesräte nur vier Stunden Nachtruhe. Diese Anfangsphase ist so anstrengend für die Königinnen, dass 90 Prozent von ihnen an Erschöpfung sterben.Wild und wundersamIn dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.Die Plackerei dauert etwa einen Monat. Danach sind die ersten Arbeiterinnen erwachsen und helfen bei der Versorgung des jungen Staates mit. Sobald die Königin acht bis zehn Arbeiterinnen herangezogen hat, bleibt sie ganz im Nest und konzentriert sich nur noch auf die Produktion von Eiern.In den ersten zwei Monaten lauert aber noch eine ganz andere Gefahr. Es gibt nämlich Königinnen, die sich vor der schweren Aufbauarbeit scheuen und lieber einer anderen Königin ihr Nest abjagen. Beim Kampf geht es immer um Leben und Tod.Wird das Nest zu klein, gehen die Arbeiterinnen auf die Suche nach einer sogenannten Filiale.SusanneSchulz / GettyDer Siegerin gehört das Nest. Bis zu einem Dutzend Mal kann es zu solchen feindlichen Übernahmeversuchen kommen. Dabei kann das Nest mehrmals unter die Herrschaft einer neuen Königin fallen. Die toten Königinnen bleiben meist unter dem Nest liegen. Ein Mahnmal der Aufopferung und Hinterhältigkeit.Später im Jahr wird der Platzmangel zum grössten Problem. Wenn das Nest aus allen Nähten zu platzen beginnt, gehen die Arbeiterinnen auf die Suche nach einem Zweitstandort, einer sogenannten Filiale. Meistens wird diese nicht weit weg gegründet. In der Anfangsphase pendelt die Königin zwischen den beiden Standorten hin und her. Dabei wird sie stets von einer Eskorte, bestehend aus zwei Arbeiterinnen, flankiert. Schliesslich zieht die Königin ganz in die Filiale um.Ab August beginnt sie mit den Hochzeitsvorbereitungen für ihre Prinzessinnen. Abwechselnd legt sie befruchtete und unbefruchtete Eier in die Brutzellen. Aus Letzteren schlüpfen männliche Tiere, die Drohnen. Aus Ersteren die neuen Jungköniginnen.Der Hochzeitsflug findet im Oktober statt. In der Regel paaren sich die Jungköniginnen mit einer oder zwei Drohnen eines anderen Staates. Die Spermien von beiden behält sie ein Leben lang in einem Reservoir, der Spermathek. Wann immer nötig, greift sie auf diese zu, um ihre Eier zu befruchten. Der Staat samt Königin stirbt spätestens während des ersten Frosts Ende Herbst. Nur die neuen Jungköniginnen überleben. Eingegraben in der Erde, warten sie auf den kommenden Mai.Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel